Mecklenburg-Vorpommern wirkt vielerorts wie ein Gegenentwurf zur Monumentalarchitektur: Seen, Wälder, Backsteingotik, Seebäder, Dörfer. Und doch liegt ausgerechnet hier ein überraschend dichtes Netz an Bauprojekten, das von der nationalsozialistischen Idee erzählt, Raum, Gesellschaft und „Volksgemeinschaft“ architektonisch zu formen.

Größenwahn aus Beton und Landschaft

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Ein Teil dieser Orte ist prominent – Prora etwa ist Postkartenmotiv und Investoren-Standort. Andere liegen abseits der touristischen Routen: im Wald, hinter Warnschildern, als überwachsene Reste einer Freilichtbühne oder als scheinbar idyllisches Dorf, dessen Fachwerkbalken eine Botschaft tragen. Sie alle verbindet ein Kern: NS-Architektur war selten „nur“ Baukunst, sondern immer auch Inszenierung, Kontrolle und Ideologie in Stein, Beton und Raumachsen.

Welthauptstadt „Germania“ (Berlin)Welthauptstadt „Germania“ (Berlin)

Bedeutung: Nachkriegsbegriff, der die gigantomanischen Macht- und Herrschaftsansprüche des Nationalsozialismus beschreibt.

Begriffsgeschichte: Adolf Hitler verwendete „Welthauptstadt Germania“ nicht; er sprach von „Reichshauptstadt“ oder „Germania“. Der Ausdruck „Reichshauptstadt Germania“ wurde von Mitarbeitern Albert Speers geprägt.

Projekt: Synonym für den „Gesamtbauplan für die Reichshauptstadt“ – Berlin sollte zum Zentrum eines großgermanischen Weltreichs umgestaltet werden.

Organisation: Hitler ernannte Albert Speer zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt (GBI) und unterstellte ihm eine eigene Behörde zur Umsetzung.

Zeitraum: Baubeginn 1938, Arbeiten bis 1943; nie vollendet wegen der deutschen Kapitulation 1945.

Heute: Einige Probebauten und Spuren der Planungen sind im Stadtgebiet noch erhalten.

Quelle: Wikipedia

MV zeigt, wie nah Idyll und Abgrund liegen können: Strandpromenade und Munitionswald, Dorfprospekt und Euthanasieschulung, Stadtentwicklung und Gau-Hauptstadt-Träume.

1) Prora: Der „KdF-Koloss von Rügen“

Prora ist der vielleicht drastischste Ausdruck nationalsozialistischer Massenorganisation als Architektur. Direkt an der Ostsee entstand auf Rügen ab den späten 1930er Jahren ein Gebäudekomplex, der sich wie eine Linie am Strand entlangzieht: rund 4,5 Kilometer lang, geplant für 20.000 Urlauber gleichzeitig. Auftraggeber war die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF), der Entwurf stammt vom Architekten Clemens Klotz.

Flugzeuge der Luftwaffe überfliegen die Grundsteinlegung für das Seebad Prora auf Rügen.Bild vergrößern

Flugzeuge der Luftwaffe überfliegen die Grundsteinlegung für das Seebad Prora auf Rügen. (Foto: ullstein bild)

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Die Idee dahinter war doppelt codiert: Urlaub als Belohnung – und zugleich als Instrument der Disziplinierung. Wer „dazugehört“, wer arbeitet, wer sich einfügt, sollte an genau solchen Orten ein normiertes Freizeitprogramm erleben. Architektur wurde zum Fließband für Erholung im Sinne der Ideologie.

Mythen, Sperrgebiet, Nachkriegskarrieren

Um Prora ranken sich bis heute Geschichten von geheimen Tunneln, militärischen Nutzungen und abgesperrten Bereichen. Sicher ist: Der Bau wurde nie vollständig fertiggestellt – der Krieg stoppte die ursprüngliche Bestimmung.

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Nach 1945 begann die zweite, oft verdrängte Lebensphase vieler NS-Großbauten: die pragmatische Weiterverwendung. Prora diente nacheinander militärischen Strukturen, unter anderem in der DDR der NVA, später auch der Bundeswehr. Aus dem ideologischen Ferienapparat wurde ein funktionales, teils abgeschottetes Zweckensemble.

Vom NS-Relikt zum Immobilienprodukt

In den 2010er Jahren wandelte sich Prora erneut: Der unter Denkmalschutz stehende Komplex wurde zu Luxuswohnungen, Ferienapartments und – als bewusstes Gegenbild zum Exklusiven – auch zum Standort eines außergewöhnlich langen Jugendherberge-Komplexes umgebaut.

Der Koloss von Prora: Der NS-Bau auf Rügen wird heute unter anderem für Wohnungen genutzt.Bild vergrößern

Der Koloss von Prora: Der NS-Bau auf Rügen wird heute unter anderem für Wohnungen genutzt. (Foto: dpa/Stefan Sauer)

Damit stellt Prora heute eine unbequeme Frage: Was passiert, wenn ein Symbol des Größenwahns in eine begehrte Strandimmobilie verwandelt wird? Die Hülle bleibt, die Funktion wechselt – doch die Dimensionen erzählen weiter. Prora gilt nicht ohne Grund als eines der größten baulichen Relikte nationalsozialistischer Überheblichkeit in Deutschland.

2) Alt Rehse: Die „Mustersiedlung“ als Ideologieschule

Alt Rehse am Tollensesee wirkt auf den ersten Blick wie ein besonders „schönes“ Dorf: Fachwerk, Backstein, Schilfrohrdächer – eine heimatlich wirkende Kulisse. Doch diese Idylle ist keine zufällige Dorfentwicklung, sondern Ergebnis einer Umgestaltung ab 1934 im Sinne einer nationalsozialistischen „Mustersiedlung“.

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Viele Gebäude tragen im Querbalken Hinweise, die wie harmlose Inschriften wirken – und doch eine Epochenmarke setzen: Errichtet „im dritten“, „vierten“ oder „fünften Jahr“ – gemeint ist das „dritte Jahr“ nach dem NS-Machtantritt. Dazu kommen Hausnamen nach „Gauen“ wie Mecklenburg, Pommern, Kurhessen oder Schlesien. Das Dorf wurde so zum begehbaren Manifest des „Dritten Reiches“.

Heimatstil als politische Sprache

Architektonisch setzte Alt Rehse auf „völkischen Stil“ bzw. Heimatstil: Er sollte Reinheit, Bodenständigkeit und „Verbundenheit mit dem Land“ suggerieren. Genau diese Ästhetik machte das Projekt so wirksam – weil sie nicht wie Macht aussieht, sondern wie Tradition.

Das Dorf Alt Rehse war in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten als Musterdorf neu aufgebaut worden, einige Balken der Häuser tragen noch die Namen der ehemaligen Reichsgebiete.Bild vergrößern

Das Dorf Alt Rehse war in den 1930er Jahren von den Nationalsozialisten als Musterdorf neu aufgebaut worden, einige Balken der Häuser tragen noch die Namen der ehemaligen Reichsgebiete. (Foto: Winfried Wagner/dpa)

Für die Umgestaltung wurde die bestehende Struktur weitgehend beseitigt: Erhalten blieben u. a. Kirche, Schule und Pfarrhaus sowie ein Katen (später Dorfkrug). Insgesamt entstanden bis 1939 22 niederdeutsch wirkende Häuser mit Schilfrohrdächern.

Hier lernte Medizin das Töten

Der eigentliche Kern von Alt Rehse lag nicht in der Dorfkulisse, sondern in der Funktion: Aus Gut und Park (nach Enteignung 1934) wurde die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“. Hier wurde nicht nur „Fortbildung“ betrieben – hier wurde nationalsozialistische Medizinideologie systematisch vermittelt: Rassenhygiene, Erbgesundheitslehre, Euthanasie.

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Zwischen 1935 und 1941 durchliefen etwa 12.000 Ärzte, Hebammen und Apotheker die Schulungen. Die Teilnehmer blieben teils mehrere Wochen. Sie lernten, Menschen nach NS-Kriterien zu klassifizieren und auszusondern – Denken, das später in Zwangssterilisationen und Krankenmorden seinen grausamen Ausdruck fand.

Nachkriegsidylle mit dunklem Fundament

Alt Rehse wurde nach 1945 nicht „aufgelöst“, sondern durchlebte diverse Nutzungen und Besitzwechsel. Sanierung und Zuzug überdeckten lange den historischen Kern.

Die ehemalige Führerschule der Deutschen Ärzteschaft im Park Alt Rehse. (Archivfoto)Bild vergrößern

Die ehemalige Führerschule der Deutschen Ärzteschaft im Park Alt Rehse. (Archivfoto) (Foto: Winfried Wagner/dpa)

Nach 1990 fehlte oft der institutionelle Wille zur aktiven Auseinandersetzung. Gleichzeitig wurde das Dorf gerade wegen seiner „Schönheit“ aufgewertet – Alt Rehse wurde 1995 sogar Landessieger bei „Unser Dorf soll schöner werden“. Dass eine NS-Mustersiedlung auf diese Weise zur preisgekrönten Idylle werden konnte, zeigt, wie leicht Architektur Geschichte übertünchen kann.

3) „Hitlers weiße Häuser“ – Germania im Munitionswald

Nördlich von Mirow bzw. nahe Rechlin stehen im Wald Ruinen, die wie Fremdkörper zwischen Kiefern wirken: vier massive, teils bis zu etwa 20 Meter hohe Stahlbeton-Türme, dazu zerstörte Verbindungsstücke, Betonplatten, Krater. Einheimische nannten das Areal „Weiße Stadt“, „Neuberlin“ oder „Berliner Siedlung“.

Die Bunker im Wald bei Mirow in Reih und Glied.Bild vergrößern

Die Bunker im Wald bei Mirow in Reih und Glied. (Foto: Luftfahrttechnisches Museum Rechlin/SVZ)

Der Name „weiße Häuser“ kommt nicht von der heutigen Farbe – denn heute ist alles grau –, sondern von einer früheren Verkleidung mit weißen Klinkern/Ziegeln, die nach Kriegsende von Anwohnern als begehrtes Baumaterial abgeschlagen und mitgenommen wurden. Übrig blieb der nackte Beton.

Testgelände der Luftwaffe – und der Bunker im Wohnhaus

Diese Bauten waren kein gewöhnlicher Bunkerbau, sondern Teil einer militärischen Versuchswelt rund um die Müritz: In Rechlin befand sich ab 1935 die große „Erprobungsstelle der Deutschen Luftwaffe“ – ein riesiges Areal mit mehreren Flugplätzen, Testanlagen und Schießfeldern. Dort wurde „fast alles“ erprobt, was in einem Luftkrieg gebraucht wird – bis hin zu neuartigen Technologien.

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In diesem Kontext entstanden Ende der 1930er Jahre Typenbauten für ein zentrales Problem: Wie baut man mehrgeschossige Wohnhäuser so, dass Menschen bei Luftangriffen nicht erst in externe Bunker fliehen müssen? Die Antwort der Planer: bombensichere Treppenhauskerne (eine Art „Geschossbunker“), in die Bewohner direkt aus den Etagen ausweichen sollten. Die weniger geschützten Gebäudeteile dazwischen hielten den Tests nicht stand – daher sind heute vor allem die massiven Kerne sichtbar.

Beschuss aus allen Rohren

Die Versuche waren brutal konsequent: Beschossen wurde aus der Luft und vom Boden – Bomben, Granaten, Artillerie. In der Umgebung finden sich bis heute Betonwände mit massiven Einschlagspuren und Kratern. Berichte sprechen auch davon, dass zur Erprobung der Beschuss-Wirkung auf Lebewesen Tiere (Schafe/Ziegen) in den Schutzkernen eingesetzt wurden.

Blick  auf die Weißen Häuser in einem Waldstück zwischen Granzow und Schillersdorf.Bild vergrößernBlick  auf die Weißen Häuser in einem Waldstück zwischen Granzow und Schillersdorf. (Foto: imago images/BildFunkMV)

Der Ort ist bis heute hochriskant: Schilder sprechen von munitionsbelastetem Gebiet und Lebensgefahr. Eine vollständige Räumung gilt wegen der Menge als praktisch unmöglich; Teile des Geländes wurden u. a. aus Naturschutzgründen übernommen, der Wald gehört längst auch wieder Fledermäusen und Wildtieren.

"Munitionsbelastetes Gebiet - Lebensgefahr - Betreten verboten!" steht auf einem Schild an dem 160 Hektar großen Areal des ehemaligen Bombenabwurfplatzes bei Rechlin.Bild vergrößern

„Munitionsbelastetes Gebiet – Lebensgefahr – Betreten verboten!“ steht auf einem Schild an dem 160 Hektar großen Areal des ehemaligen Bombenabwurfplatzes bei Rechlin. (Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Der Schatten von „Germania“ reicht weit

Dass diese Typenbauten mit der geplanten Welthauptstadt „Germania“ verbunden sind, gilt als sehr wahrscheinlich. Unklar bleibt, wie direkt einzelne Architekten beteiligt waren – doch das Ziel passt ins Bild: Architektur als Zukunftspropaganda nach einem imaginierten „Endsieg“.

Gleichzeitig zeigt der Ort das Paradox nationalsozialistischer Planung: Während man eine glänzende Hauptstadt entwarf, wurde parallel die Zerstörung schon mitkalkuliert – und in Beton gegossen. Utopie und Luftkriegsvorbereitung lagen hier im selben Baukörper.

4) Rostock: Die Thingstätte in den Barnstorfer Anlagen

Nicht jede NS-Monumentalarchitektur wirkt wie Prora oder ein Bunkerturm. Manche sollte „naturnah“ wirken – und genau dadurch umso stärker Gemeinschaft inszenieren. Dazu gehörte die sogenannte Thingbewegung: ein Kulturkonzept, das ideologisch aufgeladene Freilichtbühnen nach dem Vorbild antiker Amphitheater propagierte.

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In Rostock entstand so ab dem 21. März 1934 (symbolischer Spatenstich) der erste Thingplatz in Mecklenburg. Geplant waren reichsweit knapp 400 Thingplätze, jeweils für Massenpublikum jenseits der 10.000. Rostock ging voran – und bekam eine Anlage, die am Ende bis zu 20.000 Menschen fassen konnte (davon etwa 5.000 Sitzplätze).

Erdbewegung, Feldsteine, Propaganda

Die Bauzeit dauerte ein Jahr und zwei Monate. Es wurden rund 12.000 Kubikmeter Erdmasse bewegt, eine 350 Meter lange Umfassungsmauer aus Feldsteinen errichtet und zwei Beleuchtungstürme gebaut, die funktional an Bunker erinnern konnten und doch in die NS-Ästhetik eingepasst waren. Architekt war Ernst Zinsser (Berlin).

Die Einweihung am 12. Mai 1935 war selbst eine Machtdemonstration: etwa 16.000 Menschen nahmen teil – Zuschauer, Personal, Funktionäre. Der damalige Gauleiter Friedrich Hildebrandt inszenierte die Thingstätte als „Rettung“ deutscher Kultur.

Als Bühne gedacht – und dann verschwunden

Die Veranstaltungen zielten auf Massenerlebnis: Thingspiele mit teils riesigen Ensembles, Weihestunden, Aufmärsche, „Volkssingspiele“. Das Eröffnungsstück „Neurode“ erzählte von einem Bergwerk, das nur durch die geeinte Kraft aller „Volksschichten“ gerettet werden könne – eine geradezu lehrbuchhafte „Volksgemeinschaft“-Parabel.

Das MecklenburgMagazin, Regionalbeilage der SVZ und der NNN berichtete 1994 ausführlich zu dem Thema. (Faksimile)Bild vergrößern

Das MecklenburgMagazin, Regionalbeilage der SVZ und der NNN berichtete 1994 ausführlich zu dem Thema. (Faksimile) (Foto: MecklenburgMagazin/Eike Moldenhauer)

Mit Kriegsbeginn verlor das Projekt an Bedeutung; später gab es Umnutzungen: In der DDR wurde die Anlage u. a. für die Ostseewoche 1958 hergerichtet und 1959 als „Platz der Jugend“ bezeichnet. Doch die große Zeit war vorbei. Spätestens nach 1990 nahm die Nutzung stark ab; die Freilichtbühne wurde 1995 abgerissen, das Gelände bekam Spiel- und Freizeitflächen. Heute ist die Thingstätte fast gänzlich aus dem Landschaftsbild verschwunden – gerade das macht sie als „unsichtbares“ Monument so bemerkenswert.

5) Schwerin: Festhalle und die Pläne zur Gau-Metropole

Schwerin wurde 1934 Hauptstadt des Gaus Mecklenburg – und damit zur Projektionsfläche für mehr Monumentalität. Die NS-Führung empfand die historisch gewachsene Stadt als „zu klein“, die Straßen als „zu eng“, das Zentrum als nicht repräsentativ genug. 1936 führten Zwangseingemeindungen umliegender Orte zu einem massiven Flächenwachstum.

Den Plan für die Neugestaltung der Schweriner Innenstadt legten Paul Bonatz und Friedrich Tamms 1937 vor.Bild vergrößern

Den Plan für die Neugestaltung der Schweriner Innenstadt legten Paul Bonatz und Friedrich Tamms 1937 vor. (Foto: Stadtarchiv Schwerin)

In diese Phase fällt ein Gebäude, das bis heute steht – allerdings unter völlig anderem Vorzeichen: die ehemalige Festhalle in der Wismarschen Straße, heute Standort des Unternehmens KGW. Sie ist ein Schlüssel, weil sie zeigt, wie NS-Inszenierungsarchitektur in Industriegeschichte umkippen konnte.

Hamanns Festhalle: gebaut für die Bühne der Macht

Der Architekt Andreas Hamann war kein NS-Vorzeigebaumeister – im Gegenteil: 1934 verlor er seinen Posten als Stadtbaurat, weil er den Nazis „nicht nationalsozialistisch genug“ erschien. Die Festhalle durfte er jedoch noch planen; später wurden seine Entwürfe überarbeitet (unter anderem damit keine Pfeiler die Sicht auf die Bühne behindern).

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Baubeginn war Juni 1934, Einweihung bereits März 1935. Kosten: rund 400.000 Reichsmark. Kapazität: 6.000 Menschen (unter anderem 3.600 auf Klappstühlen, 2.000 Stehplätze) – eine klares Podium für Massenveranstaltungen und politische Choreografie.

Kaum Kultur – schnell Krieg

Ironischerweise wurde die Halle in den ersten Jahren nur begrenzt bespielt: In drei Jahren etwas über 40 Veranstaltungen. Doch einzelne Ereignisse zeigen, wofür sie gedacht war: Im Februar 1936 fand dort die große Trauerfeier für den NSDAP/AO-Funktionär Wilhelm Gustloff statt – ein Staatsakt, bei dem auch Adolf Hitler sprach.

Die Festhalle von 1934 gehört heute zum Gelände des Schweriner KGW.Bild vergrößern

Die Festhalle von 1934 gehört heute zum Gelände des Schweriner KGW. (Foto: Volkskundemuseum/SVZ)

Mit dem Krieg wechselte die Funktion radikal: 1939–1942 Getreidelager, ab 1942 Produktion von Flugzeugteilen (Heinkel/Dornier). Nach 1945 folgten weitere Umnutzungen, bis sich in der DDR eine industrielle Dauerfunktion etablierte: über Umstrukturierungen wurde daraus 1952 das Klement-Gottwald-Werk (KGW). Nach der Privatisierung 1993 begann eine neue Phase: u. a. Fertigung von Stahlrohrtürmen für Windkraftanlagen – ein bemerkenswerter Kontrast zur ursprünglichen NS-Inszenierungslogik.

Schwerins geplante „Volksfeierstätte“

Parallel gab es Pläne, Schwerin monumental umzubauen: Ringstraßen, neue Trassen, verbreiterte Achsen, Glockenturm-Elemente und Großgebäude. Besonders bezeichnend: die Idee einer „Volksfeierstätte“ am Lambrechtsgrund für 20.000 Teilnehmer, mit geplantem Glockenturm am Hauptzugang und Aufmarschstraße.

Am Lambrechtsgrund in Schwerin sollte eine gigantische „Volksfeierstätte“ entstehen.Bild vergrößern

Am Lambrechtsgrund in Schwerin sollte eine gigantische „Volksfeierstätte“ entstehen. (Foto: Hannes Mekelburg)

Baubeginn für den Umbau der Stadt war für Herbst 1938 vorgesehen – doch umgesetzt wurde im Wesentlichen nur die Festhalle. Gründe: Uneinigkeit, finanzielle Probleme, schließlich der Krieg.

Schwerin als Wachstumsfantasie

Zusätzlich plante der aus Schwerin stammende Architekt Friedrich Tamms ab 1935/37 Bebauungen u. a. für Lankow und Neumühle – in Größenordnungen, die auf ein Schwerin „auf Wachstum“ zielten: teils für weitere 45.000 Menschen, obwohl die Stadt damals etwa 50.000 Einwohner hatte. Vorgesehen waren tausende Wohnungen, Infrastruktur und sogar ein KdF-Haus mit Freilichtbühne am Lankower See. Auch diese Entwürfe blieben weitgehend Papier.

Der Stadtteil Neumühle in der Planung von Friedrich Tamms von 1937 - mit 4600 neuen Wohnungen.Bild vergrößern

Der Stadtteil Neumühle in der Planung von Friedrich Tamms von 1937 – mit 4600 neuen Wohnungen. (Foto: Stadtarchiv Schwerin)

Der Flakturm-Architekt kam aus Schwerin

Friedrich Tamms (1904–1980), in Schwerin geboren, arbeitete sich im NS-Staat in zentrale Planungsnetze hinein. Er war an Autobahn-Infrastruktur beteiligt (Brücken, Typisierung), arbeitete in Kreisen um Fritz Todt – und wurde schließlich zu einem der prägenden Architekten der Flaktürme.

Die Aufnahme vom Juli 2002 zeigt einen der sechs Wiener Flaktürme - entworfen von einem Schweriner Architekten.Bild vergrößern

Die Aufnahme vom Juli 2002 zeigt einen der sechs Wiener Flaktürme – entworfen von einem Schweriner Architekten. (Foto: Irmgard Schmidmaier/dpa)

Ab 1940 ordnete Hitler den Bau dieser massiven Luftverteidigungs- und Schutzanlagen an. Tamms lieferte Entwürfe, die wie moderne Festungen wirken sollten. Flaktürme entstanden unter anderem in Berlin, Hamburg und Wien – einige sind bis heute sichtbar (zum Beispiel der Bunker am Hamburger Heiligengeistfeld). In diesen Projekten bündelt sich die Logik der NS-Monumentalität besonders drastisch: Stadtbild als Festung, Beton als politisches Signal.

Sollte „Germania“ an die Müritz?

Neben Berlin als Ziel der „Welthauptstadt Germania“ taucht eine bis heute diskutierte Behauptung auf: Hitler habe zeitweise erwogen, Germania an der Müritz zu errichten. Grundlage ist eine protokollierte Äußerung aus dem Führerhauptquartier (1943), später veröffentlicht in den „Monologen“. Demnach habe Hitler „früher einmal“ die Absicht gehabt – Albert Speer habe abgeraten, unter anderem wegen schlechten Baugrunds (ähnlich wie in Berlin).

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Historiker aus der Region kennen diese Passage seit der Wende; zugleich bleibt die Quellenlage dünn, was konkrete Planungsschritte betrifft. In Archiven fanden sich keine Baupläne, keine amtlichen Dokumente, keine belegbaren Grundstückskäufe. Wahrscheinlich war es eher eine jener Größenwahn-Überlegungen, die im Gespräch aufblitzen – und wieder verschwinden.

Ruinen, Umbauten – und die Frage nach dem Umgang

MV ist kein „Randgebiet“ der NS-Baugeschichte, sondern ein Schaufenster verschiedener Strategien: Massenurlaub als Kontrolle (Prora), Heimatstil als Tarnkappe (Alt Rehse), Luftkriegsvorbereitung als Wohnmodell (Mirow/Rechlin), Propagandakultur als Landschaftsbühne (Rostock), Gau-Metropole als Stadtfantasie (Schwerin).

Übrig geblieben ist kein einheitliches Denkmal, sondern ein Flickenteppich aus Denkmalschutz, Verfall, Umnutzung und gefährlichen Sperrflächen. Genau darin liegt die Herausforderung: Diese Orte sind nicht nur Vergangenheit, sie sind Gegenwart – als Wohnungen, als Firmenstandorte, als Waldruinen, als Spielplatzareal.