Staatsoper Stuttgart: Nach Störrufen bei der Premiere: So lief die „Meistersinger“-Aufführung Die deutsche Geschichte wirft in der Neuproduktion von Wagners Oper „Die Meistersinger“ in Stuttgart schwere Schatten. Szene mit Martin Gantner als Hans Sachs Foto: Matthias Baus

Ein Gedicht Paul Celans spaltete bei der „Meistersinger“-Premiere in Stuttgart das Publikum. Bei der zweiten Vorstellung verlief die Szene ohne Tumult. Ein Zeichen für mehr Respekt?

Nein, es gab keine Proteste bei der zweiten Aufführung der „Meistersinger“ im Stuttgarter Opernhaus. Am Sonntag erklang Paul Celans Rezitation seiner „Todesfuge“ ohne Zwischenrufe zu Beginn des dritten Akts aus dem Off. Bei der Premiere eine Woche zuvor hatte die unvermittelte Konfrontation mit dem Gedicht, das den Horror des Holocaust zu fassen versucht, zu lauten Reaktionen geführt. Der Wunsch „Aufhören!“ und „Wir wollen Musik!“ erklang aus dem Publikum; für die Störrufe gab es „Nazi“-Konter, Zischen und demonstrativen Gegen-Applaus, „fast ein Tumult in der Staatsoper“, notierte unser Kritiker.

Eine Nachfrage bei Sebastian Ebling, dem Pressesprecher der Stuttgarter Oper, ergab, dass sich die Rufe aus dem Publikum nicht wiederholt haben. Damit können sie auch nicht Teil von Elisabeth Stöpplers Inszenierung sein, wie einzelne vermuteten.

Eine Oper, die NS-Größenwahn in die Hände spielte

Die Regisseurin hatte im Interview mit dieser Zeitung vor der Premiere betont, dass Wagners Oper durch ihre Rezeptionsgeschichte vorbelastet sei und man mit ihrer Inszenierung eine besondere Verantwortung übernehme. Als ein Stück „musikalischen Überwältigungstheaters, das Hitler und Co., insbesondere Leni Riefenstahl als Inszenatorin von Hitlers Reichsparteitag, in die Karten gespielt hat“, beschrieb Elisabeth Stöppler „Die Meistersinger von Nürnberg“.

Elisabeth Stöppler Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Der Blick heute auf diese Oper kann also nur einer sein, der Brüche und Störgeräusche beinhaltet. Weil Elisabeth Stöppler die Bedeutung der Sprache und des Schreibens ins Zentrum ihrer Inszenierung stellt, schafft sie Platz für Gedichte wie das von Paul Celan, das mit dem berühmten Bild von der „schwarzen Milch der Frühe“ beginnt, das den Tod einen Meister aus Deutschland nennt und das nach wie vor verstört.

„Paul Celan liest selbst diesen Text. Ein Moment, der tief berührt.“ So hat Johannes Lachermeier, der Kommunikationsdirektor der Stuttgarter Staatsoper, diesen Moment bei der Premiere der „Meistersinger“ erlebt. Auch für unseren Kritiker fügten sich Gedicht und Musik perfekt, er schrieb: „Und dann dirigiert Cornelius Meister das Vorspiel als innigste Trauermusik, abgrundtief, ungemein berührend.“ Vor diesem Hintergrund haben Johannes Lachermeier die Zwischenrufe so nachhaltig beschäftigt, dass er im Online-Magazin der Staatsoper seine Eindrücke unter der Überschrift „Prügelfuge und Todesfuge“ aufgeschrieben hat. „Was dieser Moment auch beinhaltet: Das Aufeinandertreffen des Juden Celan mit dem Antisemiten Wagner. Die Konfrontation der hochvirtuosen, ja auch burlesken, vor allem aber fiktiven Ausschreitung der Johannisnacht mit dem, was Nationalchauvinismus, Gewalt und Verblendung in Deutschland real verursacht haben: den Holocaust.“

Es geht auch um die Opfer

Zwischenrufe gerade in diesem Moment? Die mag der fassungslos auf den Vorfall blickende Kommunikationsexperte nicht als Lebenszeichen der Kunstform Oper schönschreiben. Ignoranz, bewusst ausgestellter Rechtsextremismus, Protest gegen die Entscheidung der Regie? Aus welchem Grund auch immer die Zuschauerreaktion erfolgte, für Lachermeier spiegelt sie einen erschreckenden Mangel an Respekt. Nicht nur gegenüber den „Meistersinger“-Künstlern und ihrem Publikum, sondern vor allem gegenüber Paul Celan und allen Opfern des Holocaust.

Als versöhnlich hat Lachermeier dann den Jubel und die Standing Ovations am Ende empfunden. Streit müsse sein, aber Respekt geht für ihn vor. Vor Sprache als zerstörerischer Waffe wollen auch Elisabeth Stöpplers „Meistersinger“ warnen; vor der Premiere sagte sie: „Die Wirkung von Sprache darf nicht unterschätzt werden. Sie kann brandgefährlich werden, wie man aktuell an der Rhetorik der neuen Nationalen beobachten kann.“

Begehrte „Meistersinger“

Termin
Trotz einer Dauer von sechs Stunden sind die „Meistersinger“-Aufführungen im Stuttgarter Opernhaus begehrt. Für die Vorstellung am 1. März gibt es noch Restkarten an der Abendkasse, die am 8., 14. und 22. März sind ausverkauft.