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Nationaler Stellvertreter? „Goethe“ von Wolfe von Lenkiewicz. © Tobias Hübel / Bremen
„So wie wir sind“ – unter diesem Titel zeigt die Bremer Weserburg ab Samstag ihre frisch aktualisierte Sammlungspräsentation. Dabei geht es auch um den Blick auf Deutschland.
Bremen – Auch wenn weiße Wände und glatte Böden oft diesen Eindruck vermitteln, wird Kunst doch nie im neutralen Raum präsentiert. Selbst ein Bild, das ganz allein in einem Raum hängt, wird eben dadurch in einen Rahmen gesetzt – und das gilt natürlich ebenso, wenn verschiedene Werke zu bestimmten Themen gruppiert werden. Mit dieser Methode arbeiten Janneke de Vries und Ingo Clauß, die erneut die Sammlungspräsentation der Bremer Weserburg umgestaltet haben. Dabei haben sie die bestehenden Themenräume teils anders bestückt oder ihnen neue Überschriften gesetzt.
Ein gutes Beispiel dafür, wie stark Rahmensetzungen die Wahrnehmung beeinflussen, ist die nicht nur in ihrer Größe imposante Kohlezeichnung eines Weißkopfseeadlers. Er hängt an einer Wand, neben der es rechts in den Themenbereich „Landschaft“ und links zu „Macht und Widerstand“ geht. Das Adler-Bild erscheint so einerseits als Porträt eines einst in seinem Bestand gefährdeten Greifvogels, und andererseits als Nationalsymbol der USA, das Stärke und Machtanspruch demonstriert.
Auf zweieinhalb Stockwerken sind mehr als 100 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen vertreten, rund 50 neue Positionen sind durch das Rearrangement Teil der Schau geworden. Neben Klassikern wie Norbert Schwontkowski, Richard Long und Wim Wenders zählen dazu die Konzeptkünstlerin Ceal Floyer, die mit ihrer Institutionenkritik bekannt gewordene Andrea Fraser, und Małgorzata Mirga-Tas, die 2022 als erste Roma-Künstlerin ein Land auf der Biennale in Venedig repräsentierte.
Selten gezeigtes Auschwitz-Gemälde
Eine besonders gelungene Aktualisierung hat der Themenraum „Deutschlandbilder“ erfahren. Begrüßt werden die Besucherinnen und Besucher von Wolfe von Lenkiewicz‘ „Goethe“, der das klassische Tischbein-Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, das den steif wirkenden Literaten halb liegend in der Campagna platziert, mit einem Dürer-Hasen kombiniert, den dieser nun auf dem Schoß hält. Zusätzlich hat von Lenkiewicz das Kreuz des Deutschen Ordens auf die Brust von Goethes Gewand gemalt. Mit dem Selbstbild des deutschen Dichters stellt er auch jenes der Nation in Frage.
Weiter geht es mit den Anspielungen auf klassische Gemälde, verknüpft mit deutscher Vergangenheit: Andreas Mühes Fotografie „Mooslahnerkopf“ lässt sich als Referenz an Caspar David Friedrichs Klippen verstehen, ist jedoch am Obersalzberg aufgenommen, wo Hitler seinen Wohnsitz hatte. Besonders stolz sind de Vries und Clauß, dass sie Luc Tuymans‘ Gemälde „Auschwitz“, das als Teil einer Privatsammlung nicht dauerhaft öffentlich zu sehen ist, als Leihgabe in die Ausstellung integrieren konnten. Das Ölgemälde zeigt einen Querschnitt eines Leichenverbrennungsofens in dem Konzentrationslager.
Nationale Identität als „Verkrampfung“
Und dann gibt es noch die ganz modernen, politischen Werke: Rahel Bruns arbeitet seit 2005 an einer Serie von Bundesadlern aus Edelstahl, die sie rund zusammenbiegt. Die Erklärung: Nationale Identität sei nicht mehr als eine „Verkrampfung“, so Bruns. Und Fabian Knecht lässt aus einem schwarzen Stecker mit Kabel zwei offene Enden, eines braun, eines blau, herausschauen. „Braunes Kabel“ hat er seine Arbeit von 2024 betitelt, die auf die Kontinuität rechtsextremer Ideologien im Land verweist.
Im Vordergrund der Themenraum „Die vertikale Form“, im Hintergrund Robert Longos „Untitled (Portrait of Hybris)“, die Kohlezeichnung eines Weißkopfseeadlers. © Tobias Hübel / Bremen
Ein gewisser kritischer Impetus – in der Ankündigung ist die Rede von „herausfordern“ und „gegen den Strich bürsten“ – wohnt der Sammlungspräsentation inne. Ältere Positionen werden mit neuen Perspektiven konfrontiert, oder auch als Basis für die kunstgeschichtliche Weiterentwicklung eines Motivs oder Themas gezeigt. So wird manches besser verständlich, anderes gewinnt, wie eingangs erwähnt, durch die neue Rahmung auch eine neue Bedeutung.
Aus der großen Menge und Vielfalt der Positionen last but not least herauszuheben ist die Wandmalerei „Palimpsest“ von Kay Rosen. Die Weserburg erwarb das Werk 2024, nachdem das Haus die erste institutionelle Einzelausstellung der US-Künstlerin in Europa veranstaltet hatte. Auf rotem Grund stellt Rosen eine Liste von elf Namen auf, von „John X“ bis „Christian X“. Den historischen Königen und Päpsten stellt sie auf elfter Position den Bürgerrechtsaktivisten „Malcolm X“ zur Seite, und löst damit die Bedeutung des Titels – wieder- oder neu beschriebenes Blatt – ein.