Durch die Glastür an der Briller Straße 39 gelangt man an eine zweite Glastür, die von zwei Security-Mitarbeitern am Empfang per Knopfdruck geöffnet wird. In der Empfangshalle des ehemaligen Fernmeldeamtes riecht es nach Aktenordnern und längst vergangenen Tagen. „Zum Konzert? Dann bitte in den dritten Stock”, lautet die Ansage des uniformierten Herrn und es geht über die Treppe nach oben. Mit jeder Stufe wird das Stimmengewirr lauter und die Musik klarer.
200 Menschen kamen zum Feiern zusammen
Das Fernmeldeamt steht seit einigen Jahren leer und wird in den kommenden Jahren mit einem Mix aus Gewerbe- und Wohnraum revitalisiert. Dass hier am Freitag rund 200 Leute zusammen feiern und tanzen hat einen guten Grund: Der Wuppertaler Rapper Horst Jesué Wegener hat sieben neue Songs veröffentlicht, die er live auf der Bühne vorstellt.
Djio & Lenny eröffnen den Abend mit grundsolidem Rap und bringen das Publikum in Stimmung für das sogenannte Homecoming-Konzert. Denn auch wenn Horst Jesué Wegener in Ecuador geboren wurde, ist Wuppertal seit seinem zweiten Lebensjahr seine Stadt – und die Heimat seines Vaters. Seinen Vornamen hat er von seinem Opa geerbt und trägt ihn mit Stolz. Auch wenn er wegen seiner dunklen Hautfarbe in Kombination mit diesem altmodischen deutschen Namen in unangenehme Situationen geraten ist.
Eine davon hat er 2018 im Song „Mein Name ist Horst” verarbeitet. Ein Song, der ihm nicht nur Aufmerksamkeit und eine Plattform, sondern auch seinen Mentor, den Hamburger Rapper Samy Deluxe, bescherte. Alles schien perfekt zu laufen und die große Karriere zum Greifen nah. Doch es kam anders.
Musik hat Wegener, der auch als Filmemacher mit seiner eigenen Firma „Wupperwerft Studios” aktiv ist, weiterhin produziert. Unter anderem Singles mit Rapper Roger Rekless oder für die Hamburger Getränkeproduzenten Fritz Kola. Am 3. Januar 2026 postete Wegener dann auf seinem Instagram-Kanal die Geschichte, wie aus Horst Wegener Jesué wurde.
Horst Jesué Wegener und die Suche nach der eigenen Identität
„Mein bürgerlicher Name ist Horst Jesué Wegener. 2017 habe ich meinen ersten Deal unterschrieben und als Horst Wegener Musik veröffentlicht. Damals war Musik kein Businessweg, sondern ein Ausdruck meiner Narben”, erklärt der Rapper. Aus dem großen Traum wurde schnell ein Job, bei dem sich alles sich nur um ein Thema drehte: Seine Herkunft und die damit verbundenen Erfahrungen und Traumata. All das hat ihn müde gemacht. Er wollte sich nicht mehr als Opfer auf Bühnen stellen, sondern eine Persona kreieren, die aus Selbstbewusstsein statt aus Schmerz heraus spricht. So kam er zur Idee, seinen zweiten Vornamen als Künstlernamen zu verwenden.
„Ich wollte das Vorbild meines 16-Jährigen Ich sein. Fresh, stylisch, frei. Eine Version von mir, geküsst von der guten Seite des Lebens.” Sein Team brauchte er nicht lange überreden und schnell ging es in Gespräche mit Plattenfirmen über Vorschüsse und Markenkooperationen.
Seine politische Stimme verstummte nach außen – bis zum 16. Oktober 2025. „Aussagen von Friedrich Merz haben etwas in mir geweckt, was lange geschlafen hat. Die Stimme des kleinen, dunkelhäutigen Jungen in mir war plötzlich wieder da und mit ihr meine Angst um dieses Land. Ich merkte, Jesué braucht gerade wieder mehr von mir. Nicht die perfekte Fassade, nicht glatte Bilder, sondern Perspektiven von Menschen, die zu wenig Teilhabe erfahren haben und dafür kämpfen mussten. Menschen, die für sich und ihre Kinder inzwischen Exit-Strategien entwickeln.” Einer der Songs, die dieses Gefühl, diese Angst transportiert, ist „Pesos”. Er ist einer der sieben neuen Songs auf „Tränen mit Champagner” – der Grund, warum rund 200 Menschen ein leeres Haus mit Liebe füllten, um Jesué willkommen zu heißen. Um die neuen Songs – lediglich von einer Akustikgitarre begleitet – zu feiern und zu fühlen. Und um im Anschluss zusammen zu tanzen zu den Beats von DJ Smochi, der die Aftershow-Party bis in den frühen Morgen beschallte.
Die neuen Songs auf „Tränen mit Champagner” sind wahrscheinlich die persönlichsten, die Wegener je veröffentlicht hat, denn sie basieren auf dunklen Erfahrungen. Dennoch schwingt in ihnen Hoffnung. Nicht zuletzt im romantischen „1+1”, in dem es um den Heiratsantrag geht, den Jesué seiner Freundin gemacht hat.
Das hochgelobte Posting auf Instagram endet ebenso hoffnungsvoll und sollte uns alle motivieren, nicht den Mut zu verlieren. „Ich habe Angst um und vor diesem Land, aber ich spüre wieder etwas, wenn ich im Studio bin.” Wir müssen dafür nicht anfangen, selbst Musik zu produzieren. Wir müssen nur solch relevanten Stimmen entdecken und ihnen zuhören.
„Tränen mit Champagner” ist am 13. Februar 2026 auf Neubau Records erschienen und auf allen Streamingdiensten verfügbar.