Etwa 50 krebskranke Kinder werden in Bremen pro Jahr behandelt. Deutschlandweit gibt es rund 2.300 Fälle jährlich. (Symbolbild)
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Die Psychologin Angela Duhr therapiert seit zweieinhalb Jahrzehnten an Krebs erkrankte Kinder am Klinikum Bremen-Mitte. Was damit verbunden ist, erklärt sie hier.
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Angela Duhr
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Die Psychologin Angela Duhr arbeitet seit 2001 in der Kinderonkologie des Klinikums Bremen-Mitte. Seit 2012 ist sie dort Leiterin des Psychosozialen Teams.
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Deutschlandweit erkranken der Deutschen Kinderkrebsstiftung zufolge etwa 2.300 Kinder und Jugendliche im Jahr an Krebs. Am Eltern-Kind-Zentrum Prof. Hess am Klinikum Bremen-Mitte werden rund 50 dieser jungen Patientinnen und Patienten im Jahr behandelt – vom Säugling bis zur 18-Jährigen. Zu den häufigen Krebserkrankungen zählen Leukämien. Aber auch Hirntumore, Nierentumore und Knochentumore werden regelmäßig behandelt. Die Psychologin Angela Duhr erklärt, was das für die Kinder und ihre Angehörigen bedeutet.
Wer auf Ihrer Station einmal ein Kind im Nachthemd, einem Tropfständer und ohne Haare auf dem Kopf an der Hand seiner Mutter über die Flure laufen gesehen hat, vergisst das nicht. Mir stellte sich bei diesem Erlebnis die Frage, ob die Kinder wissen, wie schwer sie krank sind. Können Sie mir das beantworten, Frau Duhr?
Tatsächlich ist es das, was wir Eltern schon im ersten Gespräch sagen, wenn wir ihnen mitteilen, dass sich die Krebserkrankung leider bestätigt hat. Denn dann kommt oft die Frage: Oh Gott, was sollen wir jetzt machen? Sollen wir das unserem Kind erklären oder ihm etwas viel Harmloseres sagen?
Und was raten Sie?
Wir sagen den Eltern, dass ihr Kind es schnell merkt, dass alles anders ist – eine Anspannung in der Familie, Vater oder Mutter, die verweint ins Zimmer kommen. Wenn Eltern ihrem Kind dann etwas anderes erzählen, wird es ihnen in der oft Monate langen Therapie nicht mehr vertrauen. Wir helfen den Eltern aber auch dabei, es dem Alter des Kindes angemessen zu vermitteln.
Vom Säugling bis zum Teenager können auch Kinder an Krebs erkranken. Viele von ihnen leiden an Leukämie, doch auch verschiedene Tumor-Arten kommen vor. (Symbolbild)
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Was heißt denn altersgerecht bei einem Kita-Kind?
Für Kita-Kinder haben wir beispielsweise ein Bilderbuch. Es heißt „Der Chemo-Kasper“. Es zeigt den Kindern, wie eine Chemotherapie wirkt. Es gibt da Zeichnungen der bösen Krebszellen. Und es wird in einfachen Worten beschrieben, wie die Chemotherapie diese Krebszellen zerstört, um wieder gesund zu werden. Wenn wir oder die Eltern dieses Buch mit den Kindern lesen, ist das eine große Hilfe. Denn darin sind zum Beispiel auch Tropfständer gezeichnet, so dass die Kinder sehen und verstehen, die gehören einfach dazu. Davor muss man keine Angst haben.
Und wie gehen Sie mit den Ängsten der Eltern um?
Die Eltern sind in dem Moment, wo sie es erfahren, allein schon vom Wort Krebs schockiert. Viele sehen als erstes das Bild vor Augen, ihr Kind könnte versterben.
Wie begegnen Sie dem?
Wir geben Ihnen Hoffnung. Eine der ersten Botschaften ist, wir können bei Kindern den Krebs oft heilen. Und das trifft auf 80 bis 90 Prozent unserer Patienten zu. Für Eltern ist diese Botschaft wichtig. Denn in den allermeisten Fällen rechnen sie gar nicht mit so einer Option.
Gibt es auch Eltern, die sich Vorwürfe machen?
Ja, tatsächlich ist das bei vielen so. Sie erzählen uns dann davon, dass das Kind einfach nie zu überzeugen war, Gemüse zu essen. Oder sie fragen uns, ob sie ihr Kind zu spät zu uns gebracht haben, weil doch die ersten Kopfschmerzen schon vor drei Monaten begonnen hätten.
Am Eltern-Kind-Zentrum Prof. Hess am Klinikum Bremen-Mitte wird, wie an anderen Kinderkliniken auch, die gesamte Familie in die Krebs-Therapie mit eingebunden.
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Gibt es denn Alarmsignale für Krebs bei Kindern?
Im Grunde nicht. In den allermeisten Fällen ist es so, dass Eltern überhaupt nicht davon ausgehen konnten, dass ihr Kind Krebs hat. Denn jedes Kind hat mal Kopfschmerzen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Auch Bauchschmerzen und Blässe deuten eher auf eine Erkältung hin, nicht aber auf einen Hirntumor. Wir wissen einfach bis heute nicht, was der Auslöser für diese Erkrankung im Kindesalter ist. Nur unsere Therapien sind, Gott sei Dank, jetzt so viel besser, dass wir die Allermeisten wieder gesund kriegen.
In den 1950er Jahren lagen die Heilungschancen noch bei 10 bis 20 Prozent. Wie ist der Sprung auf eine Überlebensrate von 80 bis 90 Prozent in den 2020er Jahren zu erklären?
Ein Grund könnte sein, dass sich – im Gegensatz zur Erwachsenen-Onkologie – die Kinderkliniken nie als Konkurrenten verstanden haben. Es gibt viel Enthusiasmus und wenig Wettbewerb. In ganz Deutschland haben sich Zentren für bestimmte Krebsarten entwickelt, wo bis heute alle Informationen hingeschickt werden. Dieser Informationsfluss hat zu einer unglaublichen Qualität geführt und ist ein Grund dafür, dass die Therapien so gut geworden sind.
Hat sich durch die hohen Überlebensraten auch der Fokus verändert, also weg von der reinen Patientenbetrachtung hin zum gesamten Umfeld des Kindes?
Absolut. Das hat aber glücklicherweise schon in den 1980er Jahren mit ersten Modellversuchen eingesetzt, heute ist es Standard. Es reicht eben nicht aus, dass wir nur das Kind behandeln. Die ganze Familie ist in einer so großen Krise, dass es psychosoziale Mitarbeiterinnen auf den Stationen braucht, wo Kinder mit Krebs behandelt werden. Der Patient ist die Familie, so kann man das sagen.
An den Tropf, durch den die während der Chemotherapie verabreichten Medikamente ins Blut gelangen, müssen sich die Kinder in der Therapie erst gewöhnen. (Symbolbild)
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Binden Sie die Familien auch in die Therapie ein?
Tatsächlich ist es so, dass wir schon im ersten Gespräch mit der Familie, wenn ihr die Diagnose eröffnet wird, erklären, dass auf jeden Fall immer ein Elternteil hier auf der Station gebraucht wird. Erstens, um das Kind konstant zu begleiten. Zweitens, um zu lernen, was alles wichtig ist, wenn das Kind zwischendrin nach Hause entlassen wird. Denn es ist ja glücklicherweise so, dass die Kinder nicht die vielen Monate am Stück hier bei uns sind, sondern immer wieder auch ein, zwei Wochen zu Hause. Dort können sie sich von der Chemotherapie und für den nächsten Chemotherapie-Block erholen.
Auch Nachbarn, Eltern anderer Kita-Kinder, Mitschülerinnen und Freunde bekommen das ja mit. Was raten Sie diesen im Umgang mit betroffenen Familien?
Wir empfehlen den Eltern zunächst einmal eine große Offenheit dem Umfeld gegenüber. Sonst entstehen viele Gerüchte. Und die sind gar nicht hilfreich.
Den Menschen aus dem Umfeld kann ich hingegen nur empfehlen, den Familien praktische Dinge abzunehmen. Da hilft es sehr, wenn ich das Geschwisterkind der erkrankten Tochter einmal in der Woche zum Reiten bringe oder wenn ich gelegentlich etwas koche oder für die Familie einkaufen gehe. Denn Kinder mit einer Krebserkrankung dürfen ja nicht mit in den Supermarkt. Auch die Freunde des Kindes sollten weiter zu Besuch kommen. Denn dass Kinder miteinander spielen können, dass nicht alles wegbricht, was das Kind glücklich macht, ist wichtig.
Dieses Thema im Programm:
buten un binnen, 15. Februar 2026, 19:30 Uhr



