Ach, früher. Als die Welt noch einfacher war, friedlicher, überschaubarer; ganz anders als heute – zumindest kann man sich all das einreden, wenn man unbedingt will. Nur lügt man sich damit selbst in die Tasche. Nostalgie mag eine wirksame Pille gegen Weltschmerz und Zukunftsangst sein; sie ist aber auch eine mit Nebenwirkungen, und man sollte sich hüten, sie überzudosieren. Denn dann droht aus dem eigentlich wohligen Sehnsuchtsgefühl bloße Rückwärtsgewandtheit und Gestrigkeit zu werden – und man selbst zum leichten Opfer billiger Rückwärtspropaganda.
Natürlich macht es Spaß, in Erinnerungen zu schwelgen. Aber.
Womit wir beim Stichwort „Westalgie“ wären, das ein bisschen danach klingt, als bräuchte es unbedingt ein Gegengewicht zur „Ostalgie“ der Ostdeutschen. Wie auch immer: Natürlich ist es nichts Schlimmes, in Erinnerungen zu schwelgen, auch nicht in typisch westlichen. Und natürlich darf man sich freuen, wenn man in Instagram-Videos das Auto herumfahren sieht, das die eigene Familie früher auch mal hatte. Aber diese Freude an der Erinnerung macht die Vergangenheit noch lange nicht zu einer besseren Zeit, die man sich zurückwünschen müsste.
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Die Vorstellung, die olle Bonner Bundesrepublik wäre im Vergleich zum heutigen Deutschland eine Art Paradies gewesen, hat etwas von der Erinnerung an eine verflossene Liebschaft: Man denkt lieber an die schönen Seiten. Dass es auch damals schon Wirtschaftskrisen gab? Geschenkt.
Wie sicher fühlt man sich wohl angesichts ständiger Angst vor atomarer Vernichtung?
Vor allem: Heute ist man ja schlauer. Nehmen wir nur den Kalten Krieg, dessen absurde Vernichtungslogik in der Rückschau nur deshalb als – mittlerweile oft als wieder wünschenswert erklärter – Sicherheitsgarant wirkt, weil wir heute schlicht und einfach wissen, dass es nie zum großen Knall gekommen ist. Wer damals im Schatten von 60.000 Atomraketen leben musste, bewertete sein Sicherheitsgefühl aber vielleicht etwas anders.
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Politische Nostalgie ist eben etwas anderes als persönliche. Die Vergangenheit zu romantisieren, ist nicht viel mehr als gesellschaftlicher Eskapismus, der keine Konjunkturflaute löst, keine Umweltprobleme, keine Sicherheitsfragen. Geschichte wiederholt sich nun mal nicht, und Gesellschaftsentwürfe lassen sich nicht zurückholen. Und wer mit dem angeblich besseren Gestern Stimmung gegen das Heute macht, zeigt damit nur, dass er kein Rezept für das Morgen hat.