Vor 75 Jahren stand die junge Bundesrepublik vor dem Bankrott. Die Lage erinnert frappierend an heutige Krisen. Nur beherzte Reformen und europäische Solidarität retteten sie. Die Episode ist auch ein Lehrstück dafür, wie Regierungen eine Krise verschleppen und verschlimmern können.

Es waren harte Worte – und sie klangen wie ein finanzpolitisches Todesurteil. „Die Deutschen stehen vor dem Bankrott“, sagte der niederländische Außenminister Dirk Stikker am 22. Oktober 1950 bei einer Ministerkonferenz der Benelux-Staaten in Luxemburg.

Eigentlich ging es bei diesem Treffen um Handelsfragen. Doch über allem schwebte eine andere, deutlich größere Frage: Wie sollte es mit dem Nachbarn im Osten weitergehen? Denn Westdeutschlands wirtschaftliche Zukunft sei zweifelhaft, so Stikker weiter, eine Inflation wie nach dem Ersten Weltkrieg stehe unmittelbar bevor.

Eine Hyperinflation droht heute nicht. Doch Deutschlands wirtschaftliche Zukunft ist aktuell ebenfalls fraglich. Vor diesem Hintergrund sind die Ereignisse von vor 75 Jahren mehr als eine historische Fußnote. Sie sind ein gutes Lehrstück dafür, wie Untätigkeit und Reformverweigerung einer Regierung eine Krise verschärfen können. Aber auch dafür, wie beherztes Umsteuern letztlich zum Erfolg führen kann – und wie wichtig bei all dem die Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn ist.

Der Dollar als Sonne des Finanzuniversums

Das globale Finanzsystem nach dem Zweiten Weltkrieg basierte auf dem Abkommen von Bretton Woods. Es war der Versuch, Ordnung in ein ökonomisches Trümmerfeld zu bringen, beschlossen noch vor Ende des Krieges im Sommer 1944 durch Vertreter von 44 Nationen in dem Ort Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire. Im Zentrum dieser neuen Währungsordnung stand der Dollar. Er war gewissermaßen die Sonne im Finanzuniversum, um die alle anderen Währungen wie Planeten kreisten. 

Der Abstand zur Sonne – also der jeweilige Wechselkurs zum Dollar – war fixiert, und damit waren automatisch auch die Relationen der anderen Währungen untereinander festgezurrt. Die amerikanische Währung wiederum war an Gold gekoppelt – der Wert einer Feinunze Gold (31,1 Gramm) war bei 35 Dollar festgelegt. Zu diesem Preis verpflichtete sich die amerikanische Notenbank, Gold zu kaufen oder zu verkaufen. Das Edelmetall und die Währung der USA waren also austauschbar.

Damit ein solches System stabil sein kann, muss die Zahlungsbilanz der teilnehmenden Länder untereinander ausgeglichen sein – oder aktiv ausgeglichen werden. Das bedeutet: Erzielt ein Land im Außenhandel ein Defizit, wodurch Kapital abfließt, muss die Notenbank die eigene Währung im Ausland zurückkaufen, um die Balance wiederherzustellen. Bezahlt wurde dabei mit Dollar oder Gold – der harten Währung des Systems.

In dieses System wurde im Juni 1948 die D-Mark hineingeworfen, und knapp ein Jahr später, im Mai 1949, wurde die Bundesrepublik gegründet. Doch weder die neue Währung noch der junge Staat waren wirklich fit für diese geldpolitische Weltordnung.

Denn Westdeutschland hatte damals zwei Probleme. Zum einen erwirtschaftete es im Außenhandel ein Defizit. Aus heutiger Sicht wirkt das paradox, angesichts des inzwischen geradezu legendären Rufes als führende Exportnation. Doch Deutschland hatte auch schon zur Weimarer Zeit meist ein Außenhandelsdefizit, und nach der Währungsreform von 1948 und der anschließenden Wiederaufnahme des Außenhandels schloss es direkt an diese Tradition an.

Gleichzeitig jedoch, und das war das zweite Problem, hatte Deutschland nach dem Krieg keine Gold- oder Dollarreserven, um dieses Defizit auszugleichen.

Ab Mitte 1950 wurde das zu einem immer drängenderen Problem. Denn nun kam ein externer Schock hinzu: Die Importpreise stiegen rasant. Auslöser war der Koreakrieg, der im Juni 1950 begonnen hatte. So wie nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 führte dies im Sommer 1950 zu einer Verknappung von Rohstoffen und ließ deren Preise explodieren. Als Folge wuchs das deutsche Außenhandelsdefizit weiter.

Bis zu einer gewissen Schwelle war das zunächst kein Problem. Denn just im Juni 1950 war die Europäische Zahlungsunion (EZU) gegründet worden. Sie war ein finanzieller Schutzraum innerhalb des Systems von Bretton Woods.

Die Mitglieder – die Bundesrepublik, Österreich, die Schweiz, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Island, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal, Schweden und die Türkei – verzichteten untereinander auf den Ausgleich von Zahlungsbilanzdefiziten. De facto gewährten sie sich damit gegenseitig Kredit, allerdings nur bis zu fest definierten Grenzen. Für die Bundesrepublik lag diese bei 192 Millionen Dollar.

Deutschland erlebte seine „Griechenland-Krise“ schon 1950

Doch diese Kreditschwelle riss Deutschland binnen kürzester Zeit. Ende Oktober 1950 lag das Außenhandelsdefizit Deutschlands innerhalb der EZU schon bei 289 Millionen Dollar – Deutschland lebte also auf Pump und hatte das Konto gehörig überzogen. Rund 100 Millionen hätten jetzt also ausgeglichen werden müssen, doch der Bank deutscher Länder, der westdeutschen Notenbank und Vorgängerin der Bundesbank, fehlten dafür schlicht die Mittel. In genau dieser Situation machte der niederländische Außenminister Stikker jene Äußerungen über den drohenden Bankrott.

Tatsächlich war die Lage dramatisch, und sie erinnert frappierend an die Griechenlandkrise im Euroraum rund 60 Jahre später. Denn Stikker stellte damals infrage, ob die Bundesrepublik überhaupt dem Währungsverbund angehören solle.

Allerdings – auch das eine Parallele zur Griechenlandkrise – schien den meisten Partnerländern 1950 ein Ausscheiden eines Landes aus der EZU nicht opportun. Also suchte und fand man einen Ausweg: Die Kreditlinien für Deutschland wurden erhöht, gleichzeitig wurde die Bundesregierung aufgefordert, ein Reformprogramm zur Stärkung der deutschen Exportwirtschaft aufzulegen.

Alle Gedanken an Reformen verflogen in Bonn jedoch, sobald die neuen Kredite verfügbar waren – es klingt vertraut. Nur die Bank deutscher Länder erhöhte den Leitzins drastisch, von 4,5 auf 6,5 Prozent, um die D-Mark für ausländische Investoren attraktiver zu machen, also Kapital anzulocken und so das Zahlungsbilanzdefizit zu schließen. Doch das fand nicht etwa den Beifall von Bundeskanzler Konrad Adenauer, im Gegenteil: Er wetterte intern gegen die Verantwortlichen, weil ihr Vorgehen der Wirtschaft schaden könne. Und auch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard machte keinerlei Anstalten, sich des Problems anzunehmen.

Derweil spitzte sich die Lage immer weiter zu. Ende Januar 1951 war der zusätzliche Kredit der Partnerländer bereits wieder zur Hälfte aufgebraucht, und diese verloren zunehmend die Geduld. „Die deutsche Praxis in diesen Angelegenheiten hat in der Vergangenheit keinerlei Bedenken gezeigt, Kredite bis zum Maximum zu verwenden, in der Hoffnung, dass sie von irgendwoher weitere Kredite erhalten, wenn sie diese benötigen“, fasste ein Mitarbeiter aus dem Stab des Wirtschaftsberaters des britischen Hohen Kommissars die Sicht auf die Bundesrepublik zusammen.

Kreditlimit erreicht, doch Bonn stellte sich taub

Es folgten öffentliche Aufrufe an Bonn, endlich zu handeln. Doch dort stellte man sich taub. Als Ende Februar das erhöhte Kreditlimit fast schon erreicht war, kam das Direktorium der EZU zusammen, um über die Lage zu diskutieren. „Die Untersuchung gestern Abend hat wenig Zufriedenheit gebracht, und die Kritik an den Deutschen war heftig“, sagte anschließend der britische Vertreter Hugh Ellis-Rees. Wilhelm Vocke, der Präsident des Direktoriums der Bank deutscher Länder, warnte derweil vor einem Ausscheiden Deutschlands aus der EZU.

Schließlich traten sogar die USA auf den Plan und holten eines ihrer schärfsten Schwerter heraus, um die Bundesregierung endlich zum Handeln zu veranlassen. In einem Brief an den Bundeskanzler drohte am 6. März General John McCloy, der Hohe Kommissar der USA in Deutschland und damit deren höchster Vertreter, dass die USA ihre Unterstützung im Rahmen des Marshall-Plans beenden würden, wenn die Regierung nicht sofort Maßnahmen ergreife, um das Handelsdefizit einzudämmen.

Damals wirkte die Drohung der USA heilsam

Das wirkte. Nun handelte die Bundesregierung – spät, aber entschlossen. Zu den Maßnahmen gehörte – mit ausdrücklichem Einverständnis der europäischen Partner –, Importe zu erschweren und Exporte steuerlich zu fördern. Tatsächlich ließ dies den Trend bereits drehen. Als dann ab Mitte März auch die Rohstoffpreise wieder sanken, erwirtschaftete die Bundesrepublik sogar einen Handelsüberschuss. Dadurch konnte sie die EZU-Kredite bis November 1951 vollständig tilgen.

„Ein zwar nicht von Begeisterung getragener, aber einsichtsvoller Akt europäischer Solidarität hatte die Bundesrepublik vor dem außenwirtschaftlichen Bankrott und dessen binnenwirtschaftlichen Konsequenzen bewahrt“, resümiert der Wirtschaftshistoriker Volker Hentschel. „Das war eigentlich mehr, als das Land hoffen durfte.“ Denn noch wenige Jahre zuvor waren eben jene Länder, die nun Solidarität zeigten, von deutschen Truppen besetzt gewesen.

Ein Bankrott der Bundesrepublik, eine neue Hyperinflation und das Ende der gerade erst eingeführten D-Mark waren so abgewendet. Jetzt war der Weg frei für den wirtschaftlichen Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und den Aufstieg der D-Mark, der sie in den 70er-Jahren schließlich zur weltweit zweitwichtigsten Währung nach dem Dollar machte.

Heute ist Deutschland fest in ein europäisches, solidarisches System aus EU und Euro-System eingebunden. Die Regierung in Berlin hat sich zudem mit gigantischen Krediten, die sie Sondervermögen nennt, Zeit gekauft. Es fehlt also nur noch, dass sie nun die Hebel umlegt und nach langem Zaudern endlich grundlegende Reformen einleitet. Was vor 75 Jahren möglich war, sollte auch heute möglich sein.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.