Die Jüdische Gemeinde Berlin geht auf Distanz zum umstrittenen Zera-Institut: Nach Antisemitismus-Vorwürfen gegen dessen Leiterin Maral Salmassi hat sich Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Gemeinde, aus dem Expertenrat des Instituts zurückgezogen. Königsberg bestätigte den Schritt auf Nachfrage am Freitag ohne Nennung von Gründen. Auch Salmassi bestätigte den Ausstieg.

Beobachter vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Rückzug und der Veröffentlichung einer Recherche der Tageszeitung „taz“. Darin wurde enthüllt, dass Salmassi Anfang 2025 über den jüdischen Milliardär George Soros auf dem Kurznachrichtendienst „X“ schrieb: „Soros ist und war immer ein Parasit.“

Salmassi: „Nicht angemessen formuliert“

Soros ist Gründer der Open Society Foundations und unterstützte in den vergangenen Jahrzehnten Einzelpersonen und Organisationen, die etwa für Meinungsfreiheit und Transparenz eintreten. Wegen seines Engagements gilt der 1930 in Budapest geborene Soros weltweit als Feindbild für Rechtsextreme und antisemitische Verschwörungsmythen.

Inzwischen hat Salmassi den Beitrag gelöscht. Auf Nachfrage erklärte sie, der Ausdruck „Parasit“ sei „in einer zugespitzten politischen Auseinandersetzung gefallen und war im Nachhinein nicht angemessen formuliert“. Sie habe den Beitrag gelöscht, „da ich diese Wortwahl selbst nicht mehr für gelungen halte“.

390.000

Euro erhielt das Zera-Institut aus der Landeskasse

Überdies veröffentlichte die „taz“ weitere Posts Salmassis, die zuletzt selbst eine Diskussionsrunde ihres Instituts zur Radikalisierung in sozialen Netzwerken moderiert hatte. Verschiedene israelkritische Juden hatte Salmassi darin als „Token“ bezeichnet – also als Menschen, die ihr Jüdischsein für politische Zwecke nutzen. Salmassi verglich den Islam mit dem Nationalsozialismus, bezeichnete Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen als „Pali-Orks“. Auf Nachfrage erklärte sie, es handele sich bei der Herauslösung dieser einzelnen Formulierungen „um eine Verkürzung, die die Aussage in ihrer Wirkung verändert“.

Kritiker des mit 390.000 Euro aus der Landeskasse geförderten Zera-Instituts fühlen sich durch die Posts Salmassis bestätigt. Weder das Institut, noch Salmassi selbst seien dazu qualifiziert, den grassierenden Judenhass in der Stadt zu bekämpfen, hieß es zuletzt. Matthias J. Becker, etablierter Antisemitismusforscher und auf der Zera‑Homepage als Forschungspartner geführt, hatte dieses Ende Januar in Richtung New York University verlassen. Anfragen zu den Gründen ließ Becker unbeantwortet.

Keine Angaben zur Mittelverwendung

Das Zera-Institut ist eines von 13 Projekten, das von der Kulturverwaltung im vergangenen Jahr als sogenanntes „Projekt von besonderer Bedeutung“ mit Mitteln zur Antisemitismusprävention gefördert wurde. Da Salmassi gemeinsam mit dem CDU-Haushaltsexperten Christian Goiny dem Vorstand der CDU Lichterfelde angehört, wird beiden eine parteipolitische Einflussnahme auf die Vergabe von Fördermitteln vorgeworfen. In einer Mail eines Mitarbeiters von Goiny nannte dieser sie sogar „Kollegin“. Salmassi wie Goiny stritten entschieden ab, dass ihre parteipolitische Nähe eine Rolle bei der Förderung gespielt habe.

Der Durchführungszeitraum für das Projekt „Think-Tank gegen Antisemitismus“ endete Ende Januar. Tagesspiegel-Anfragen dazu, wofür die Fördermittel ausgegeben wurden, ließ das Institut zuletzt unbeantwortet.

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Die sogenannte Fördergeldaffäre soll in den kommenden Monaten durch einen Untersuchungsausschuss aufgeklärt werden. Dabei geht es um den Verdacht, dass CDU‑Politiker unzulässig Einfluss auf die Vergabe von Fördermitteln für Projekte gegen Antisemitismus genommen haben. Grundlage sind 3,4 Millionen Euro aus einem Fördertopf der Kulturverwaltung für „Projekte von besonderer politischer Bedeutung“.

Vor dem Untersuchungsausschuss werden neben dem einstigen Kultursenator Joe Chialo (CDU) und dessen Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson (parteilos) voraussichtlich auch der CDU-Haushaltsexperte Goiny und CDU-Fraktionschef Dirk Stettner geladen. Die nächste Sitzung des Ausschusses ist für den 27. Februar angesetzt.