Blut spritzt aus dem nackten Oberkörper von Heinrich. Der junge Schmiedesohn ist soeben von einem Pfeil in den Rücken getroffen worden, nun schleppt er sich durch den Fluss an das andere Ufer. Dieses Mal ist er den Angreifern entkommen. Doch für Heinrich ist es erst der Beginn eines Abenteuers. Denn im Böhmen des späten Mittelalters lauern weitere Gefahren. Das Computerspiel „Kingdom Come: Deliverance II“ erzählt solche Geschichten untermalt mit Orchestermusik. Und das so tiefgreifend, dass die Entwickler des Spiels, Warhorse Studios aus Tschechien, es nun erstmals in Deutschland in der Frankfurter Jahrhunderthalle mit Livemusik präsentiert haben.

Nach der Premiere in Prag war es der zweite Auftritt dieser Art. Schon 24 Stunden nach seiner Veröffentlichung im Februar 2025 war das Ritter-Rollenspiel nach Herstellerangaben mehr als eine Million Mal verkauft. Entsprechend groß ist die Fangemeinde. Da ist zum Beispiel Lucas Imamovic. Der 23 Jahre alte Franzose ist eigens für das Konzert nach Frankfurt gereist. Unter seinem braunen Ledergewand blitzt an den Armen ein Kettenhemd hervor. „‚Kingdom Come‘ ist mein Leben“, sagt er. Das Mittelalter fasziniert ihn, er betreibt auch historisches Fechten, erzählt er.

Viele Besucher in der gut gefüllten Jahrhunderthalle haben sich optisch an das Spiel angepasst. Miriam Sopart und Finny Cullmann tragen eine rote, selbstgemachte Gugel, eine Art Halstuch, das sich bis über ihre Schulterblätter legt. Ihr Haar wird von einem selbstgemachten Blumenkranz bedeckt. Obwohl die 33 Jahre alte Sopart erst seit Dezember „Kingdom Come“ spielt, hat sie schon 165 Stunden damit verbracht. Was zieht die Gamer so in den Bann? Für Cullmann sind es die „vielen Freiheiten“ im Rollenspiel. Auch die Grafik lobt die Dreißigjährige, die mit Sopart „Virtual Design“ an der Hochschule in Kaiserslautern studiert hat. Fast die Hälfte der Besucher an diesem Abend ist weiblich, die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Idylle und Brutalität

Auf der Bühne stehen nun etwa 100 Künstler, darunter zwei Dutzend Chorsänger und die Mittelalterband Bakchus. Mit dem Dirigenten Jan Valta reisen sie in diesen zwei Stunden durch das Böhmen des Mittelalters. Im ersten Teil des Ritter-Rollenspiels hat sich Heinrich vom Schmiedesohn zum Helfer eines Adligen hochgeschuftet. Doch schon zu Beginn der Fortsetzung gerät er auf einer Mission unter Beschuss, muss fliehen und sich durch das frühe 15. Jahrhundert kämpfen. Eine unsichere Zeit, die geprägt ist von dem Machtkampf zwischen König Wenzel IV. und Sigismund von Luxemburg.

Sanft untermalen die Streicher des Orchesters die minutenlangen Videosequenzen, die durch die Landschaft Böhmens führen und dabei oft ohne Dialoge auskommen. Stattdessen sehen die Zuschauer das satte Grün der Wälder oder glückliche Hühner auf den Höfen der Bewohner.

Nicht immer bleibt es so idyllisch. Die Dialoge sind teils rau, die Kämpfe  werden brutal ausgetragen. Doch hier liegt wohl die größte Stärke des Spiels: Es emotionalisiert. Zum Beispiel, wenn das Publikum den fast klirrenden Ton hört, während der Ritter das Schwert aus dem Oberkörper seines Feindes herauszieht. Die Streicher beschleunigen in jenen Sekunden ihr Spiel. Die klaren Stimmen des Chores umhüllen den Todeskampf.

Obwohl Dirigent Valta nicht sein eigenes Orchester leitet, sondern die Neue Philharmonie Frankfurt, sind Videosequenzen und Musik perfekt synchronisiert. Die Musiker im Orchester bekommen ein Signal aufs Ohr, damit sie wissen, wann sie einsetzen müssen, erläutert Tobias Stolz-Zwilling, der Sprecher von Warhorse Studios. Die Darbietung mit Livemusik soll „noch mehr Identifikation mit dem Spiel schaffen“, sagt er.

Die Fans pilgern sogar schon zur Burg Trosky, die im Spiel mit zwei Türmen über den böhmischen Wäldern thront und heute eine Ruine im tschechischen Mittelgebirge ist. Die Freundinnen Sopart und Cullmann wollen ihren Besuch dort mit einer Tschechienreise kombinieren, wie sie erzählen. Für sie ist das Konzert vielleicht erst der Beginn eines Abenteuers.