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Zwei junge Unternehmer aus Friedberg schenken Hunden neue Lebensfreude aus dem 3D-Drucker. Bei Pawsthesis bekommen Tiere, die Gliedmaßen verloren haben, eine moderne Kunststoffprothese. Und viel Lebensfreude zurück.
München – Mit acht Monaten läuft Podenco-Mischling Gulliver in Spanien in den Wald – und kommt schwer verletzt wieder heraus. Seine Pfote ist zerquetscht, die Knochen liegen blank. Womöglich ist er in eine Falle getappt. Sein damaliger Besitzer wickelt einen Verband darum – und gibt den Welpen im Tierheim ab. Ohne einen Besuch beim Tierarzt. Gullivers rechtes Vorderbein ist nicht mehr zu retten, es muss samt Schultergelenk amputiert werden.
Mischling Gulliver kann dank Vollprothese wieder flitzen. © Achim Frank Schmidt
So erzählt es Renate Betz. Bei ihr hat „Gulli“ nach seiner Amputation ein neues, liebevolles Zuhause gefunden. Die 49-Jährige engagiert sich schon lange im Auslandstierschutz, sie nimmt oft Pflegehunde auf. So auch Gulliver. „Schnell war klar, dass wir ihn nicht mehr hergeben können“, sagt sie. Der Mischling blieb und lebt nun zusammen mit fünf Rudelgenossen bei Betz und ihrer Familie in der Nähe von Ingolstadt.
Simon Schuß (li.) und Dominik Hogen haben Pawsthesis gegründet. Im Hintergrund laufen ihre 3D-Drucker. © Achim Frank Schmidt/Achim Frank SchmidtPawsthesis ist aus einem Seminar an der Uni entstanden
Nach Gullivers Ankunft in Deutschland recherchiert Betz zu Prothesen für Hunde. Ihr Schützling kommt zwar auch auf drei Beinen ganz gut zurecht – Betz will aber verhindern, dass der junge Hund langfristige Schäden durch eine falsche Körperhaltung und Belastung davonträgt. Im Internet stößt sie auf ein kleines Start-up in Friedberg bei Augsburg – Pawsthesis, gegründet von Simon Schuß und Dominik Hogen, beide erst 27 Jahre alt.
Die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit und haben zusammen in Augsburg Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Eine Projektarbeit an der Uni veränderte alles: „Eigentlich hätten wir das Seminar gar nicht belegen müssen, wir hatten alle nötigen Punkte“, erzählt Hogen. Er habe seinen Kumpel Simon zunächst überreden müssen, bei dem 3D-Druck-Seminar mitzumachen. Dann sind beide Feuer und Flamme: Sie haben einen 3D-Drucker zur Verfügung und die Aufgabe, ein Geschäftsmodell damit zu entwickeln. „Wir wollten unbedingt etwas Sinnvolles machen“, sagt Schuß. Als sie in der Stadt einen dreibeinigen Hund sehen, ist ihnen klar, was. Ihre Professoren unterstützen die Studenten bei ihrem Prothesen-Projekt, sie bekommen ein Stipendium und gründen im Sommer 2021 das Unternehmen Pawsthesis.
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Fotostrecke ansehenGulliver ist der Testhund für alle neuen Prothesen
Renate Betz und Gulliver sind ihre ersten Kunden. Im September 2021 statten Schuß und Hogen den quirligen Hund mit seiner ersten Prothese aus – seitdem probiert „Gulli“ die neuen Produkte und Weiterentwicklungen der jungen Unternehmer aus. „Er testet alles auf Herz und Nieren“, sagt Betz. Gulliver schont sein künstliches Bein nicht, er rennt, springt und spielt damit. Betz meldet an die Ingenieure zurück, was passt und was nicht. Trotz seiner traumatischen Vergangenheit ist Gulliver „ein kleiner Sonnenschein“ und sehr neugierig, beschreibt seine Besitzerin. An die Prothese hat er sich deshalb relativ schnell gewöhnt. Er trägt sie zu Spaziergängen, im Haus braucht er sie nicht.
Dieser Hund bekam einen Frontrolli: In dieser Größe kostet er etwa 1300 Euro. © PAWSTHESIS
Schuß und Hogen sind Gullivers Besitzerin sehr dankbar. „Die beiden sind sehr kundenorientiert und verändern alles, bis es wirklich passt. Sie sind das Beste, was uns passieren konnte.“ Die 27-jährigen Ingenieure haben bisher rund 780 Hunde mit Hilfsmitteln ausgestattet – neben Vollprothesen stellen sie auch Teilprothesen, Orthesen und Frontrollwägen aus Kunststoff her. Bis auf die Schrauben und Textilien wie Klettverschlüsse kommen alle Teile aus ihren 3D-Druckern. Davon haben sie mittlerweile sechs Stück, die rund um die Uhr laufen.
Die Ingenieure machen auch Prothesen für andere Tiere
Pawsthesis stattet aber nicht nur Hunde mit neuen Gliedmaßen aus. Auch eine Kuh, ein Pferd, Alpakas, Schafe und Ziegen gehörten schon zu ihren Klienten. Einmal kam sogar eine Kundin mit einer Pute zu ihnen, erzählt Hogen. Die Frau reiste mit dem Zug an und schob die Pute im Kinderwagen – das Tier bekam eine Orthese. So wie die meisten großen Tiere, bei ihnen sind Prothesen selten und wegen des Gewichts schwierig. Eine Vollprothese gibt es bei Pawsthesis ab 1600 Euro, eine Orthese ab 700 Euro. Die Kunden können zwischen verschiedenen Farben wählen, versendet wird weltweit. „Das Interesse und die Nachfrage an unseren Produkten sind riesig“, sagt Schuß. Ihr Unternehmen betreiben die Friedberger deswegen mittlerweile in Vollzeit – ihre Werkstatt verteilt sich auf mehrere Zimmer im Keller von Schuß‘ Haus. Einen Mitarbeiter haben sie schon eingestellt – und sind auf der Suche nach weiteren.
Viele Kunden senden Abdrücke ihrer Tiere – nach diesen Maßen werden die Prothesen dann passgenau gefertigt. © Achim Frank Schmidt/Achim Frank Schmidt
Dass sie sich mit einem Unternehmen für Tierprothesen mit Mitte zwanzig selbstständig machen, haben Simon Schuß und Dominik Hogen so nie geplant. Es hat sich gefügt. „Wir waren schon immer sehr tierverbunden“, sagt Schuß. Er hat selbst einen Hund, Hogen eine Katze. Beide sind zudem Imker. Dass sie Tieren zu neuer Lebensqualität verhelfen und davon leben können, ist ein Traum für die beiden. Genau wie für ihre Klienten, die wieder mobil sein können.