In Brüssel legte US-Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines die Erkenntnisse der CIA beim Nato-Geheimdiensttreffen im November 2021 dar. Unterstützt wurde sie vom britischen MI6-Chef Richard Moore. Doch viele europäische Dienste blieben skeptisch. Ein europäischer Außenminister konfrontierte US-Außenminister Antony Blinken sogar mit den Irak-Erfahrungen von 2003, heißt es im Bericht des „Guardian: „Damals habe ich euch geglaubt. Heute bin ich vorsichtiger“ – eine Anspielung auf die gefälschten Beweise zu angeblichen Massenvernichtungswaffen, die die Vereinigten Staaten als Vorwand nutzten, um in den Irak einzumarschieren.

Die US- und britischen Dienste hatten belastbares Material: Satellitenbilder, abgefangene Funksprüche, Pläne zur Installation eines Marionettenregimes, sogar Listen mit Zielpersonen in der Ukraine. Doch viele europäische Dienste hielten Putin für rational genug, einen solchen Krieg nicht zu wagen. „Wir hatten dieselben Daten, aber eine andere Einschätzung dessen, was in Putins Kopf vorging“, erklärt Etienne de Poncins, Frankreichs damaliger Botschafter in Kiew, dem „Guardian“.

Selbst die ukrainische Regierung wollte lange nichts von einer bevorstehenden Invasion des Nachbarstaates wissen. Wolodymyr Selenskyj fürchtete, öffentliche Warnungen könnten Panik auslösen und die Wirtschaft destabilisieren. Oleksij Resnikow, der ehemalige Verteidigungsminister der Ukraine, glaubte den Berichten und versuchte im Herbst 2021, die USA davon zu überzeugen, der Ukraine bessere Waffen zur Verteidigung zu verkaufen. Er erhielt eine Absage. „Wenn du Krebs hast und dir bleiben drei Tage zu leben, bekommst du Mitleid, aber keine teure Medizin“, blickt Resnikow im „Guardian“ auf die Zeit vor dem Krieg zurück.

Aus Kiew hieß es bis in den Januar 2022, die Lage sei unter Kontrolle. Deshalb versuchten die US-Geheimdienste, den Ukrainern den Ernst der Lage zu verdeutlichen. „Bei jedem Treffen erzählten sie mir, die Invasion werde mit Sicherheit passieren“, erinnert sich ein ranghoher ukrainischer Geheimdienstbeamter im Gespräch mit dem „Guardian“. „Jedes Mal fragten sie mich: Wohin werdet ihr euren Präsidenten evakuieren, was ist euer Plan B?“

Erst im Januar 2022, etwa einen Monat vor Beginn der russischen Invasion, begannen einzelne Stellen wie der ukrainische Militärgeheimdienst HUR, geheime Notfallpläne für den Kriegsfall zu entwickeln. Agenten mieteten sichere Häuser in der Umgebung der Hauptstadt an und hoben große Summen Bargeld ab.