In London treffen einander die Chefs mehrerer großer Banken – von Barclays über Santander UK bis zu Lloyds –, um über die Einführung einer gemeinsamen digitalen Bezahlplattform zu verhandeln, wie die britische Tageszeitung „Guardian“ am Dienstag berichtete. Die Initiative werde von der Regierung unterstützt, auch die Zentralbank, die Bank of England, hat das bereits grundsätzlich begrüßt.
Anders als auf dem Kontinent sind in London auch die beiden US-Riesen Visa und Mastercard Teil des Konsortiums und haben damit die Möglichkeit, die Richtung mitzubestimmen. Das System hat laut „Guardian“ derzeit den Namen DeliveryCo und soll 2030 einsatzbereit sein.
Alternative Wero
Wero ist ein Kofferwort, zusammengesetzt aus „we“ (wir) und Euro. Im Herbst hatte Wero nach eigenen Angaben 46 Millionen User. Heimischen Privatkunden steht Wero bisher nicht zur Verfügung.
Wero soll Klarna und Visa Konkurrenz machen
Da ist man in der EU grundsätzlich schon um einiges weiter. Hier startete ein Bankenkonsortium, die European Payments Iniative (EPI), im Sommer 2024 das Digitalbezahlsystem Wero. Bisher ist es in Deutschland, Belgien und Frankreich benutzbar. Heuer kommen mehrere Länder, darunter die Niederlande, Luxemburg und möglicherweise Österreich, dazu. Die Geschäftskundenbank RBI bietet das System als erste und bisher einzige heimische Bank an.
Mit Wero sind Direktüberweisungen von Konto zu Konto möglich, ebenso Onlineüberweisungen. Die Bezahlung an der Kassa im Geschäft soll heuer oder nächstes Jahr dazukommen. Wero soll so PayPal, Klarna, Visa und Mastercard Konkurrenz machen. Es geht auch um wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit von den USA: Die Probleme, die der Ausschluss aus den US-Bezahlsystemen nach dem Angriff auf die Ukraine in Russland auslöste, dienen hier als warnendes Beispiel.
Netzwerk an Nutzern und Händlern entscheidend
Zahlungsdienste leben allerdings davon, dass viele Nutzer und Händler mitmachen. Weros Erfolg wird also stark davon abhängen, wie rasch und in wie vielen Ländern es ausgerollt und wie gut es angenommen wird. Solch große Netzwerk haben PayPal, Visa und Mastercard bereits – und Apple Pay und Google Pay sind auf dem Vormarsch.
Sich gegen Erpressbarkeit immunisieren
Europa will aber nicht nur verhindern, dass die USA die US-Bezahlsysteme als ähnlichen Hebel wie die Zölle von US-Präsident Donald Trump einsetzen können. Es geht auch um Unmengen an – höchst privaten – Daten, die bei US-Konzernen und damit im Ernstfall auch in den USA landen. Was früher angesichts der engen transatlantischen Allianz kaum ein Thema war, wird nun als großes Risiko gesehen. Das gilt umso mehr, als sich die Abhängigkeit praktisch täglich verschärft, denn immer mehr Menschen zahlen bargeldlos.
Streit zwischen Banken und EZB
Allerdings gibt es diesbezüglich unterschiedliche Vorstellungen zwischen den Geschäftsbanken einerseits und der Europäischen Zentralbank und den EU-Institutionen andererseits.
Letztere wollen vor allem den digitalen Euro vorantreiben, um so die europäische Souveränität im Finanzbereich abzusichern. Auf dem EU-Gipfel im Dezember steckten die Staats- und Regierungsspitzen die Position der Mitgliedsstaaten zu dem Thema ab. Angesichts der jüngsten Signale aus dem EU-Parlament könnte es noch heuer grünes Licht für die elektronische Währung geben. Sie wäre in Geschäften, online und von Mensch zu Mensch gratis nutzbar.
Kritische Stimmen warnen, die elektronische Währung würde es Regierungen ermöglichen, ihre Bürgerinnen und Bürger zu überwachen oder ihnen gar den Geldhahn zuzudrehen. Vorwürfe, die die EZB entschieden zurückweist.
Lagarde: Kein Zugang zu persönlichen Daten
EZB-Chefin Christine Lagarde versuchte bei ihrem Besuch in Straßburg vor eineinhalb Wochen die Sorgen hinsichtlich einer möglichen Überwachung zu zerstreuen. Die Bank „hätte keinen Zugang zu persönlichen Daten“, sagte sie. Auch werde der digitale Euro „in keiner Weise Bargeld ersetzen“.
Europäische Banken dagegen fürchten nicht nur um ihre eigenen Plattformen wie Wero. Vor allem befürchten sie, dass eine von der EZB verwaltete digitale Bezahllösung ihr eigenes Geschäft schwer treffen könnte. Auch die heimischen Banken warnen, noch ohne sich für Wero oder eine andere Lösung entschieden zu haben. Eva Landrichtinger, Geschäftsführerin der Sparte Bank und Versicherung in der Wirtschaftskammer, forderte im Dezember ein europaweites „privatwirtschaftliches Zahlungssystem“ statt eines digitalen Euros.
Zu spät vs. zu uneinig
Sollte es heuer politisch grünes Licht geben, könne der digitale Euro 2029 eingeführt werden, so die EZB. Das sei zu spät, warnte Anfang Februar die Vorsitzende des Wero-Konsortiums, Martina Weimert.
Umgekehrt warnt die EZB, den europäischen Banken fehle es an Einigkeit und damit der Fähigkeit, ihre Plattform rasch als zentrale Bezahlschnittstelle auf dem europäischen Markt zu etablieren. Letzten Sommer vereinbarte EPI daher eine Kooperation mit ihrem Konkurrenten European Payments Alliance (EuroPA), einem anderen Bankenverbund für Bezahlsysteme.
Gemeinsam will man nun bis nächstes Jahr in 13 Ländern mit 130 Millionen Menschen operieren, allerdings mit verschiedenen bestehenden Systemen, die aber zusammenarbeiten sollen. Der digitale Euro dagegen soll es laut EZB den Banken ermöglichen, ihre eigenen Anwendungen darauf aufzubauen.
Welche Lösung immer sich durchsetzt: Bei einem großflächigen Blackout wie Ende April 2025 versagt jede digitale Lösung. Da bleibt „nur“ Bargeld als verlässliches Zahlungsmittel. Der EU-Rat beschloss im Dezember, dass in einer EU-Verordnung die Rolle des Euro als Zahlungsmittel und die grundsätzliche Möglichkeit zur Barzahlung garantiert werden müssen.