Zwei Darsteller bei den Hamburger Kammerspielen spielen das Stück "Last Call"

AUDIO: „Last Call“ in den Kammerspielen: Bernstein und Karajan nehmen einen Drink (4 Min)

Stand: 20.02.2026 08:57 Uhr

„Last Call“ arbeitet sich am Streit der berühmten Dirigenten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan ab. Bislang nur am Broadway zu sehen, läuft das Stück nun an den Hamburger Kammerspielen – inspirierende 90 Minuten.

von Luka Simon

Es ist das Jahr 1988. Eine Kneipe, blaues Licht, Bartresen, hohe Hocker, kleine runde Tische mit Stühlen, im Hintergrund eine Garderobe. In der „Blauen Bar“ des legendären Hotels Sacher in Wien treffen sich aus purem Zufall zwei Legenden: die Star-Dirigenten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan.

Bernstein wurde berühmt durch Werke wie die „West Side Story“, Karajan gilt als Inbegriff des musikalischen Maestros und war Mentor unter anderem von Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter. Beide waren Ikonen ihrer Branche und – wie sollte es auch anders ein – Kontrahenten in ihrem Fach.

Bernstein und Karajan von Frauen gespielt

Die Inszenierung dieser tatsächlichen Begebenheit mit dem Namen „Last Call“ läuft ab sofort in den Hamburger Kammerspielen. Das Stück beginnt sogleich mit einem interessanten Twist: Die beiden Männer werden nämlich von zwei Frauen gespielt: Lucca Züchner und Helen Schneider. Das sorgt aber keineswegs für Irritation. Das Gespräch der beiden Dirigenten ist abwechselnd hitzig, nachdenklich und berührend. Und dabei nie langatmig. Vielmehr macht die Abwechslung zwischen den Gefühlswelten das Stück zu inspirierenden 90 Minuten.

Ein Porträtbild zeigt Herbert von Karajan beim Dirigieren.

Michael Wolffsohn hat Herbert von Karajans Dirigenten-Karriere während der NS-Zeit untersucht – und spricht ihn von einigen Vorwürfen frei.

Für regelmäßige Lacher sorgt vor allem der sympathisch bodenständige Kellner, der nicht nur außerordentlich gut Opern singen kann und dies mehrfach unter Beweis stellt, sondern einen angenehmen Gegensatz zu dem mitunter philosophischen Schlagabtausch der beiden Protagonisten darstellt.

„Hast in deinem Leben nie etwas komponiert“

Das Hauptgesprächsthema der beiden sind alte Fehden, Eitelkeiten und ihre Rivalität. So wirft Karajan Bernstein vor, sich beim Dirigieren zu wenig an die Partitur zu halten und diese zu frei zu interpretieren. Bernstein kontert, er erschaffe etwas aus dem Nichts, während Karajan nur kleine schwarze Punkte vom Blatt ablese und eine Stöckchen schwinge. „Das hat nichts Innovatives. Etwas erschaffen, Herbert! Das ist Gottes größtes Geschenk für einen Musiker. Du hast in deinem ganzen Leben nie etwas komponiert“, so Helen Schneider als Bernstein.

Und trotzdem: Die beiden buhlen um die Anerkennung des anderen. Lucca Züchner als Herbert von Karajan beschwert sich, dass Bernstein nach einer seiner Vorstellungen nicht mal zu ihm hinter die Bühne gekommen sei. Die lapidare Antwort von Bernstein: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat.“

Nationalsozialismus: Karajans Schuldgefühle

Viel geht es auch um den Nationalsozialismus, die nachträglichen Schuldgefühle, und um Verantwortung. Karajan trat 1933 der NSDAP bei, verfolgte im Schatten des Nationalsozialismus seine Karriere. Bernstein, ein Jude, verachtet das. Karajan gibt zu, dass man ihn nicht als Held bezeichnen könne. Doch dass mache einem nicht zum Verbrecher, findet er. Bernstein bleibt bei seiner Position und meint, auch das kleinere Übel bleibe ein Übel.

Es ist ein Moment der Stille, als Karajan auf dem Stuhl sitzend in sich zusammensackt und seinem eigentlich Widersacher Bernstein seine Gefühle zeigt. Karajan: „Schuld hieße Verantwortung. Und verantwortlich fühle ich mich nicht für das, was passiert ist, aber was ich fühle ist Scham, Leonard. Große Scham.“

„Last Call“ zeigt Menschlichkeit

Es ist dieses Zusammenspiel aus Gedanken und Streitereien in dem Kammerspiel, das eine ganz menschliche Eigenschaft zeigt: Dass wir uns trotz Rivalität und Ehrgeiz doch ganz leise nach Nähe und Anerkennung sehnen. Eine Hassliebe par excellence.

Sind die beiden sich etwa doch näher, als sie es wahrhaben wollen? Irgendwann schlägt Karajan eine Partitur auf und beginnt mit Blick zum Publikum zu dirigieren. Bernstein steigt ein. Und als Karajan erklärt, die Partitur sei für ihn wie die Mona Lisa, weil er jedes Mal etwas anders entdecke, kann Bernstein ihm nur zustimmen.

„Last Call“ läuft noch am 24.2., 25.2., 5.3., 6.3., 7.3. und 8.3. in den Hamburger Kammerspielen.

Schauspieler Florian Lukas und Adriana Altaras schauen skeptisch und verzückt.

Am Sonntag hat das Stück über eine russisch-jüdische Familie aus Odessa in den Hamburger Kammerspielen Premiere gefeiert.

Ein Darsteller im Gebetsmantel steht vor einem Bild der Bornplatzsynagoge auf rotem Tuch.

Das Stück an den Hamburger Kammerspielen erzählt von der Zerstörung des jüdischen Gotteshauses und dem geplanten Wiederaufbau.