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Norwegen rückt näher an Deutschland – jedenfalls bei der Verteidigung. Minister Tore Sandvik erklärt im Interview russische Gefahr. Und neue Maßnahmen.
München – Wie die Tage auf der Sicherheitskonferenz waren? Norwegens Verteidigungsminister atmet beim Treffen am Sonntagmorgen in München kurz tief durch. „Busy“, „arbeitsreich“, sagt Tore Sandvik. Der Sozialdemokrat erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media seine Sorgen. Die wichtigste erläutert er anhand einer kreditkartengroßen Landkarte des hohen Nordens: Russlands Flottenaufrüstung in Arktisnähe.
Norwegens Verteidigungsminister Tore Sandvik im Gespräch mit Ippen.Media-Autor Florian Naumann. © Florian Naumann
Aber auch viele Pläne und einige Hoffnungen stellt Sandvik vor – zur NATO, zum Ukraine-Krieg, zu einer neuen Partnerschaft mit Deutschland. Die Bundesrepublik und die Bundeswehr gehören zu Norwegens wichtigsten Partnern, findet der Minister.
Norwegen, Deutschland und der hohe Norden: „Hier lagert das größte Nuklear-Arsenal der Welt“
Herr Sandvik, Sie haben gerade erst ein neues Abkommen mit Deutschland unterschrieben. Warum ist ausgerechnet die Verbindung Deutschland-Norwegen wichtig?
Weil sich die NATO verändert. Wir müssen in Europa neu denken. Wir können nicht mehr einfach nebeneinanderher unsere Armeen aufbauen. Die USA haben die größten Fähigkeiten in der NATO – der Unterschied zu Europa ist: Sie haben überall dasselbe Gerät, zu Wasser, am Boden, in der Luft. Ein Soldat aus Michigan kann jederzeit mit einer Soldatin aus Kalifornien oder Texas zusammenarbeiten. Aber wir in Europa sind immer noch Nationalstaaten und fragmentiert.
Wie wirkt sich das aus?
Am stärksten spüren das die Ukrainer. Weil sie viele Spenden bekommen, bei denen die Systeme nicht zusammenpassen. Wenn Europa jetzt mehr Geld in die Hand nimmt, muss es das auch smart ausgeben. Und deshalb möchte Norwegen näher an seine Partner heranrücken, als Teil einer Sicherungs-Strategie.
Wie geht das ganz praktisch?
Wir haben eine strategische Partnerschaft mit dem Vereinigten Königreich für den Kauf baugleicher Fregatten. Wir können diese Schiffe zusammen entwickeln, instandhalten, dieselben Ersatzteile und Munitionen lagern, wir können zusammen üben, die Besatzungen ausbilden – und ein Wunsch ist, dass wir zusammen auf See unterwegs sind: zwei Nationen, eine Marine. Denn wir sind am selben Schauplatz aktiv, in der Arktis und im Norden. Genau wie Deutschland.
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Wie läuft Norwegens angekündigte Partnerschaft mit Deutschland?
Mit Deutschland entwickeln wir U-Boote, wir warten sie zusammen in Norwegen. So kann Deutschland leichter im Norden agieren. Und wir bauen Leopard-Panzer und kaufen viel militärische Ausrüstung aus Deutschland. Auch der Weltraumbahnhof Andøya und gemeinsame Übungen sind wichtig. All das ist Teil des neuen „Hansa“-Abkommens. Vielleicht werden wir in Norwegen auch Bundeswehr-Ausrüstung für die erste Phase im Fall einer Krise oder eines Krieges lagern.
Sie haben die Arktis angesprochen. Wie ist dort die Lage?
Für Norwegen ist das am wichtigsten überhaupt. Auf der Halbinsel Kola in Russland lagert das größte Nuklear-Arsenal der Welt. Das ist nicht nur auf Norwegen ausgerichtet, sondern vor allem über den Nordpol hinweg auf Los Angeles, Chicago, Toronto, New York. Und obwohl Putin jeden Tag schwere Verluste erleidet, tausende Soldaten jeden Tag in der Ukraine verliert, keine Landtruppen mehr hier vor Ort sind, sehen wir, dass Russland seine Flotte erneuert. Neue Fregatten, neue U-Boote.
Was folgern Sie daraus?
Wir wissen, dass Russland, obwohl der Ukraine-Krieg Kräfte bindet, dort oben systematisch kritische Unterwasserstruktur in großen Tiefen erkundet. Für Deutschland sind dabei natürlich die Gas- und Ölpipelines wichtig. Aber auch die Internetkabel, 90 Prozent des Internet-Traffics läuft durch Unterseekabel. Norwegen überwacht zusammen mit Partnern 24/7, was auf der Kola-Halbinsel passiert. Mit Satelliten kann man jederzeit alles erkennen, was oberirdisch passiert. Ab 50 Metern Tiefe unter Wasser geht das nicht mehr. Aber in den eher flachen Gewässern der Barentssee können wir lauschen.
Warum ist das wichtig?
Die russischen U-Boote sind leise – aber wir können sie tracken und verfolgen. Aber wenn man sie aus den Augen verliert und sie in tiefere Gewässer gelangen, könnten sie die NATO unter Druck setzen. Sie könnten die transatlantische Verbindung durch die GIUK-Lücke (zwischen Grönland, Island und UK, Anm. d. Red.) abschneiden. Norwegen, Großbritannien und Deutschland haben deshalb ein neues Papier in der NATO vorgestellt: Die U-Boot-Bekämpfung könnte mit der Lastenneuverteilung stärker auf Europa übergehen. Denn die USA werden stärker im Pazifik aktiv sein – und der ist riesig. Auch deshalb ist die Verbindung mit Deutschland wichtig.
Fast schon etwas unterm Radar lief dagegen in München die Ukraine. Skandinavien gehört laut einer Studie zu den wichtigsten Unterstützern. Bleibt das so?
Wir werden in diesem Jahr sieben Milliarden Dollar für Militärunterstützung für die Ukraine ausgeben, das sind ungefähr 1,2 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Und das Parlament steht geschlossen hinter dieser Entscheidung. Wir arbeiten bei diesen Spenden auch sehr eng mit Deutschland zusammen. Natürlich muss die Ukraine entscheiden und sagen, was sie benötigt. Und das ist Luftverteidigung.
Ukraine-Verhandlungen: „Sonst wird Putin die Ukraine oder andere Staaten bedrohen“
Daran arbeiten Sie aktuell?
Wir haben mit Deutschland daran gearbeitet, Patriot- und PAC-Raketen für die Systeme der Ukraine zu bekommen. Wir haben auch gerade verkündet, dass wir zusammen mit Deutschland Ersatzteile kaufen. Das ist viel Einsatz für die Patriots. Die Ukraine bleibt die wichtige Sicherheitsfrage für Norwegen.
Trotzdem: Ist es auf Sicht genug?
Wir werden der Ukraine beistehen, damit sie die Oberhand in den Verhandlungen behält – und damit wir einen Friedens-Deal zu den Bedingungen der Ukraine bekommen. Für uns hat das oberste Priorität. Sonst, so glauben wir, wird es keinen stabilen Frieden geben. Dann wird sich Putin einfach zurückziehen, sich erholen und einen weiteren Angriff auf die Ukraine starten. Oder er wird die Ukraine oder andere Staaten wie Moldau, Georgien oder die baltischen Länder bedrohen.
Sie haben gesagt, das Parlament stehe einstimmig hinter den Mitteln für die Ukraine. Im Bundestag scheint die Stimmungslage nicht so klar. Warum ist die Einigkeit in Norwegen größer?
Norwegen ist ein kleines Land und ein Nachbar Russlands – wir können den Schmerz der Ukraine mitfühlen. Und für uns ist die regelbasierte Ordnung wirklich wichtig; die großen Mächte dürfen nicht einfach militärische Stärke nutzen, um Land zu erobern. Das ist Teil unserer Identität. Aber natürlich gibt es auch in Norwegen Debatten darüber. Und man sieht russische Propaganda an verschiedenen Stellen hervortreten, wie überall auf der Welt.
NATO-Einschätzung aus Norwegen: „Beziehungsstatus immer noch ‚es ist kompliziert‘“
Große Sorgen bereitet auch die Verbindung zwischen Europa und USA. Sie haben in München sicher die Reden von Merz und Rubio gehört, auch Gespräche geführt. Ist die NATO nun gestärkt oder in Not?
Ich denke, die NATO befindet sich in einer Transformation. Weil Europa seine Anstrengungen vergrößert. Es wird eine neue NATO geben, mit einem größeren Gewicht Europas. So eine Veränderung kann manchmal schmerzen. Und natürlich ist es etwas ganz anderes, mit der neuen US-Regierung umzugehen… Aber Friedrich Merz und andere haben unterstrichen, dass die NATO wichtig ist. Wir müssen das zusammenhalten. Ich denke tatsächlich, dass jetzt auch die USA stärker signalisieren, dass sie die Bedeutung der NATO erkennen. Wichtig ist, dass sie hinter Artikel 5 und dem nuklearen Schutzschirm stehen.
Ihr Fazit also?
Es wird Spannungen geben und ich denke, der Beziehungsstatus lautet immer noch „es ist kompliziert“ – aber wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir am Weg nach vorn arbeiten. Und dann wird es hoffentlich eine Weile lang keine Überraschungen mehr geben. Wenn Europa mehr für die Verteidigung ausgibt und wir unseren Teil in der NATO tragen. Die USA haben das jahrzehntelang gefordert. (Interview: Florian Naumann)