In Wien zahlt ein:e Krankenpflerger:in rund ein Drittel ihres Monatsgehalts allein für die Miete. Während in den urbanen Zentren Österreichs und Europas die Wohnkosten explodieren und junge Familien sich fragen, ob sie sich ein Eigenheim überhaupt noch leisten können, läuft eine Region gegen den Trend: das Südburgenland.
Hier, ganz nah der Grenze zu Ungarn, müsste ein:e Krankenpfleger:in nur drei bis vier Arbeitstage aufwenden, um ihre monatliche Miete zu bezahlen – also rund elf Prozent des Gehalts. Das zeigen Daten des EU-Forschungsprogramms ESPON House4, welche zusammen mit Correctiv.Europe analysiert wurden-
Doch trotz dieser Zahlen kämpft die Region mit Leerstand. Gerade die 18- bis 27-Jährigen wandern massiv ab. „Wir müssen das Thema Wohnen im Südburgenland ganz nüchtern betrachten“, sagt Oliver Stangl, Geschäftsführer des Vereins Südburgenland Plus, ebenfalls SPÖ Jennersdorf. „Überalterung ist ein negativ besetzter Begriff“, räumt Stangl ein, „aber er beschreibt unsere demografische Realität.“
Mit Güssing und Jennersdorf liegen die beiden ältesten Bezirke Österreichs ausgerechnet hier. Stangl will deshalb junge Menschen wieder zurück in die Region holen – und dort halten. Gemeinsam mit Roland Deutsch leitet er das EU-geförderte Vorhaben. Über „Mein Südburgenland“ können sich Jungfamilien aktuell bereits zum zweiten Mal für die Schnuppertage – also „Gratis Probewohnen auf Zeit“ – bewerben.
Diese Recherche ist Teil einer Zusammenarbeit mit Correctiv.Europe, einem Netzwerk für lokalen Journalismus, das gemeinsam mit lokalen Redaktionen in ganz Europa datengestützte und investigative Recherchen durchführt Correctiv.Europe ist Teil der gemeinnützigen Recherche-Redaktion CORRECTIV, die durch Spenden finanziert wird. Mehr unter correctiv.org/de/europe/
Daten-Analyse von Correctiv.Europe
Währenddessen gilt im Westen in Sachen Wohnen das Recht des Stärkeren. Der Platz ist knapp und der Tourismus gibt mancherorts den Ton an – Immobilien am Privatmarkt werden teuer gehandelt. Während man in Güssing den Quadratmeter im Schnitt für weniger als sieben Euro mietet, liegen die Angebotsmieten in Brandberg, Tirol, bei 27 Euro pro Quadratmeter. Auch in Vandans, Vorarlberg, müssen Wohnungssuchende aktuell mit 26 Euro pro Quadratmeter rechnen.
Bei Kaufpreisen weitert sich die Schere: Am teuersten ist der Quadratmeter in St. Jakob in Haus mit 9.403 Euro, gefolgt von Lans mit 8.989 Euro (beides in Tirol). Die Gemeinden liegen damit deutlich über dem österreichischen Durchschnitt von 14,86 Euro pro Quadratmeter für Mietpreise sowie 4.931 Euro pro Quadratmeter für Kaufpreise. Zum Vergleich: In Güssing kostet der Quadratmeter derzeit 2.133 Euro.
Eine neue Wohnung in Österreich zu finden, kann ziemlich teuer sein – je nach Lage. Das zeigen auch Daten des EU-Forschungsprogramms ESPON House4, welche zusammen mit Correctiv.Europe analysiert wurden.
Wohnkosten in der EU stark gestiegen
Die Wohnkosten in der EU sind in den letzten zehn Jahren stark gestiegen, sodass es für viele schwierig geworden ist, sich eine Wohnung zu leisten. Vor allem Menschen in systemrelevanten Berufen können kaum eine Wohnung in einer europäischen Hauptstadt leisten. Das zeigte eine gemeinsame Recherchekooperation der WZ mit dem Urban Journalism Network (UJN) vergangenen Oktober.
Die Ergebnisse von damals: Wien, lange die Hauptstadt des leistbaren Wohnens, schneidet auch in Anbetracht der günstigeren Bestandsmieten sowie der geförderten Sozialbauten im europäischen Vergleich immer schlechter ab. Die UJN-Auswertung zeigt, dass Wien für Krankenpfleger:innen und Lehrpersonal nicht leistbar ist.
Kaum ein Lebensbereich bleibt von den Folgen teurer Wohnungen verschont, sagt Franziska Sielker, leitende Forscherin des ESPON-Projekts „House4All“ und Professorin für Stadt- und Regionalforschung an der TU Wien. „Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum führt dazu, dass Menschen ihre Lebensziele aufschieben: eine Familie gründen, mit jemandem zusammenziehen, einen Job in einer neuen Stadt annehmen“, so Sielker.
Hinzu kommen auch steigende Strom- und Energiepreise. Sie steigen europaweit schneller als Inflation und Mietpreise. Versäumte Renovierungen der Altbauten zeigen drastischen Folgen: knapp 11 Prozent der europäischen Bevölkerung sind mittlerweile von Energiearmut betroffen. Das zeigt eine weitere Recherchekooperation des Urban Journalism Networks.
Warum ist Wohnraum in Europa so teuer?
Grundstücke sind begrenzt, und vielerorts übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem. Dieser Druck wird durch einen wachsenden Anteil institutioneller Immobilieninvestoren noch verstärkt, die laut einer Analyse der Europäischen Zentralbank die Nachfrage von den lokalen Einkommen abkoppeln.
Gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen in die Städte, wo zu wenig Wohnraum gebaut wird, um die Nachfrage zu decken. Ein wachsender Markt für Kurzzeitmieten, eine Phase niedriger Zinsen und eine Zunahme von Einpersonenhaushalten treiben die Wohnkosten ebenfalls in die Höhe.
Der EU-Kommissar für Wohnungswesen verdeutlicht: Wenn die Wohnungen in Europa nicht stabil und sicher sind, „dann ist es unsere Demokratie auch nicht“, so Dan Jørgensen in einer Rede im März 2025.
Im Dezember hat die Europäische Kommission den ersten europäischen Plan für bezahlbaren Wohnraum vorgestellt, der vor allem darauf abzielt, Investitionen in den Wohnungsbau durch den Abbau rechtlicher Hindernisse, zusätzliche EU-Finanzmittel und die Einrichtung einer speziellen Investitionsplattform anzukurbeln.
Sonniges Südburgenland
Zurück nach Güssing. Grundstücke gäbe es hier reichlich, laut Stangl sind über 30 Prozent der Baulandreserven noch unbebaut. Die WZ fragt, warum junge Studienabgänger:innen gerade hier wohnen wollen. „Der Euro ist bei uns einfach mehr wert“, sagt Stangl.
Die Schnuppertage sollen genau das zeigen. „Wenn man nur ein Zehntel seiner Kosten für die Wohnung nehmen muss, ist das schon mal ganz gut“, sagt Stangl. Ein funktionierendes Vereinswesen, Natur vor der Haustür, Kinder, die frei aufwachsen können.
Zuwachs gibt es im Südburgenland von allen Seiten: namhafte Künstler:innen, Kreativschaffende, Menschen in systemrelevanten Berufen, aber auch Menschen, die teilweise von zu Hause aus arbeiten können. Viele nutzen die Infrastruktur, um tagsüber nach Graz oder nach Wien zu pendeln. Für Stangl ein erster Erfolg: „Uns geht es erstmal darum, dass die Leute hier wohnen. Ob sie dann in Wien oder Graz arbeiten, ist für den ersten Schritt nicht so wichtig.“
Dazu gibt es Ganztageskinderbetreuung, komplett öffentlich finanziert. Und für Fachkräfte im Gesundheitsbereich locken überdurchschnittliche Gehälter. Nicht zu vergessen sei die Nähe zur Natur und die vielen Sonnentage, ergänzt Stangl.