Robert Menasse ist Europa komplett verfallen. Vor allem literarisch. 2010 war er nach Brüssel gezogen, um den Maschinenraum der Union zu erkunden. Er hat sich darüber im „Europäischen Landboten“ Gedanken gemacht, hat vor dem EU-Parlament die Festrede „Kritik der Europäischen Vernunft“ gehalten, ein „Manifest der Europäischen Republik“ mitverfasst und mit dem Roman „Die Hauptstadt“ (gemeint ist Brüssel) 2017 den Deutschen Buchpreis gewonnen.
So könnte man meinen, dass es jetzt langsam gut sein sollte für einen Schriftsteller, der doch mehr sein müsste als der geistreiche Chronist einer eher gräulichen Institution. Denkste. Denn jetzt erscheint Menasses nächster EU-Streich; der trägt den ein bisschen nach Thomas Bernhard klingenden Titel „Die Lebensentscheidung“ und ist eine Novelle.
Nun ist eine Novelle nicht bloß die kleine Schwester des meist ausschweifenden Romans. Sie ist strenger, vor allem: dramatischer und endet oft in einem Showdown. Bei Menasse geht es zunächst geruhsamer zu: mit Franz Fiala, der in Brüssel in der EU-Verwaltung tätig ist. Genauer: in der Generaldirektion Umwelt, in der Unterebene ENV.D.2 Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Fiala ist kein Entscheider, aber auch kein kleines Licht, immerhin zählt sein Büro schon zwei Fenster, nur der Abteilungsleiter hat drei. Und dann fällt dieser engagierte, von seinem Tun überzeugte und vielleicht deshalb frustrierte Beamte die Entscheidung, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Noch im ersten Satz wird uns das als die titelgebende Lebensentscheidung verkauft — was aber geschummelt ist.
Robert Menasse ist ein großer Figurenzeichner. Wenn Franz Fiala sein Büro aufräumt, dann werden seine ersten Konturen schon sichtbar in den Post-it-Notes an seiner Tür, auf denen die Nachrichten zu lesen sind: dass er in der Kantine ist, im Hof bei den Rauchern, in einem Meeting. Ein ganzes Arbeitsleben auf kleinen gelben Klebezettelchen.
Dieser Franz Fiala geht geräuschlos aus dem Job, um sein Leben zu sortieren. Da ist vor allem seine alte, kränkelnde Mutter in Wien, die ihren 89. feiert, die ihm im gnadenlosen Licht ihrer kleinen Wohnung plötzlich wie ein „zerzauster Spatz“ vorkommt und in ihm den nicht sehr feinen, schonungslosen Gedanken aufkommen lässt. „Sie wird es nicht mehr lange machen.“ Erst einmal segnet aber Onkel Fritz das Zeitliche. Der Tod reiht sich ein in die Vielzahl von Auflösungserscheinungen, mit denen Fiala zu tun hat.
Das alles ist die Begleitmusik einer anderen, wirklich mächtigen Lebensentscheidung: Bei Franz Fiala wird Bauspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Sein letztes Ziel: bloß die Mutter zu überleben, um ihr zu ersparen, am Grab des Sohns stehen zu müssen. Ein Überlebenswettkampf beginnt.
Diese Novelle ist Teil einer großen Erzähltradition. So wird eher beiläufig erzählt, wie Franz Fiala in der Wohnung der Mutter einen Band „Deutsche Novellen. Von Goethe bis Grass“ mitnimmt und darin zu lesen beginnt. Eine Novelle liest er fertig und muss bei diesem Ende weinen: „Hier endet der Bericht vom Sterben des Kleinbürgers. Zwei Tage über sein Ziel war er hinausgerannt wie ein guter Läufer.“ Menasse erwähnt nicht, dass diese Novelle von Franz Werfel (1890-1945) stammt, in der ein Mann seinen Tod plant, damit eine Lebensversicherung seiner Familie ausgezahlt werden kann. Voraussetzung: Er muss älter als 65 werde. Auch dieser Mann kämpft also einen Überlebenswettkampf. Bei Werfel heißt er: Karl Fiala.
Ist das nun der literarische Abschied des 71-jährigen Robert Menasse aus Europa? In der Person eines überzeugten EU-Beamten, der am Ende mit dem Sinnlosen konfrontiert wird. Europa, so könnte eine Lesart sein, wird einer neuen Zeit, einer folgenden Generation anvertraut.
Auch darum wäre es selbst für europamüde Leser ein Versäumnis, Menasses Novelle nicht zu lesen.