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Botschafter Waleri Saluschnyj (l.) verlässt nach seinem Antrittsbesuch Downing Street 10. © Imago/martyn Wheatley / I-images/IMAGO
Der populäre ukrainische Militär Saluschnyj kündigt den Einstieg in die Politik an.
Saluschnyj und seine Nato-Berater setzten auf „eine Faust“, eine massive Truppenkonzentration und einen taktischen Überraschungseffekt in der Region Saporischja, um die russische Front zu durchbrechen und zum Asowschen Meer vorzustoßen. Aber dieser Plan wurde von Präsident Wolodymyr Selenskyj und der politischen Führung des Landes überstimmt, die Angriffsfront in die Breite gezogen, ein Großteil der ukrainischen Elitetruppen für einen parallelen Prestigekonter bei Bachmut eingesetzt.
Die Offensive sei gescheitert, weil Selenskyj und andere Verantwortliche die nötigen Reserven nicht bereitgestellt hätten, sagte Waleri Saluschnyj, der frühere Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, am Mittwoch in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP.
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Er habe häufig mit Selenskyj über dessen militärische Strategie gestritten, die auch jetzt auf einer unrealistischen Anzahl von Truppen basiere; der Einsatz neuer Technologien auf dem Schlachtfeld sei schlecht organisiert. Der Kriegsheld Saluschnyj, politisch bisher zurückhaltend, kritisiert seinen Staatschef erstmals frontal. Ganz offenbar bereitet er seinen Einstieg in die heimatliche Politik vor. Mit AP spricht er in London, wo er als Botschafter dient, nachdem ihn Selenskyj im Februar 2024 als Oberbefehlshaber entließ. Bereits damals hieß es, die Umgebung Selenskyjs befürchte, Saluschnyj könne ihm politisch Konkurrenz machen. Zumal der Feldherr, der 2022 aussichtslos scheinende Abwehrschlachten gewann und später erfolgreiche Gegenoffensiven führte, schon seit Jahren von Popgruppen als „Unruhestifter“ gefeiert wurde.
Jetzt erzählt Saluschnyj, während der Kämpfe bei Charkiw seien Beamte des Staatssicherheitsdienstes SBU in sein Kiewer Büro eingedrungen und hätten eine Durchsuchung gestartet, angeblich unter der Adresse eines Stripklubs. Die Aktion sei ein Einschüchterungsversuch gewesen; er habe sich telefonisch bei Andrij Jermak beschwert, dem damaligen Stabschef Selenskyjs: „Ich werde diesen Angriff abwehren, ich weiß, wie man kämpft.“
Saluschnyj geht offenbar zum politischen Gegenangriff über. Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko sagt, mit dem Interview erkläre der Botschafter quasi seinen Rücktritt, weil er darin sein Staatsoberhaupt direkt tadelt. Saluschnyj dränge es zu neuen Aufgaben zurück in die Ukraine. „Laut gut informierten Quellen sitzt er seit Monaten auf gepackten Koffern.“
Aus Innenpolitik hält er sich bis jetzt raus
Schon vor seiner Entlassung erzielte Saluschnyj ähnlich hohe Popularitätsraten wie Selenskyj, danach galt er sofort als aussichtsreichste personelle Alternative zum Präsidenten. Dessen Team soll laut Guardian im November 2024 versucht haben, ihn für Selenskyjs politische Mannschaft bei möglichen Neuwahlen anzuwerben. Er lehnte ab, versprach aber, auf öffentliche Kritik zu verzichten. Auch jetzt sagte er, er habe sich bei seinen jüngsten beiden Treffen mit Selenskyj freundlich unterhalten. Und er antworte auf keine politischen Fragen, weil er fürchte, die Ukraine damit zu spalten. „Solange der Krieg und das Kriegsrecht nicht beendet sind, werde ich das nicht diskutieren.“
Sobald das Kriegsrecht endet, stehen in der Ukraine automatisch Präsidentschaftswahlen an. Viele Beobachter bewerten Saluschnyjs Interview als Vorwahlmanöver. Seine hohe Popularitätsrate schrumpft seit Jahren nur langsam, weil er sich als Botschafter bisher aus zentralen ukrainischen Themen, etwa Korruption oder Friedensverhandlungen, herausgehalten hat. Dabei besitzt er nach einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie im Januar noch immer eine Vertrauensrate von 72 Prozent, zehn Prozent höher als die Selenskyjs. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Socis vom Dezember würde er bei Präsidentschaftswahlen mit 21 Prozent nur als Zweiter hinter Selenskyj (22 Prozent) in die Stichwahl gelangen, dort aber mit 64 gegen 36 Prozent klar siegen.
Wenn Saluschnyj jetzt in die Politik einsteigt, geht er allerdings auch Risiken ein. Neuwahlen sind frühestens bei einem vollständigen Waffenstillstand mit Russland möglich. Und auf den muss man vielleicht noch Jahre warten. In der Zwischenzeit könnte sich das militärische Schlitzohr auf dem rutschigen Parkett der ukrainischen Innenpolitik als weniger schlagfertig erweisen als auf dem Schlachtfeld.