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Die Kriminalpolizei nimmt Prinz Andrew für mehrere Stunden fest. Der Verdacht: Amtsverfehlungen zugunsten des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein.
Es ist ein schwarzer Tag für die britische Monarchie: Zum ersten Mal in der modernen Geschichte des Vereinigten Königreichs hat die Kriminalpolizei ein führendes Mitglied der Königsfamilie als Beschuldigten in Haft genommen. Dem jüngeren Bruder von König Charles III., Andrew Mountbatten-Windsor, wird sein enges Verhältnis zum Sexualverbrecher Jeffrey Epstein zum Verhängnis.
Andrew, damals noch Prinz und Duke of York, im Jahr 2022. © Daniel Leal/AFP
Noch bevor das publik wurde, beantwortete Labour-Premier Keir Starmer bei der BBC Fragen zu den Epstein-Files und ihren Folgen für das Königreich. Der einstige UK-Chefankläger forderte erneut von allen Beteiligten Hilfe bei der Aufklärung der Vorwürfe. Dies gelte auch für Andrew: „Niemand steht über dem Gesetz.“
Da muss Starmer bereits gewusst haben, dass der Königsbruder quasi zeitgleich unerwünschte Gäste bekam. Statt etwaiger Gratulanten zu seinem 66. Geburtstag erschienen im Herrenhaus Wood Farm auf dem Gelände des Königsschlosses von Sandringham in der Grafschaft Norfolk Kriminalbeamte bei Andrew Mountbatten-Windsor. Sie nahmen den Ex-Prinzen in Gewahrsam und durchsuchten das Haus, ebenso wie die Royal Lodge im Schlosspark von Windsor in der Grafschaft Berkshire, wo der Lieblingssohn von Königin Elizabeth Il. ein Vierteljahrhundert lang residierte.
Zur Mittagsstunde meldete sich der Monarch selbst zu Wort. Mit „tiefster Sorge“ habe er die Nachricht erfahren, ließ Charles Ill. mitteilen. Für die vollständige, faire und angemessene Untersuchung der Vorwürfe könnten sich die Behörden auf „unsere volle und rückhaltlose Unterstützung und Mitwirkung“ verlassen. Das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen. Unterdessen werde die Königsfamilie „ihre Pflicht und ihren Dienst für Sie alle“ weiter wahrnehmen. Die sechs Sätze der kühlen Verlautbarung enthalten keinen Hinweis auf die verwandtschaftliche Beziehung zum Bruder des Monarchen. Die Rede ist lediglich von „Andrew Mountbatten-Windsor“.
Fotografen beobachten das königliche Anwesen in Sandringham, wo Mountbatten-Windsor verhaftet wurde. © Matthew Kemp/dpa
Der Verdacht gegen ihn lautet auf mögliche „Amtsverfehlungen“ aus seiner Zeit als offizieller Handelsbeauftragter der britischen Regierung zwischen 2001 und 2011. Den Epstein-Files zufolge reichte der damalige Prinz vertrauliche Regierungsberichte über Besuche in China, Südostasien und Afghanistan an den New Yorker Finanzhai Epstein weiter, versehen mit Hinweisen auf mögliche lukrative Geschäfte.
Ähnliche Vorwürfe werden auch gegen den langjährigen Labour-Politiker Peter Mandelson erhoben: Dieser soll in seiner Zeit als Wirtschaftsminister auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008/09 seinem Freund Epstein hochbrisante und marktrelevante Informationen direkt aus dem Kabinett zugespielt haben. Im einen wie im anderen Fall wiegen juristische Fachleute bedenklich die Köpfe. Für eine etwaige Verurteilung bedürfen Polizei und Staatsanwaltschaft umfassender Beweise in Bezug auf die Vorsätzlichkeit – hier wohl gegeben – sowie die Schwere des selten zur Anklage gebrachten Delikts: Hat der Beschuldigte das Vertrauen der Öffentlichkeit missbraucht? Der Königsbruder hat sämtliche Vorwürfe stets entweder bestritten oder sich nicht dazu geäußert.
Festnahme am Geburtstag
Bleibt die Frage, warum die Festnahme gerade jetzt erfolgte. Offenbar haben sich die Kriminaler der für Berkshire zuständigen Thames Valley Police (TVP) mittlerweile durch die jüngst veröffentlichten Daten der Epstein-Files gearbeitet. Dabei konzentrierten sie ihre Tätigkeit auf Andrews Jahre als Handelsbeauftragter.
Zu Wochenbeginn gab es zudem eine Konferenz von neun Polizeibehörden, die zu den Epstein-Files ermitteln. So überprüfen Ermittler:innen die rund um London gelegenen Flughäfen Stansted und Luton sowie den in Birmingham. Der Verdacht: Mit Andrews Hilfe könnten dort Privatflüge des US-Millionärs visafrei abgefertigt worden sein, mit denen junge Frauen aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern auf Epsteins Karibikinsel transportiert wurden.
Im Normalfall wird ein Beschuldigter nach intensivem Verhör durch die Polizei auf freien Fuß gesetzt. Da Andrew über einen festen Wohnsitz verfügt und keine Vorstrafen vorzuweisen hat, dürfte sein Gewahrsam noch am Donnerstag zu Ende gehen. Er ist jedoch gehalten, den Ermittlern weiterhin zur Verfügung zu stehen, und muss seinen Pass abgeben. Damit wäre dem Ex-Royal der Ausweg verstellt, den einst der abgedankte spanische König Juan Carlos wählte. Mehrere Reisen von Andrews Töchtern Beatrice und Eugenie in den Nahen Osten hatten zuletzt Spekulationen genährt, er könnte seine Umsiedlung in eines der arabischen Fürstentümer vorbereiten.
Dass sich die Situation zunehmend zuspitzte, haben Charles und Thronfolger William zuletzt am eigenen Leib erfahren. Zwischenrufer störten öffentliche Auftritte mit Fragen nach Charles’ Kenntnis der Vorwürfe gegen Andrew. William wurde in Saudi-Arabien von einem Reporter danach gefragt. Die bisherigen Mitteilungen aus den Königspalästen hatten von „tiefer Besorgnis“ und Solidarität mit den Opfern gesprochen; der König sicherte zudem der Polizei seine Mithilfe zu, „sollte sie benötigt werden“. Die Erklärung vom Donnerstag ließ keinen Zweifel: Mit allen Mitteln will sich Charles von den Machenschaften seines jüngeren Bruders distanzieren.
Ein Film der öffentlich-rechtlichen BBC erörterte kürzlich offene Fragen des Andrew-Komplexes, in denen auch die Mitwisserschaft des Windsor-Clans eine Rolle spielt. „Der Palast nahm dazu keine Stellung“, hieß es mehrfach. Auch konservative Medien fragen, ob etwa Andrews Personenschützer und Bedienstete darüber befragt wurden, was sie mitbekommen haben. Diese heikle Angelegenheit könnte dem König auf die Füße fallen. Dem Andrew-Biografen Andrew Lownie zufolge ließ Charles erst kürzlich die Polizeibeamten und früheren Privatsekretäre seines Bruders an die Schweigepflicht erinnern, zu der sich alle royalen Bediensteten verpflichten. Unausgesprochen habe dabei die Drohung mit Rentenkürzungen oder Strafversetzungen im Raum gestanden, berichtete Lownie unter Berufung auf seine Quellen in der vergangenen Woche dem Club der Auslandspresse FPA. Lownie hat auch ein Buch über die Abdankung von Eduard VIII. 1936 geschrieben. Er sagt: „Diese Krise – Korruption im Herzen der Königsfamilie – wiegt ungleich schwerer.“