Es brummt bei den Verpflichtungen von Gerhard Siegel. Der Augsburger Helden- und Charaktertenor ist von Sidney über Bayreuth bis hin zur MET New York gefragt. Und zwischenrein singt er an den Staatsopern von München und Wien. Bald auch mit Star-Sopranistin Asmik Grigorian.
Wagners Mime ist Gerhard Siegels Paraderolle
Anfang Februar ist Siegel aus Paris zurückgekehrt, wo er zum nunmehr 146. Mal in seiner Karriere den Mime aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ sang – seine Paraderolle interkontinental. Wer in einer der Handvoll Aufführungen der Opéra Bastille saß und lauschte und schaute, der konnte ihn an seinem präsent-hellen, agilen, vorbildlich textverständlichen und pumperlgesunden Tenor erkennen, nicht aber als die Person, als die man ihn vor Augen hat, mit dem gerundeten Schädel, blonder Halbkranz-Frisur und schalkhaft blinzelnden Maus-Augen.

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Kaum zu erkennen: Gerhard Siegel als Mime
Foto: Gerhard Siegel
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Kaum zu erkennen: Gerhard Siegel als Mime
Foto: Gerhard Siegel
Und doch war er es – trotz markanter Geschäftsmann-Brille, dunklem Haarschopf und gefärbtem Bart: Gerhard Siegel, der weltweit gefragte Charakter- und Heldentenor aus Augsburg. Natürlich konnte er als Jung-Siegfried einmal mehr Ovationen einheimsen in dieser musikalisch vortrefflichen, szenisch eher unterbelichteten „Siegfried“-Produktion. Ja, Siegel, mittlerweile 63 Jahre alt, ist – nach mageren Corona-Zeiten – erneut bestens nachgefragt, von Sydney über Wien bis New York, wie sein Website-Terminkalender ausweist.
Tenor Gerhard Siegel: „Wer dirigiert und mit wem ich auf der Bühne stehe, interessiert mich nicht“
Und dort ist nicht einmal alles vermerkt an Engagements. Das gesteht er im Gespräch – und begründet die Fehlstellen mit „Faulheit“. Nicht einmal sein erneuter Bayreuth-Mime im Sommer 2026 wird angekündigt. Quasi nach dem Motto: Weit wichtiger als die Bekanntgabe auf der Website ist die Verpflichtung und das Singen selbst. Ja, Gerhard Siegel ist mittlerweile abgeklärt, auch durch seinen Erfolg. Er sagt, was ein junger, aufstrebender Sänger wohl kaum äußern würde: „Je älter ich werde, desto weniger interessiert es mich, wer dirigiert und wer mit mir auf der Bühne steht. Ich habe einfach Spaß am Singen – und aussuchen kann ich es mir eh‘ nicht.“
Den Mime aus „Rheingold“ und „Siegfried“, den habe er – bei 146 Vorstellungen – so drauf, dass er sich auf Melodie und Text gar nicht mehr stark konzentrieren müsse und sich stattdessen lustvoll dem Spielen und Ausleben der Rolle – auch in Spontanaktionen – widmen könne. Zumal, wenn die Regie nicht viel verlange, wird da von ihm manches beigesteuert, was mimisch und gestisch aus dem Moment heraus geboren wird.

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Mit Asmik Grigorian, hier in einer „Salome“-Inszenierung der Salzburger Festspiele, singt der Augsburger Tenor Gerhard Siegel unter anderem in München
Foto: Salzburger Festspiele / Ruth Walz
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Mit Asmik Grigorian, hier in einer „Salome“-Inszenierung der Salzburger Festspiele, singt der Augsburger Tenor Gerhard Siegel unter anderem in München
Foto: Salzburger Festspiele / Ruth Walz
Aber nicht nur der Mime ist eine Paraderolle Gerhard Siegels, sondern auch der Herodes aus Richard Straussens monströser „Salome“-Oper. Abgehakte Daten im Terminkalender: April und Mai 2025 MET New York, gefolgt von Auftritten in Danzig, Bukarest, Köln. Worauf jetzt im Februar und März, zusammen übrigens mit Asmik Grigorian in der Titelrolle, vier „Salome“-Aufführungen an der Bayerischen Staatsoper anstehen, gefolgt von ebenfalls vier Aufführungen an der Wiener Staatsoper im Mai – wo im Frühsommer, vor Bayreuth, auch noch ein paarmal der Mime folgt. Ja, es brummt gerade für Siegel, gerade in Wien, weil für ihn dort auch noch im März der Piet vom Fass aus György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“ ansteht. Natürlich hat Siegel auch seine Herodes-Auftritte gezählt: Am 23. Februar 2026 wird er in München zum 128. Mal das finale „Man töte dieses Weib!“ wütend und angeekelt herausschleudern. Das letale Ende dann für Asmik Grigorian.
Auch für die nächsten Spielzeiten ist Gerhard Siegel bereits verpflichtet oder zumindest angefragt: Paris, New York, Santa Fe, Sydney. Wenn er in diesen Metropolen zwischen den einzelnen Auftritten zwei/drei Tage frei hat, schaut er sich gerne die kleineren Städte im Umkreis an. Fragt man ihn aber, was es über seine Engagements hinaus an Neuem gibt, dann sagt er – wie aus der Pistole geschossen – so opernpathetisch-betrübt wie urkomisch: „Dass ich immer noch kein Kammersänger bin!“. Ausbrechendes Lachen darüber ist einfach nicht zu unterdrücken. Ein Kabinettstückchen ohne große Szene und Orchester. Doch darf man davon ausgehen: Das wird schon noch.
Auf einer neuen CD singt Gerhard Siegel Schumanns „Dichterliebe“
Freilich gibt es dann doch noch Neues von dem 1963 in Trostberg/Oberbayern Geborenen zu berichten, der seine Frau Constanze im Augsburger Opernchor kennenlernte. Zum einen, dass Siegel im Frühsommer auch in Augsburger Kinos zu sehen ist. Weil dort der Mitschnitt einer Londoner „Zauberflöten“-Produktion gezeigt wird, in der er den Monostatos singt – ein spätes Mozart-Rollendebüt vom Herbst 2025 (17. Mai Cinestar, 7. Juni Lechflimmern). Und zweitens ist soeben eine neue Lieder-CD von Siegel erschienen mit Schumanns „Dichterliebe“, Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, fünf Liedern von Franz Schreker und vier beschließenden Liedern von ihm selbst. Der Tenor interpretiert seine eigenen Werke (Hänssler Classic 25057).
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