„Die Autobahn hat ihre eigenen Gesetze. Kennst du sie nicht, dann kommst du nicht nach Hause.“ So lautet einer der Leitsprüche von Sandra, die als Lkw-Fahrerin mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Der Spruch stammt von ihrem Vater. Er ist ebenfalls Lkw gefahren, aber ums Leben gekommen, als er sich einmal nicht an die eigene Devise gehalten hat.

Aber Sandra hat noch einen weiteren Verlust erfahren: Ihr Partner hat als Bundeswehrsoldat in Afghanistan gedient und ist im Einsatz gestorben. Sandras Leben ist daraufhin ins Wanken geraten. Sie ringt mit ihrer Trauer – und einer Spielsucht. Auch deshalb wächst ihre Tochter Mia bei der Großmutter auf. Eine Lkw-Reise durch Europa soll Sandra und Mia nun wieder näher zusammenbringen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. 

Roman kreist um Familie und Herkunft aus dem Osten

Sandra ähnelt den bisherigen Helden in den Romanen von Domenico Müllensiefen, die zusammen ein Generationenporträt ergeben: Denn wie in seinen Vorgängerromanen „Aus unseren Feuern“ und „Schnall dich an, es geht los“ geht es um jene Menschen, die in der Nachwendezeit aufgewachsen sind und die neue Freiheit ebenso erleben wie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche.

Die Frage, wie diese Entwicklungen und die eigene Herkunft einen Menschen prägen, zieht sich durch den Roman von Domenico Müllensiefen: Während Sandra von der Politik maßlos enttäuscht ist, wächst ihr Verständnis für den eigenen Vater. Der hat ihr zwar den Alltag als Lkw-Fahrer nahegebracht, dann aber unbedingt verhindern wollen, dass seine Tochter den gleichen Beruf ergreift. Deshalb hat Sandra eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, diese aber nach nur einem halben Jahr abgebrochen.

Literarisches Kammerspiel in der Fahrerkabine

Auch in seinem dritten Roman kann Domenico Müllensiefen seine Stärken als Autor ausspielen: eine genaue Beobachtungsgabe und präzise Dialoge – vor allem zwischen Sandra und ihrer Tochter Mia. „Manchmal muss man sich entscheiden“ liest sich als packendes literarisches Kammerspiel, das zu großen Teilen in der Fahrerkabine stattfindet.

Greift Debatten der Gegenwart auf – zum Beispiel Migration

Geschickt verknüpft Müllensiefen dabei Sandras Alltagserfahrungen mit der europäischen Einigungsgeschichte. Denn während ihr Vater in den 80er-Jahren für offene Grenzen gestreikt hat, bekommt Sandra die Nachteile zu spüren. Ihr machen vor allem Austauschfahrer aus dem Ausland das Leben schwer. Diese dürfen nur drei Fahrten in Deutschland erledigen und müssen dann wieder nach Hause. In Sandras Wahrnehmung machen sich dann für jeden Fahrer drei neue auf den Weg. Sie ist sich sicher: Dafür hat ihr Vater nicht gestreikt.

Am stärksten ist der Roman, wenn er komplexe Entwicklungen in solch kurzen Gedankengängen und Szenen aufzeigt. Denn Müllensiefen versucht auch, dem Unmut auf den Grund zu gehen, den viele Menschen heute empfinden: Er behandelt die Wirtschaftskrise ebenso wie Debatten um Geflüchtete oder die Frage, wie wichtig uns die eigene Verteidigung ist. „Manchmal muss man sich entscheiden“ ist ein rasanter Roman, der genau auf unsere Gegenwart zielt.

Quelle: MDR KULTUR (Tino Dallmann), redaktionelle Bearbeitung: ks