In „The Moment“ zeigt Charli XCX eine unsichere Version ihrer selbst. Das sonst sorglose Partygirl wirkt gehetzt, ja ausgelaugt – und verwandelt sich gen Ende in eine Taylor-Swift-ähnliche Figur.
So verlegen, wie sich Charli XCX in ihrer Mockumentary – einem fiktiven Dokumentarfilm – „The Moment“ (jetzt im Kino) gibt, kennt man sie in der realen Welt nicht. Im ledernen Fauteuil auf der Bühne einer beliebigen Late-Night-Show soll der Popstar der Stunde seinen auslaufenden „brat summer“ Revue passieren lassen. Es ist Spätsommer 2024. Das halbe Netz ist immer noch grellgrün, Kamala Harris’ Kampagne inklusive. Fast könnte man nostalgisch werden, nur ist es dafür nicht lange genug her.
„Es ist einfach so passiert“, sagt Charli über ihren Welterfolg als Gör und lächelt ein bisserl verzwickt. Ihr sitzt das Label im Nacken, besonders die Managerin Tammy (eine pointiert lästige Rosanna Arquette). Sie will „diese brat-Sache“ um jeden Preis am Laufen halten. Im ganz echten Leben sollte dafür vor anderthalb Jahren ein Remix ihres Sommerhitalbums sorgen: „Brat and it’s completely different but also still brat“. Im Film sind es Werbedeals mit dem Moderiesen H&M (gab es auch in echt) und einer halbruinierten Bank, deren Liquidität durch grellgrüne Kreditkarten gesichert werden soll (frei erfunden). Ein Tourfilm soll den Hype einmal mehr noch potenzieren. Amazon Music zahlt.
Blöd nur, dass der so namhafte Filmemacher Johannes (bewusst penetrant: Alexander Skarsgård) die Non-Ästhetik von Charli XCX nicht rafft. Ihm ist das Grün zu „kotzig“, das Strobolicht zu extrem. Und weil das Gör irgendwann nicht mehr trotzig, sondern nur mehr ausgelaugt ist, nicht einmal die Tschick am Rücksitz noch hilft und ihr dann noch das Kardashian-Küken Kylie Jenner (sie spielt sich selbst) im Luxusresort auf Ibiza ins Gewissen redet, gibt es klein bei. Charli beurlaubt ihre Kreativdirektorin Celeste (Hailey Gates) und ergibt sich dem marktgebundenen, geschmackbefreiten Johannes, der sogleich auch die typisch-schrille Optik von „The Moment“ (klar aus Aidan Zamiris Hand) sukzessive glättet und durch eine formelhafte Bildsprache ersetzt.
Kylie Jenner spielt sich in „The Moment“ selbst. Universal Pictures
Auch Charli XCX mimt sich selbst. Universal Pictures
Seine Persiflage ist nur schwer zu ertragen, wohl weil sie so nah am echten Leben bleibt. „Ich habe definitiv Menschen getroffen, die den Charakteren ähneln“, hat Charli XCX bei der Filmpremiere diese Woche in Berlin gesagt. Und wie hat sie auf solche reagiert? „Hatte ich jemals einen Nervenzusammenbruch auf dem Rücksitz eines Viano und habe wie ein Schlot geraucht? Ja!“ Allein: Der Ausgang war ein anderer.
Zumindest ist die Charli XCX, die wir kennen, nie im Tinkerbell-haften Kostüm mit Strass am Körper zwischen übergroßen Tschick über ihrem Publikum umhergeschwirrt („Gänsehaut“, meint Johannes). Auffallend sind in diesem Moment die Parallelen zum Aufputz der Popmonarchin Taylor Swift, die ja ihrerseits einen Tourfilm exklusiv via großen Streaminganbieter herausgebracht hat. Überhaupt erinnert die überspitzt bierernste Aufmachung des Films stark an Swifts Dokumentation. Über einen Clinch beider Sängerinnen wird ja länger schon gemunkelt.
Charli XCX bei der Berlinale 2026. Universal Pictures
Es liegt in der Natur der Mockumentary, dass die Grenze zwischen realem Leben und fiktionalem Klimbim verschwimmt. Davon zehrten schon die Beatles in „A Hard Day’s Night“, die Spice Girls in „Spiceworld“. Die falschen Dokus leben vom großen Interpretationsspielraum, vom permanenten Zweifel, ob das Gesehene nicht zumindest einen ehrlichen Subtext hat. Hyperreal wirkt Charlis Antizipation vom Ende des „brat summers“, verdächtig glaubwürdig die Angst vor der eigenen kulturellen Irrelevanz.
Zwar wird die Marketingmaschinerie im Pop offen parodiert, letztlich bleibt aber auch dieser Film selbst Teil des Apparats: Mehrere Filme hat Charli XCX jüngst gedreht, derzeit bespielt sie die Kinos gleich doppelt. Auch mit ihrer Filmmusik, einem finsteren Konzeptalbum zur schlüpfrigen Adaption des Romans „Wuthering Heights“. Macht sie das zur Marktschreierin, die sie vorgibt zu verspotten? „The Moment“ provoziert Fragen, wo man Antworten erwarten würde. Letztlich bleibt Charli XCX für ihr Publikum die bekannt fahrige Persona mit Sonnenbrille. Und hinterlässt einmal mehr gellendes Chaos, das ebenso authentisch wie inszeniert sein mag.
Im Kino
„The Moment“ wird in den Wiener Kinos am Donnerstag, den 19. 2. und am Sonntag, den 22. 2. gezeigt.
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