Bielefeld. Um Demokratie zu schützen, braucht es Räume, Orte des respektvollen Austauschs, an denen die unterschiedlichsten Menschen und Perspektiven aufeinandertreffen können. So ein Fazit des Diskussionsformats, das jetzt an der Universität Bielefeld zugleich genau diese Kriterien vorbildlich erfüllte – und Persönlichkeiten aus Stadtgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft miteinander ins Gespräch brachte. In ungewöhnlicher Kombination.
Theaterintendantin Nadja Loschky, Unternehmer Michael Böllhoff, Irith Michelsohn von der Jüdischen Kultusgemeinde, Michael Brinkmeier (Deutsche Schlaganfallhilfe), Konfliktforscher Andreas Zick und NW-Herausgeber Klaus Schrotthofer tauschten sich auf Einladung der Hochschule am Freitag, 20. Februar, aus über die Rolle der „Wissenschaft in Zeiten gefährdeter Demokratie“. Ein persönlicher Wunsch von Unirektorin Angelika Epple anlässlich ihres 60. Geburtstags.
Loschky, die im Endspurt vor der heutigen Premiere der Uraufführung „Kassandra“ in die Uni geeilt war, fordert „mehr Räume, in denen Empathie gelernt und geübt werden kann“, nicht nur an Universitäten. Die Auseinandersetzung mit der Welt müsse trainiert werden, so die Intendantin vor den rund 170 Zuhörern im CITEC-Hörsaal der Uni.
Kinder in Bielefeld verstecken ihr Jüdischsein
Irith Michelsohn (m.) von der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld berichtet von Kindern, die an Schulen in der Stadt aus Angst vor Anfeindungen ihre Religion verleugnen.
| © Barbara Franke
„Je mehr Perspektiven, desto besser.“ Das sei eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Demokratie. So einen Ort für den verständnisvollen, offenen Austausch wünscht sich Michelsohn von der Universität ganz konkret für Begegnungen zwischen palästinensischen und jüdischen Studierenden.
Es könne nicht sein, dass Studierende oder Schulkinder ihr Jüdischsein versteckten, aus Angst vor Anfeindungen, so die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld. „Ich würde mich auch selbst mit palästinensischen Studierenden treffen.“
Damit Demokratie gelingen könne, müssten möglichst viele an ihr aktiv mitarbeiten, so ihr Appell an die Stadtgesellschaft.
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Böllhoff appeliert für Widerstandskraft, Mut und Zuversicht
Für „persönliche Widerstandskraft, Mut und Zuversicht“, um einfachen Antworten widerstehen zu können, wirbt Böllhoff. Bildung sei per se Basis von Demokratie und Freiheit und das spiegele sich in der Wissenschaft wieder. So sei der Campus ein wichtiger Ort für den gelebten, offenen Dialog. „Es braucht den persönlichen Kontakt und das aufeinander zugehen“, betont der Unternehmer. Ein wichtiges Werkzeug sei zudem Chancengleichheit, die an den Hochschulen hochgehalten werden müsse.
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Professorin Michael Vogt (l.) und Intendantin Nadja Loschky (r.) mit Unirektorin Angelika Epple, die sich das Diskussionsformat anlässlich ihres 60. Geburtstags gewünscht hatte.
| © Barbara Franke
Man müsse zum Handeln kommen und nicht im Diskurs verharren, sagt Brinkmeier. Und NW-Geschäftsführer Schrotthofer fordert, die demokratische Mehrheit müsse raus aus der Verteidigungshaltung und offensiver ihre Positionen vertreten. „Das Narrativ, dass man in Deutschland nichts mehr sagen darf, halte ich für Blödsinn und das sollten wir alle selbstbewusst gemeinsam vertreten.“
Mehr Mut, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, wünscht sich auch Gewalt- und Konfliktforscher Zick – und ausdrücklich von seinen eigenen Kolleginnen und Kollegen. Stabile gute Forschungsgemeinschaften und neue Allianzen seien zudem wichtiger für die Wissenschaft geworden, so der Professor.
Frauenrechte werden wieder infrage gestellt
Anschließend verlagerte sich der Fokus in einer zweiten Diskussionsrunde in Richtung Hochschule mit Professorin Alexandra Scheele (Wirtschafts- und Arbeitssoziologie), Professorin Michaela Vogt (Prorektorin für Internationales, Diversität und Gesellschaft), Meike Vogel (Zentrums für Lehren und Lernen) und Senatsmitglied Lena Bartsch (SPD). In einer zunehmend autokratischen Welt würden Geschlechter- und Frauenrechte wieder infrage gestellt, warnt Scheele. „Aber wo 50 Prozent der Bevölkerung benachteiligt werden, gibt es ein Demokratieproblem.“
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