Fragen & Antworten

Standdatum: 21. Februar 2026.

Autorinnen und Autoren:
Alexander Schnackenburg

Eine erschöpfte Frau, die sich an den Kopf fasst, sitzt einsam auf einer Bank (Symbolbild)

Long Covid und ME/CFS sind komplexe Erkrankungen, die schwer zu diagnistizieren sind.

Bild: Imago | Rolf Poss

Müdigkeit, Schmerzen, Gedächtnisstörungen: Long Covid und ME/CFS wirken sich schlimm aus. Eine Bremer Gesundheitswissenschaftlerin fordert besser geschulte Ärzte.

Mehr als eine halbe Million Menschen bundesweit sind betroffen. Und doch vergehen im Durchschnitt immer noch sechs bis sieben Jahre, ehe ME/CFS, das chronische Erschöpfungssyndrom, diagnostiziert werde. Das sagt Mo Urban, Referentin für Gesundheit und Wissenschaft in der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF).

Teil des Problems ist aus Urbans Sicht, dass sich nur wenige Ärztinnen und Ärzte mit der Krankheit auskennen. Sie fordert daher eine Spezialambulanz für Bremen und mehr Fortbildungen zum Thema für Hausärztinnen und Hausärzte. Zu den Hintergründen:

Was genau versteht man unter Long Covid?

Long Covid kann als Folge einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten und umfasst verschiedene Beschwerden. „Viele Betroffene berichten von anhaltender Erschöpfung und eingeschränkter Belastbarkeit“, sagt Urban. Hinzu kämen oft Konzentrationsstörungen und Kurzatmigkeit.

Was sind ME/CFS?

ME steht für Myalgische Enzephalomyelitis, CFS für Chronisches Fatigue Syndrom. „Die Kernsymptome sind Erschöpfung, Schlafstörungen sowie Schmerzen in den Muskeln, Nerven oder Knochen“, sagt Urban.

In 80 Prozent der Fälle trete die Krankheit infolge einer Infektionskrankheit auf, wie zum Beispiel einer Grippe oder eben Corona. „In den meisten Fällen ist der Krankheitsverlauf langanhaltend mit zunehmenden Beschwerden, während vollständige Genesungen selten sind.“

Diagnose Erschöpfungssyndrom auf einer Arzt-Überweisung (Symbolbild)

Die Diagnose „Erschöpfungssyndrom“ wird oft erst nach vielen Jahren getroffen. Es gibt keine Biomarker für die Krankheit.

Bild: Imago | Herrmann Agenturfotografie

Wie viele Menschen sind von Long Covid betroffen, wie viele von ME/CFS?

Laut Bundesverband ME/CFS lebten Ende 2024 bundesweit 1,5 Millionen Menschen mit ME/CFS oder Long Covid. Rund 650.000 davon waren an ME/CFS erkrankt, viele davon infolge einer Coronainfektion. Dem Verband zufolge belaufen sich die Kosten durch ME/CFS und Long Covid 2024 für die Bundesrepublik auf mehr als 63 Milliarden Euro. Die Krankheit führt oft zur vollständigen Arbeitsunfähigkeit der Betroffenen. Mehr dazu steht auf der Website des Bundesverbands ME/CFS.

Im Land Bremen waren laut Mo Urban Ende 2023 6.557 Menschen an ME/CFS erkrankt sowie 6.178 an Postcovid. Urban geht allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist. Denn bei vielen Betroffenen werde die Krankheit nicht erkannt, da es dafür keinen Biomarker gebe. Biomarker sind messbare biologische Merkmale wie Moleküle, Zellen oder Gene. Urban weist darauf hin, dass es sich bei rund zwei Dritteln der Betroffenen um Frauen handelt. Woran das liegt, sei unklar.

An wen können sich Betroffene im Land Bremen wenden?

Zunächst an ihre Hausärztinnen und Hausärzte, rät Urban. Allerdings gebe es nur wenige, die sich zu dem Thema fortgebildet hätten. „So kommt es, dass ME/CFS lange psychologisiert und stigmatisiert wurde“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Es kursierten viele falsche Informationen über die Krankheit.

Daher habe die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS zusammen mit der Berliner Uniklinik Charité geprüfte Infos zusammengestellt, die laufend weiterentwickelt und aktualisiert würden. Sie verweist auf einen Praxisleitfaden für Hausärzte.

Wieso ist das Bremer „Netzwerk Long Covid“ eingestellt worden?

Weil die Nachfrage ab Sommer 2023 deutlich zurückgegangen sei, heißt es in einer Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) aus dem Juli 2024. Auch weiterhin könne die KV Bremen keine nennenswerte Nachfrage verzeichnen, sagt Sprecher Christoph Fox.

Urban kritisiert daran, dass die fehlende Nachfrage entstanden sei, weil die Ärztinnen und Ärzte im Land Bremen zu wenig Fortbildungen zum Thema angeboten hätten.

Betroffene beschreiben, dass trotz aufwendiger Recherche und Vernetzung keine kompetenten Anlaufstellen für Betroffene aus Bremen bekannt sind.

Mo Urban, Gesundheitswissenschaftlerin

Nur wenige Ärztinnen und Ärzte in Bremen seien in der Lage, entsprechende Diagnosen zu stellen. Sie fordert daher: „Es braucht dringend eine Spezialambulanz.“

Diese müssen nicht nur die Diagnostik anbieten, sondern auch Angebote zur langfristigen Behandlung und Versorgung gesetzlich Versicherter.

Christine Hillebrecht, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, weist die Kritik Urbans zurück. Aus ihrer Sicht ist unter Bremens Ärztinnen und Ärzten „ausreichend medizinische Kompetenz zur Behandlung des schwierigen Krankheitsbilds vorhanden.“ Die Patientinnen und Patienten würden bestmöglich versorgt.

Das Fortbildungsangebot der ärztlichen Berufsverbände zu diesem Thema ist ausreichend und umfassend.

Christine Hillebrecht, Präsidentin der Ärztekammer Bremen

Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
butenunbinnen.de, Dein Audio Update, 21. Februar 2026, 14:38 Uhr