„Ich, Judas“ ist mehr als ein Bühnenstück – es ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Schuld, Verrat und Vergebung. Die Solo-Inszenierung des Schauspielers Ben Becker feierte im November 2015 im Berliner Dom Premiere. Ursprünglich war nur eine einmalige Aufführung geplant, doch es kam anders.
Seit einem Jahrzehnt sorgt Becker mit seiner Interpretation des Judas Iskariot für ausverkaufte Reihen in den schönsten Kirchen Deutschlands. Von seiner unvergleichlichen Bühnenpräsenz kann man sich derzeit auf der großen Jubiläumstour überzeugen.
Auch zwei Termine in Berlin stehen an – der Stadt, in der Ben Becker seit vielen Jahrzehnten zu Hause ist. Uns hat er erzählt, wie er hier ankam, was ihn begeisterte und wo er heute einen Ausgleich zum anstrengenden Großstadtalltag findet.
1. Herr Becker, Sie wurden 1964 in Bremen geboren. Wie sind Sie nach Berlin gekommen?
Durch die Scheidung meiner Eltern. Meine Mutter spielte zu der Zeit Theater an der Freien Volksbühne Berlin. Ich bin damals, als Kind von sieben Jahren, immer zu Besuch zu Mama von Bremen nach Berlin-Tempelhof geflogen. Mit einem Plastikbeutel an einer rot-weißen Kordel um den Hals, da stand drauf: „Allein reisendes Kind“. Die Stewardess brachte mich nach der Landung bis zur Rolltreppe, und ich erinnere mich, wie auf der Fahrt nach oben langsam das Bild von Otto Sander auftauchte. Erst die roten Haare, dann der Biberfellkragen und schließlich der ganze Mensch. Am nächsten Tag bin ich dann mit ihm zum ersten Mal Doppeldeckerbus gefahren. Ganz vorne, erste Reihe, den Kurfürstendamm rauf und runter. Das war toll!
Dann kam ebenfalls meine Schwester Meret hinterher. Zu unserer Mama und unserem späteren, zweiten Papa, Otto. Ein weiterer toller Familienausflug sollte folgen: Gevierteilte DIN-A4-Blätter vom Funkturm runterfallen lassen. Immer nur ein Zettel und nachschauen, wie weit er fliegt … Wir waren begeistert. Wir sind für immer geblieben!
2. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gelebt – und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
Aufgewachsen bin ich in Wilmersdorf. Allerdings nur selten in der Schule. Der Punk hatte mich in seine Arme geschlossen, und ich war so ziemlich der Jüngste im damaligen Berliner Nachtleben. Transvestiten, Schwule, David Bowie, Iggy Pop, Konzerte im Kant-Kino oder im SO36. Das hat mich interessiert.
Dann war ich einige Jahre weg: Schauspielschule in Hamburg, Theater in Düsseldorf, jugendlicher Held in Stuttgart … Wiedergekommen bin ich 1993 und in Charlottenburg gelandet, aber nur für kurze Zeit. In den Achtzigern war ich ja Bühnenarbeiter an der Schaubühne am Lehniner Platz, und nun stand ich unter der Regie von Klaus Michael Grüber als Schauspieler dort auf der Bühne. Meine damaligen Kollegen aus der Technik waren stolz auf mich.
Danach habe ich mein erstes selbstgeschriebenes Theaterstück „Sid und Nancy“ in einer Punkkneipe in Kreuzberg inszeniert, mit meiner Schwester Meret in der Titelrolle. Und nebenher mit Harald Juhnke eine Serie fürs ZDF gedreht.
3. Dann war aber plötzlich in Mitte was los …
… Chaos und Anarchie. Wunderbare, wilde Jahre, die ich nicht missen möchte. Es gab viel zu lachen, zum Beispiel eine Station hinten auf der Kupplung der Straßenbahn mitzufahren, sozusagen „Open Air“. Straßenbahnen gab es ja nicht in West-Berlin. Den Ostteil der Stadt auszukundschaften, war damals ein richtiges Abenteuer.
Aber die Zeit, in der ich nackt die Straßenlaterne hoch bin, um die Revolution auszurufen, die ist leider, auch altersbedingt, endgültig vorbei. Mittlerweile bin ich wieder im guten alten Westen und versuche, es mir hier gemütlich zu machen.

Faceland Com
Zur Person
Ben Becker stammt aus einer Künstlerfamilie und hatte seinen Durchbruch 1995 in Joseph Vilsmaiers Romanverfilmung „Schlafes Bruder“. Er spielte in unzähligen Film-, Fernseh- und Theaterproduktionen, trat aber auch als Autor, Regisseur, Sprecher und Sänger in Erscheinung. Mit seiner Jubiläumstour „Ich, Judas“ gastiert er am 26. und 27. März im Berliner Dom, außerdem tritt er im März auch in Dresden und Erfurt auf.
4. Die Künstliche Intelligenz sagt: „Ben Becker hat eine komplexe Beziehung zu Berlin – nicht ungetrübt, aber tief verwurzelt. Er liebt viele Facetten der Stadt, aber ärgert sich über Kommerzialisierung und Veränderungen, die viel vom früheren Geist weggenommen haben.“ Was möchten Sie der KI hinzufügen – oder widersprechen Sie ihr?
In diesem Fall hat die KI erstaunlicherweise recht.
5. In den sozialen Medien ist Berlin-Bashing sehr in Mode. Verstehen Sie den Unmut oder neigen Sie zur Verteidigungshaltung, weil die Liebe zur Stadt überwiegt?
Ich bewege mich so gut wie gar nicht in den sozialen Medien und kann diese Frage somit nicht beantworten. Ich bin schon froh, dass ich es auf die Reihe bekomme, eine E-Mail zu schreiben … Bei Instagram würde ich mir wahrscheinlich schnell die Finger verbrennen, was Fotos und Kommentare angeht. Einfach aufgrund meiner immer noch währenden gedanklichen Freiheit und Anarchie.
6. Viele Menschen brauchen einen Rückzugsort, wenn ihnen die Stadt zu viel wird. Wie ist das bei Ihnen, haben Sie auch so einen Ort?
Ja, ich habe meinen Rückzugsort gefunden: Ich habe mich in einen kleinen Bahnhof in der Uckermark verliebt. Da fahren aber keine Züge mehr. Es gibt also keine Verspätungen … Denn die Zeit steht dort sowieso still. Man kann nackt baden gehen oder Wildschweine jagen, und Eier und Honig gibt’s beim Bauern um die Ecke.
7. Mit Ihrer Solo-Performance „Ich, Judas“ feiern Sie jetzt Jubiläum. Als ausgewiesener Kenner der Berliner Kulturlandschaft – wo haben Sie besonders gern auf der Bühne gestanden?
Ich liebe es, auf der Bühne im Renaissance-Theater zu stehen. Aber genauso ist es eine Ehre, seit zehn Jahren vor dem Altar des Berliner Doms Theater zu spielen. Egal ob mit „Todesduell“ oder jetzt wieder mit „Ich, Judas“. Unmerklich eine kleine, gedankliche Handgranate unter die ersten Reihen zu werfen. Um Fragen zu stellen, sich auseinanderzusetzen, zu irritieren, aber auch zu versöhnen. Das interessiert mich an Kunst, Kultur und Theater. Schöne Erinnerungen habe ich auch an die Zeit am Maxim-Gorki-Theater und meine damalige Interpretation des Franz Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“.

Ben Becker 2015 bei der Premiere von „Ich, Judas“ im Berliner DomImago
8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?
Eisenwaren Adolph am Savignyplatz. Ein Familienbetrieb, wie er im Buche steht, ein Paradies für große Jungs, die früher eine Märklin-Eisenbahn im Keller hatten. Schrauben, Glühbirnen, Haken und Schrubber. Alles, was das Herz begehrt!
9. Ihre persönliche No-go-Area?
Die Ringbahnbrücke. Und der Rasen vom Schloss Bellevue natürlich. Wobei, das Verbot habe ich tatsächlich einmal überschritten, anlässlich eines Konzerts unserer „Comedian Harmonists“, in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten. Dort ist ein unvergessliches Foto von mir entstanden, mitten auf dem Rasen vorm Schloss. Es trägt den Titel: „Was ist in der Tasche?“ und hängt bei mir im Küchenschrank.
10. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?
Diener Tattersall, die alte Boxerkneipe am Savignyplatz. Unser altes Familienrestaurant, könnte man sagen. Von Kurt Krömer bis Hildegard Knef: Sie waren alle schon da. Und nach wie vor die Paris Bar. Wobei mein Papa Otto immer sagte: „Da geht man nicht zum Essen hin …“. Aber die Kunst an den Wänden ist schon mehr als gut, und mein sechzigster Geburtstag fand ebenfalls dort statt und entpuppte sich als berauschende Ballnacht. Ganz wie in früheren Zeiten, als Martin Kippenberger da noch auf den Tischen getanzt hat oder Al Pacino nachts vom Stuhl gefallen ist.
11. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Eisenwaren Adolph. Und Spielwarenabteilungen – die sind nach wie vor auch nicht vor mir sicher!
12. Der beste Stadtteil Berlins?
Für mich Charlottenburg, unter anderem, weil es mich mein Leben lang begleitet hat.
Die zunehmende Aggressivität, fette Autos, die röhren und viel zu schnell durch die 30er-Zone brettern. Der Müll und die Parkplakette. Der Hauptbahnhof, der Flughafen, die Baustellen und die Rechnungen im Briefkasten. Und einmal im Monat der kaputte Fahrstuhl und, na ja, Sie wissen schon …
Wenn ich von zu Hause weg bin, fehlt mir Berlin, aber kaum bin ich wieder hier, empfinde ich doch schon immer öfter eine Art Hassliebe. Das Klima in der Stadt ist eben etwas rauer geworden. Leider. Aber es gibt ja für uns alle glücklicherweise immer noch den Späti von nebenan. Oder um mit Peter Fox zu sprechen: „Bei Fatima, der süßen Backwarenverkäuferin“.