Um ein Haar wäre Brigitte Kraemer Steuerberaterin geworden – und dabei geblieben. Sie selbst hält es „auch ein bisschen“ für einen Zufall, dass sie irgendwann in Richtung Fotografie abgebogen ist. Wenn man durch ihre große retrospektive Ausstellung im Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein in Essen geht, erkennt man gleich, warum das ein Glück ist.
Brigitte Kraemer, die seit Langem als Teil einer kleinen, aber lebendigen Kunstszene in Wanne-Eickel lebt, ist ein Kind des Ruhrgebiets. Geboren 1954 in Hamm machte sie nach der Schule erstmal ganz solide eine Ausbildung bei einem Steuerberater. „Ich habe die Buchführung für Trinkhallen, Tankstellen oder kleinere Unternehmen gemacht – das ist sehr abwechslungsreich und man bekommt spannende Einblicke“, erzählt sie. Erst als ihre Steuerberatung in ein größeres Unternehmen mit mehr Arbeitsaufteilung aufging und sie nur noch am Rechnungsausgang saß, wurde ihr klar, dass das nicht ihr Weg sein konnte.
Über das, was sie rückblickend Zufall nennt, fand sie an die Fachoberschule für Gestaltung in Münster – eine Klassenkameradin hatte ihr von dieser Möglichkeit berichtet – und schließlich an die Folkwang Universität der Künste in Essen. „Es war traumhaft, als ich das erste Mal durch das Tor auf den Hochschul-Campus in Essen-Werden ging“, erinnert sie sich, „Schauspieler und Tänzer schwebten über den Hof, auch zu den Musikern hatten wir viel Kontakt.“
Sie landete im Studiengang Visuelle Kommunikation bei Professor Willy Fleckhaus, dem legendären Designer und Journalisten. Schon als Studentin war ihr klar, was ihr bis heute selbstverständlich ist: dass Kunst politisch sein muss. „Wir fuhren in die Toskana und sollten Bäume fotografieren. Willy Fleckhaus war vor allem an ästhetischen Aspekten interessiert. Das ging für mich zu der Zeit gar nicht.“ Wenn sie die Aufgabe bekam, einen Laden in Uni-Nähe zu porträtieren, ging sie in den türkischen Laden. Neben dem Studium engagierte sie sich in der Demokratischen Fraueninitiative Duisburg, wählte als Thema für ihre Abschlussarbeit „Frauen im Frauenhaus“. „Da kommt garantiert kein Mann, der das schon gemacht hat“, ahnte sie.
Doch selbst als sie ihr Studium mit Auszeichnung abschloss, war ihr nicht klar, dass sie einen Weg als Fotografin nehmen musste. „Ich konnte gar nicht einschätzen, was das jetzt bedeutete. Ich habe zu der Zeit gekellnert und wollte eigentlich dabei bleiben. Kontakte zu anderen Fotografen gab es nicht.“ Es brauchte einen Schubs ihrer Professorin Angela Neuke: „Jetzt musst du mal los.“
Dieses Losziehen hat erstaunlich gut geklappt. Brigitte Kraemer knüpfte Kontakte nicht nur zu linken Magazinen wie Konkret, das ihre Examensarbeit veröffentlichte, sondern auch zu Spiegel, Zeitmagazin oder Stern in Hamburg, der führenden Publikation für Fotoreportagen. In der Ausstellung im Ruhr Museum sind viele Fotoreihen zu sehen, die ursprünglich für Magazine oder Zeitungen entstanden sind. Dabei fällt zweierlei auf: Zum einen das sozialpolitische Anliegen. Kraemer fotografierte etwa zum Thema Migration im Ruhrgebiet oder im Friedensdorf Oberhausen, in dem verletzten Kinder aus Kriegsgebieten ankamen. Zum anderen ihr Blick für stimmige Bildaufteilungen oder Konstellationen.
Trotzdem wirken die Bilder nie inszeniert, sondern wie besonders elegant aus dem Leben gegriffen. Brigitte Kraemer erklärt, woran das liegt: „Ich bin unfähig, zu inszenieren, eine ziemliche Niete. Deshalb sind die meisten meiner Arbeiten aus Langzeitbeobachtungen entstanden. Ich versuche, mir dafür Freiräume zu organisieren.“ Das bedeutet auch, dass sie zulassen muss, was andere für langweilig halten würden. Sie sitzt mit Geflüchteten in überfüllten Zimmern im Heim, trinkt Tee, sieht fern – und knüpft Kontakte, die manchmal zu Freundschaften werden. „Ich hatte nie ein Konzept im Kopf und mochte den Graubereich. Man trifft die Leute ja wieder – und sie haben immer hinterher die Fotos gekriegt.“
Ihrer gesellschaftskritischen, auch feministischen Agenda ist sie treu geblieben. Als das Immobilienunternehmen Vonovia einen hoch dotierten Preis für Fotografie auslobte, sah sie das natürlich kritisch und bewarb sich mit dem Thema „Draußen zuhause“, es ging um Obdachlosigkeit. Dazu hatte sie schon früher gearbeitet, mit den „Mädchen auf Trebe“ in Berlin, die sie dann teilweise auch bei sich wohnen ließ. „Vielleicht war ich auch naiv, wenn ich sie schon mal mit teurer Kameraausrüstung allein in meiner Wohnung ließ. Aber es ist nie was passiert.“
Man sieht ihren Fotos die teilnehmende Beobachtung an, die Liebe zu ihren Sujets. Die Menschen am Rhein-Herne-Kanal werden zu ikonischen Ruhrgebiets-Motiven. Und selbst in der Reihe „Mann und Auto“ gibt sie ihre Objekte nicht in erster Linie der Lächerlichkeit preis, auch wenn man schon mal lachen muss über Motive aus der Autotuner-Szene oder über überspitzte Schrottplatz-Szenen. Das Ruhr Museum hat gut daran getan, vor drei Jahren ihr Gesamtwerk zu kaufen, ihren Vorlass. Nicht nur, weil es damit die Lücke von weiblichen Positionen in der Sammlung verkleinern konnte – sondern auch, weil es damit eine originäre künstlerische Handschrift dazugewinnen konnte.