Ein Haus, ein Stück Straße. Mehr ist nicht auf dem Video zu sehen, das mit einem Projektor an eine Wand im Leipziger Kunstraum D21 geworfen wird. Es ist die Aufnahme einer Überwachungskamera aus dem Jahr 2023. „Das ist unser Hauseingang“, erklärt Anna Perepechai.

Was nur wenige Sekunden später auf der Aufnahme zu hören ist: Das laute Dröhnen einer russischen Kampfdrohne. Für Anna Perepechais Familie im Norden der Ukraine seit vier Jahren Realität. In ihrer Ausstellung „Tears of Things“ will die bildende Künstlerin sichtbar machen, was Krieg und Migration wirklich für Menschen bedeuten. „Ich will eine menschliche Seite zeigen, will zeigen, was innerlich passiert“, sagt sie.

Mit zwei Koffern voll Erinnerungen

Angefangen hat alles mit zwei Koffern, die Anna Perepechai 2022 aus der Ukraine nach Leipzig brachte. Anna Perepechais Heimatstadt war vor kurzem zurückerobert worden: „In der Luft hing irgendwie immer noch diese Schwere.“ Ganz viele Menschen hätten Angst davor gehabt, dass die russische Armee zurückkommen könnte. „Dadurch habe ich dann angefangen, ein Familienarchiv zu sammeln, um es zumindest temporär zu schützen“, so Perepechai.

Ich will eine menschliche Seite zeigen, will zeigen, was innerlich passiert.

Anna Perepechai, Bildende Künstlerin

Auf dem Dachboden ihrer Großeltern habe sie Fotos, Briefe, Kleidung und andere Erinnerungsstücke gefunden und in zwei große Koffer gepackt. Auf der Busfahrt von Kyjiw nach Leipzig habe sie dann das erste Mal den Begriff „Tears of Things“ („Tränen der Dinge“) gehört. Ein besonderer Moment für Perepechai, weil sie verstanden habe, dass es genau um das gehe, was sie in den Koffern mit sich trage: „Es geht um diese Objekte, die Wert haben, die Bedeutung haben, die Erinnerung auch tragen.“

Persönliche Dokumentation des Krieges seit 2014

Dieser Moment brachte Anna Perepechai dazu, sich noch intensiver künstlerisch mit der Trauer, aber auch der Hoffnung in ihrer Heimat zu befassen. Der Großteil ihrer Schau besteht aus Fotografien, die die Künstlerin in den vergangenen zwölf Jahren angefertigt hat. Aufnahmen von Demonstrationen während des Euromaidan 2013/2014, bei der Hunderttausende Ukrainerinnen und Ukrainer gegen Korruption und für Demokratie auf die Straße gingen. Oder ein Selbstporträt Perepechais mit ihrer Familie im Luftschutzkeller.

Es sei nicht immer leicht, diese Werke zu zeigen, sagt sie – denn: „Man öffnet sich ziemlich dadurch.“ Anna Perepechai findet jedoch, dass man als Künstlerin lernen müsse, davon Abstand zu nehmen: „In diesem Prozess befinde ich mich noch.“ 2014 kam sie nach Deutschland. Zuerst für einen Freiwilligendienst nach Dresden, studierte dann in Weimar und später Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Es ist nicht so leicht, diese Werke zu zeigen. Weil man sich ziemlich öffnet dadurch.

Anna Perepechai, Bildende Künstlerin

Mit Beginn der Großinvasion Russlands in die Ukraine im Februar 2022 konnte Perepechai zunächst gar keine Kunst machen, da der Schmerz zu groß war: „Schritt für Schritt kamen dann aber Notizen, Schnappschüsse, Fotos.“ Anna Perepechai sagt, sie habe dann begonnen, sich politischer durch ihre Kunst auszudrücken: „Ich glaube, das war ein entscheidender Moment für mich.“

Tears of Things“ beim f/stop Fotomonat

Anna Perepechais Kunst schaffe auch Raum für Austausch, erklärt Sandra Plessing, Leiterin des Kunstraums D21. Deshalb habe man „Tears of Things“ für den f/stop Fotomonat ausgewählt. „Mit der Veranstaltungsreihe fördern wir Nachwuchstalente im Bereich Fotografie, die ihren Abschluss an einer Kunsthochschule in Mitteldeutschland gemacht haben“, so Plessing. In diesem Jahr sei das Rahmenthema „Alien“ und Anna Perepechais Arbeit passe dazu sehr gut: „Weil sie sich genau mit diesem Fremdsein in einem fremden Land befasst, aber auch mit dem eigenen Land, das sich durch den Krieg verfremdet.“