Was macht man, wenn man kein Geld hat, aber immerhin einen Kompositionsauftrag und einen Verleger, der bereit ist, Vorschüsse zu zahlen? Man lässt sich in seiner Nähe nieder, damit das Geld keine langen Wege nehmen muss. So macht es Anfang 1862 Richard Wagner. Seinem Verleger Schott in Mainz gefällt die Idee zu den „Meistersingern von Nürnberg“, Wagner zieht zum Komponieren auf die andere Rheinseite nach Biebrich.

Kurbäder wie Wiesbaden hatte er, bei aller Verachtung für die mondäne Welt, auf deren Unterstützung er baute, schon immer gemocht, zum Beispiel Marienbad, wo er 1845 zum ersten Mal von den Meistersingern gehört hatte, die sich in den freien Reichsstädten der frühen Neuzeit einer bürgerlichen Fortsetzung der Minnesängerdichtung des Hochadels im Mittelalter hingaben.

Noch besser gefiel ihm der Blick auf das Wasser, so wie im Schweizer Exil in Luzern oder beim halb legalen Aufenthalt im österreichischen Venedig. Biebrich, klein und damals als Gemeinde noch selbständig, aber immerhin mit einem Park versehen, kam ihm da vermutlich gerade recht. Beim Spaziergang stieß er etwa auf den Herzog von Nassau, über dessen Faible für die italienische Oper er sich lustig machen konnte.

Beinahe hätte Wagners Festspielhaus in Wiesbaden gestanden

Zudem liegt Biebrich am Ufer des Rheins, der ihm mitsamt Legenden und Epen schon seit geraumer Zeit durch das Komponistengemüt wallte. „Der Ring des Nibelungen“ lag als Text vollendet vor, von „Rheingold“ bis „Götterdämmerung“, die Musik war mitten im „Siegfried“ stecken geblieben.

Schon 1851 hatte er einem Freund einen weiteren Fluss-Traum gestanden: „Am Rheine schlage ich dann ein Theater auf und lade zu einem großen dramatischen Feste ein. Nach einem Jahre Vorbereitung führe ich dann im Laufe von vier Tagen mein ganzes Werk auf.“ Im stillen Biebrich kommt er auf diesen Plan zurück, sieht sein Festspielhaus, das er später in Bayreuth errichtet, schon auf der Adolfshöhe zwischen Wiesbaden und Rhein entstehen.

Die Abgeschiedenheit hatte für ihn einen weiteren Vorteil. Wagner, der einstige Revolutionär, der zum ersten Mal seit 1848 auf das Gebiet des Deutschen Bundes zurückkehren darf, taucht seine Zehen zunächst lieber abseits der Großmächte in den Strom von Geschichte und Zeitgeist.

In einer Villa am Rheinufer bezieht er zwei Zimmer. Es ist Februar, nicht die beste Zeit des Jahres, selbst im milden Rheingau. Aber Wagner lebt auf, versenkt sich in seinen Stoff und komponiert an der Rheingaustraße 137 die Ouvertüre der „Meistersinger“.

Er bleibt bis November. Macht Ausflüge in den Taunus und nach Frankfurt, besucht Theater und Spielbank, besichtigt die Musikinstrumentenmanufaktur Heckel und streitet sich mit Schott, dem er die versprochenen „Meistersinger“ trotz aller Vorschüsse nicht liefert.

Der Versuch, den seit 1859 fertigen „Tristan“ mit vielen Proben in Wien auf die Bühne zu bringen, beschäftigt ihn auch in Biebrich. Erst 1865 klappt es mit der Uraufführung in München, wo drei Jahre nach dem Drama von Sehnsucht und Vergehen auch die „Meistersinger“ erstmals gegeben werden, die vor den Mauern Nürnbergs im Jubel enden. Die Komödie nach dem Tristanakkord, in Biebrich begonnen, ist der beste Beweis dafür, dass sogar der winterliche Februar auf die Festwiese führen kann.