Ein Kind wird am Schulranzen gepackt und geschubst.

Stand: 16.02.2026 15:20 Uhr

An der Kieler Reventlouschule zeigt sich, wie Schulsozialarbeit funktionieren kann. Während das Gewaltpotenzial an Grundschulen steigt, setzen Schulen verstärkt auf Prävention und Konfliktlösung.

von Moritz Kodlin

Lena Hanisch ist gefragt unter den Grundschülerinnen und Grundschülern der Reventlouschule in Kiel. Sie ist hier Schulsozialarbeiterin. In ihrer sogenannten „Aktivkiste“ sind unter anderem Hula Hoop-Ringe, Stelzen und Tischtennisschläger. Damit können die Kinder in den Pausen spielen. Viele von den Schülerinnen und Schülern nutzen die Angebote von Hanisch. Andere spielen lieber Fußball. Wenn Kinder zu ihr kommen, wollen sie eine Umarmung, haben eine Frage oder haben einen Konflikt mit einem Mitschüler oder einer Mitschülerin.

Eine Frau mit Warnweste auf einem Schulhof

Lena Hanisch ist Schulsozialarbeiterin an der Reventlouschule. Sie arbeitet seit rund einem Jahr an der Grundschule.

„Das klären wir dann auch direkt in der Pause, oder die betroffenen Schülerinnen und Schüler können einen Termin bei mir machen“, erklärt die Schulsozialarbeiterin. In dem Termin wird das Problem dann besprochen. Sie arbeitet, sagt sie, auch mit Eltern und der Ganztagsbetreuung zusammen, die einige Schülerinnen und Schüler dann nach dem Unterricht besuchen.

Konflikte lösen muss gelernt werden

Dass es hier an der Grundschule zu mehr Gewalt kommt, verneint Schulleiterin Susanne Raimund sehr klar. „Was wir festgestellt haben, ist, dass wir immer mehr Kinder haben, die große Schwierigkeiten haben, ihren Platz in einer sozialen Gruppe zu finden“, sagt die Schulleiterin. Außerdem wissen viele Kinder laut Raimund nicht, wie sie Konflikte lösen können.

Um die Kinder dabei zu begleiten, gibt es nun seit einigen Jahren mehr Personal, wie Schulsozialarbeiterin Hanisch, auf dem Pausenhof. Neben ihr gibt es eine Pausenaufsicht, einen Freiwilligendienstler (FSJler) und vier Schüler, die zu Streitschlichtern ausgebildet wurden. Sie tragen während der Pausen eine Weste mit dem Schriftzug „Streitschlichter“.

Landeselternbeirat fordert mehr Schulsozialarbeiter

Fahnen der Reventlouschule

Die Reventlouschule ist eine von rund 400 Grundschulen in Schleswig-Holstein.

Die Reventlouschule in Kiel ist nach langer Recherche die einzige Schule in Schleswig-Holstein, die über das Thema Gewalt an Grundschulen sprechen wollte. Vielleicht auch, weil es hier nach eigenen Angaben zu altersgerechten Konflikten kommt, die in der Regel nicht in Gewalt eskalieren. Der schleswig-holsteinische Landeselternbeirat beschreibt zum einen ähnliche Probleme von Grundschülern, die Schwierigkeiten haben, Konflikte selbst zu lösen. Zum anderen geht der Landeselternbeirat noch weiter und spricht von Bedrohungen, ruppigem Verhalten gegenüber Lehrern und Beleidigungen an Grundschulen in Schleswig-Holstein.

Der Landeselternbeirat fordert deshalb mehr Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, verbindliche Programme zur Prävention und eine stabile Finanzierung der Maßnahmen. Zwar hat das Bildungsministerium nach eigenen Angaben die Zahl der Schulsozialarbeiter seit 2008 auf mehr als 600 vervierfacht, laut Elternvertretung reicht das angesichts der Situation an den rund 400 Grundschulen im Land nicht aus.

341 registrierte Gewaltfälle: Hohe Dunkelziffer befürchtet

Auch das aktuelle Gewaltmonitoring des Bildungsministeriums bestätigt ein hohes Gewaltpotential an Grundschulen. Für das vergangene Schuljahr sind mehr als 40 Prozent der gemeldeten Fälle (341) den ersten vier Schuljahren zuzuordnen. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Und das sind nur solche Fälle, die zum Schul- oder Unterrichtsausschluss führten. Landeselternbeirat und Lehrergewerkschaft GEW gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.

Eine Person zieht ein Kind an den Haaren

Schleswig-Holsteins Schulen melden weniger Gewaltfälle. Warum es trotzdem keinen Grund zur Entwarnung gibt.

Bernd Schauer von der Lehrergewerkschaft spricht von einer schwierigen Situation an Grundschulen. „Das Schülerverhalten hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert, so dass Lehrkräfte immer mehr Erziehungsaufgaben wahrnehmen müssen“, sagt er und ordnet ein: „Viele Gewaltfälle gehen auf wenige Kinder zurück“, erklärt Schauer. Grundschülerinnen und Grundschüler werden immer wieder von der gesellschaftlichen Realität eingeholt. Das führe auch zu einer Zunahme von Gewalt.

So sagt Schauer, dass zunehmende gesellschaftliche Spaltung, Krisenangst und auch die Tatsache, dass sich manche Eltern nicht für ihre Kinder interessieren als Gründe für den Anstieg von Gewalt an Grundschulen gelten.

NDR Kultur Redakteurin Annika Feldmann

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