Wenn die Neuwerker KG Uehllöeker zur Kostümsitzung in die Krahnendonkhalle einlädt, sind zwei Dinge programmiert: eine volle Hütte und eine tolle Stimmung. Was für die letzten Jahre zählte, galt für die Sitzung am Karnevalssamstag umso mehr, zumal es neben dem abwechslungsreichen Programm mit Reden, Musik und Show auch noch einen runden Geburtstag zu feiern gab: Die Karnevalsgesellschaft feiert in dieser Session ihr 90-jähriges Bestehen.

Den Appell von Sitzungspräsident Tobias Brüggen „Loss me fiere auf Neuwerker Art“ setzen die fast 1000 Jecken im närrischen Eulennetz von der ersten Sekunde an um; kaum, dass die KG mit allem, was sie hat die Bühne betreten hatte. „Uss Uehl wird 90“, meinte Brüggen, der den Aufmarsch der KG zum Anlass nahm, im Programm unvorhergesehen, verdiente Mitglieder auszuzeichnen: Kassierer Ralf Leuer und den Ehrenvorsitzenden Volker Theisen sowie insbesondere Wolfgang Neiken, der seit 60 Jahre „Eule“ ist und unter anderem als Tanzoffizier jahrelange die Tanzgarde prägte.

„Er öffnet uns die Augen für das Eigen- und das Fremdbild“

In seine Fußstapfen sind die Käuzchen und Eulen getreten, die als Nachwuchsgarden das Sitzungsprogramm eröffneten. Sie könnten einmal in die Tanzgarde der heimischen Funkengarde treten, in der einmal mehr Hoppeditz Niklas Quade mit Feuereifer voranging.

Nach diesem furiosen Auftakt hatte Dave Davies, kölscher Entertainer mit afrikanischen Wurzeln, leichtes Spiel. Das Publikum hing an seinen Lippen, wenn er ihm den schwarz-weißen Spiegel vorhielt. „Er öffnet uns die Augen für das Eigen- und das Fremdbild“, meinte Brüggen nach dem begeisternden Auftritt, bei dem Davies bekannte, Deutsch sei eine schwere Sprache, „vor allem wegen der vielen Dialekte.“ Für ihn sind die Rheinländer die Terroristen der Lebensfreunde. „Die Welt flippt aus, und was macht der Rheinländer? Er feiert erst mal Karneval.“

Das ließen sie die Neuwerker nicht zweimal sagen. Sie feierten, was das Zeug hält. „Schön‚ was auf die Ohren“, versprach ihnen der Sitzungspräsident. Die Musiker von Knallrut erfüllten das Versprechen mit flotten Tönen, die zum Tanzen, Singen und Schunkeln animierten. Der von Brüggen angekündigte „junge Mann, den jeder kennt“, und nicht nur, weil er ein Bär ist mit drei Haaren auf der Brust, hatte kein Problem, mit flottem Mundwerk und flinken Gitarrenspiel die zahlreichen, oft fantasiereich kostümierten Jecken zu unterhalten.

Sein politischer Jahresrückblick galt Amerika und den Krisen der Welt

Bernd Stelter, seit 37 Jahren auf den Bühnen des Karnevals unterwegs, ist in der nach seinen Worten „angesagtesten Halle von Mönchengladbach mit der coolsten Sitzung“ fast schon ein Stammgast. Sein politischer Jahresrückblick galt Amerika und den Krisen der Welt: „Kommt endlich aus dem Quark.“ Kanzler sein kommt für ihn nicht in Frage. „Das bedeutet Spaßverzicht.“ Der Spaß könnte dem Unterhaltungsprofi vergehen, wenn er an den Beschluss der EU zum „Nippel an der Plastikflasche“ oder an die Tricksereien der Lebensmittelindustrie denkt, die für immer kleineren Inhalten immer mehr Geld verlange.

Aber es gebe auch bei allem Elend positive Nachrichten: „Wir leben Karneval.“ Dafür feiern die Jecken ihren „Bären“, der nicht ohne Zugabe gehen darf, aber gehen muss, weil schon die nächst Band auf ihren Auftritt wartet: Randgebeat. Die Gruppe habe in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung genommen, lobte Brüggen. Bei ihrer Interpretation großer Karnevalshits schwappte die Feuerlaune über und wurde das Eulennest zum großen Tanzsaal.

„Wir sind stolz, euer Prinzenpaar zu sein“

Wenn wenig später dann doch die Tränen flossen, so lag das nicht am Auftritt von Randgebeat, sondern an dem des Mönchengladbacher Prinzenpaares. Es waren Freudentränen und zugleich Tränen des Abschieds, die bei Prinz Marc I. und Prinzessin Niersia Janine flossen. Ihr Auftritt in Neuwerk gemeinsam mit den beiden großen Garden aus dem Stadtgebiet war der letzte öffentliche Veranstaltungsauftritt in der Session. „Wir sind stolz, euer Prinzenpaar zu sein“, sagte die Tollität mit gebrochener Stimme, der seine Prinzessin am späten Valentinstagabend noch einen Strauß roter Rosen überreichte.

Viel Lob erhielten er und Janine vom MKV-Vorsitzenden Gert Kartheuser: „So ein Prinzenpaar wie dieses hatten wir lange nicht mehr.“ Da flossen wieder ein paar Tränchen. Sie waren schnell getrocknet, als die Tollitäten singend über die Bühne wirbelten. Dort wurde schnell der Platz knapp, weil immer mehr jecke Frauen hinaufstiegen und mittanzten. Prinz Marc I. hatte die Botschaft des Abends parat: „Wenn wir weiter Frohsinn und Heiterkeit im Herzen tragen, dann ist am Aschermittwoch längst nicht alles vorbei.“

Das Tanzcorps Müllemer Matrosen verblüffte mit seiner Choreografie

Schlag auf Schlag ging es weiter im närrischen Programm. Eine ungewöhnliche Formation bewies, dass vornehmlich mit Schlaginstrumenten flotte, temperamentvolle Musik gemacht werden kann: Drummerholics zauberte kölsche Töne im rasanten Rhythmus auf die Bühne. Da war wieder Tanzen und Singen angesagt, so dass der folgende Auftrifft fast schon zum Verschnaufen dienen konnte. Das Tanzcorps Müllemer Matrosen verblüffte mit seiner Choreografie und faszinierte mit tänzerischen Qualität. Zum krönenden Abschluss gab es noch einmal Lokalkolorit: Die Dröpkes heizten die Narren heftig ein, bevor es zum letzten Mal hieß: „Neuwerk – et flupp“.