Reisen zu „Querdenkern“ in Kanada
AfD-Politikerin verschwieg Finanzierung
18.02.2026 – 09:08 UhrLesedauer: 4 Min.
Christine Anderson: Sie ließ sich Reisen nach Kanada von der „Querdenker“-Szene bezahlen. (Quelle: IMAGO/Dwi Anoraganingrum)
Immer wieder reist die AfD-Europaabgeordnete Christine Anderson zu verschwörungsideologischen Gruppen ins Ausland. Bezahlen lässt sie sich von den „Querdenkern“ selbst – und die Kosten verschweigt sie dem EU-Parlament.
Sie tourte durch ganz Kanada und besuchte zahlreiche Veranstaltungen, trat als Rednerin auf und ließ sich für Exklusivgespräche vermitteln. Bezahlt hat Christine Anderson diese Trips im Sommer 2025 aber nicht selbst. Sie ließ sich von der „Querdenker“-Szene einladen. Eigentlich müsste die AfD-Abgeordnete im Europaparlament diese Reisen melden. Doch das machte sie nicht.
Anderson verschwieg der Parlamentsverwaltung die Kosten für die Reisen innerhalb Kanadas. Das ergaben Recherchen von t-online und Abgeordnetenwatch. Damit verstößt die Abgeordnete gegen die Transparenzregelungen des Parlaments, wonach bezahlte Reisen spätestens nach 60 Tagen gemeldet werden müssen.
Doch die nicht gemeldeten Reisen im vergangenen Sommer sind nicht die einzigen Verstöße gegen die Transparenzregeln des EU-Parlaments. Und sie war auch schon in vorherigen Jahren immer wieder in Nordamerika unterwegs.
Im Sommer 2025 war Christine Anderson für die mehrtägige Tournee in Kanada, bei der sie mindestens zwei öffentliche Großveranstaltungen sowie diverse Netzwerktreffen der dortigen rechtspopulistischen „Freedom Convoy“-Szene besuchte. Der „Freedom Convoy“ war eine massive Protestbewegung von Truckern, die Anfang 2022 mit Lkw-Blockaden die kanadische Hauptstadt Ottawa und wichtige Grenzübergänge lahmlegte. Ursprünglich gegen Impfpflichten gerichtet, entwickelte sich die Szene schnell zu einem Sammelbecken für Regierungsgegner, Verschwörungsideologen und rechtsextreme Gruppen, die den Sturz der Regierung Trudeau forderten.
Der Auftakt fand am 25. Juni mit einem Auftritt im Podcast des Psychologen Jordan Peterson statt. Jordan Peterson gilt als Türöffner für rechtspopulistische und verschwörungsideologische Erzählungen. Seine Rhetorik gegen Identitätspolitik und Klimaschutz gilt als antifeministisch und wissenschaftsfeindlich. Er spricht über „Woke-Diktatur“, also eine politisch linke Unterdrückung der Meinungsfreiheit, bietet Akteuren am rechten Rand eine pseudowissenschaftliche Bühne und trägt so für viele Beobachter zur gesellschaftlichen Polarisierung bei.
Um an dem Interview teilzunehmen, verpasste die AfD-Abgeordnete insgesamt neun Termine im Europäischen Parlament, darunter Sitzungen des Gesundheits- (SANT) und des Frauenrechtsausschusses (FEMM). An Anfrage von t-online rechtfertigte Anderson ihr Fernbleiben damit, dass die Teilnahme an Ausschüssen ohnehin vom persönlichen Interesse an den Themen abhänge und sie sich bei Abstimmungen vertreten lasse.
Das erste große Live-Event der Anderson-Tour war am 28. Juni in Calgary. Vor einem Publikum, das für Tickets bis zu 150 kanadische Dollar zahlte, inszenierte sich Anderson ganz in Weiß und mit dem symbolträchtigen „Calgary White Hat“. Der gilt als offizielles Wahrzeichen für Gastfreundschaft und wird traditionell in feierlichen Zeremonien an „ehrenwerte Gäste“ der Stadt verliehen. Da Christine Anderson den Hut jedoch nicht von offizieller Stelle, sondern aus den Händen eines radikalen Predigers der „Freedom Convoy“-Szene erhielt, distanzierte sich die Stadtverwaltung bereits 2023 ausdrücklich von der AfD-Politikerin und ihrer Inszenierung.
