Dresden. Der 13. Februar war auch in diesem Jahr ein denkwürdiger Tag für die Stadt Dresden. Zwischen Bürgersingen, Menschenkette, rechter Instrumentalisierung und lautem Protest stand auch der Konzertabend im Kulturpalast unter der Frage, wie Erinnerungskultur heute gelebt werden kann. Bei Nieselregen und einsetzender Dämmerung erklangen auf Initiative des Bürgerchors zunächst Texte, unter anderen von Dietrich Bonhoeffer und Bob Dylan.

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Im Anschluss formierte sich unter Glockenläuten die alljährliche Menschenkette, die an die mittlerweile 81 Jahre zurückliegende Bombardierung Dresdens erinnert. Geschichtsrevisionistische Stimmen blieben auch in diesem Jahr nicht aus, ebenso wenig wie ihr Gegenprotest.

Konzertsaal als Schauplatz sowjetischer Geschichte

Draußen also ein aufgewühltes Dresden, während passenderweise im Konzertsaal die Sinfonie Nr. 10 in e-Moll op. 93 von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch tobte. Das geschichtsträchtige Werk dient als Auseinandersetzung mit der Frage, wie Gesellschaften mit traumatischer Geschichte umgehen und wie Kunst eine Haltung gegen Krieg und Unterdrückung formulieren kann, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Und wie trotzdem an eine andere, eine friedliche Welt geglaubt werden kann.

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Die Relevanz der Aufführung für heutige Zeiten ist damit offensichtlich, insbesondere für einen derart aufgeladenen Gedenktag. Durch die eindringliche Verbindung von Musik und Film entstand an diesem Abend ein Gesamtkunstwerk unter der Leitung des ehemaligen Philharmonie-Chefdirigenten Michael Sanderling. Durch die parallele Aufführung von Schostakowitschs Zehnter Sinfonie und dem Film „Oh to Believe in Another World“ des südafrikanischen Künstlers William Kentridge diente der Konzertsaal als Schauplatz sowjetischer Geschichte.

Man muss den revolutionären Stil pflegen.

Wladimir Majakowski

sowjetischer Dichter

Die Sinfonie ist ein Politikum, da sie das erste Werk des Komponisten nach Jahren des erzwungenen Schweigens darstellte. Nach Schostakowitschs Diffamierung als „Volksfeind“ wurde seine Zehnte wohl nicht zufällig erst im Dezember 1953 – im Todesjahr Stalins – in St. Petersburg uraufgeführt.

Die Musik erzählt von Erfahrungen mit Krieg und Leid, das sich im Nebeneinander von dissonanten, unerträglich lauten und zarten, beinahe stillstehenden Passagen äußert. Immer wieder klingt das berühmte D-Es-C-H-Motiv durch, das Schostakowitschs Initialen verschlüsselt – ein Akt der Selbstbehauptung? Über die Bedeutung der Musik und deren versteckte politische Botschaften existieren diverse Theorien. Meist wird sie jedoch als Abrechnung mit der gewaltvollen Geschichte der Sowjetunion verstanden.

Am Pult: Dirigent Michael Sanderling

Auch Kentridges Film, der das Werk visuell inszeniert, bot nicht nur eine Lesart an. Der für den Künstler typische collagenhafte Stil fand sich hier in einer Montage aus Archivmaterial, Zeichnungen und Animationen wieder. Vor einer Miniaturkulisse, die an ein Puppenhaus erinnert, traten berühmte Köpfe der Zeit als unbeholfen tanzende Pappfiguren auf. So hantierte ein hölzerner Stalin mit einer Waffe, daneben Trotzki und Lenin.

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Zitate des sowjetischen Dichters Wladimir Majakowski dienten als poetisch-mahnende Rahmung, etwa mit Aussagen wie: „Man muss den revolutionären Stil pflegen.“ Als wiederkehrende Figur tauchte ein grotesk proportionierter Schostakowitsch auf, der ähnlich wie Sanderling unermüdlich dirigierte – allerdings mit einer roten Fahne in der Hand anstelle eines Taktstocks.

Mehrdimensionales Wimmelbild

Musik und Film liefen an diesem Abend nicht nebeneinanderher, stattdessen verschmolzen sie zu einer Einheit. Das mehrdimensionale Wimmelbild, das der Film zur Schau stellte, verweist auf die Vielschichtigkeit von Geschichte. Kentridge eröffnet damit eine Möglichkeit für den komplexen Umgang mit Vergangenheit.

Eine Herausforderung, die auch das heutige Dresden umtreibt. Zugleich bildete der Abend den Abschluss der mehrteiligen Kentridge-Würdigung, die anlässlich seines 70. Geburtstags durch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und das Museum Folkwang in Essen realisiert wurde. Statt Applaus endete das Konzert mit einer Schweigeminute. Eine Stille, die an einem solchen Tag viel zu sagen hat.

DNN