Standdatum: 21. Februar 2026.

Autorinnen und Autoren:
Sophia Allenstein

Eine Schulassistentin beschäftigt sich mit Kindern während des Unterrichts in einem Klassenzimmer in Hannover.

Die Bremer Bildungsbehörde will mehr systemische Schulassistenzen einsetzen. Sie sind den einzelnen Schulen zugeteilt und betreuen mehrere Kinder während der Schulzeit.

Bild: dpa | Holger Hollemann

In Bremen haben sich Inklusionsforscher aus Deutschland und dem Ausland zur Jahrestagung getroffen. An der Umsetzung von Inklusion hapert es in den Augen von Betroffenen.

Erst Anfang dieser Woche hat Bex Bermeitinger wieder einen Anruf von der Schule des Sohnes bekommen. „Unser Kind ist im Autismusspektrum. Hat deshalb häufiger Streitigkeiten durch Fehlinterpretationen oder ähnliches, und die können im Schulalltag nicht aufgefangen werden. Was dazu führt, dass unser Kind völlig fertig ist und abgeholt werden muss“, sagt Bermeitinger.

Der Sohn von Bex Bermeitinger ist 11 Jahre alt und geht in die fünfte Klasse einer Bremer Oberschule. Eigentlich hat der Schüler laut der Familie schon voriges Jahr im Frühling eine Schulassistenz bewilligt bekommen. Die steht allen Kindern mit besonderem Förderbedarf in Bremen zu – also zum Beispiel Kindern mit körperlichen Behinderungen, ADHS oder bestimmten Formen von Autismus. Im Jahr 2025 blieben allerdings mehr als 180 Assistenzstellen unbesetzt, weil Personal fehlte.

Inklusionsforscherin: Nicht tragbare Zustände

Das sind natürlich Zustände, die sowohl aus menschenrechtlicher als auch aus bildungspolitischer Perspektive nicht tragbar sind. Das ist nicht nur eine Baustelle, sondern etwas, was nicht so sein kann und so nicht fortbestehen darf.

Natascha Korff, Professorin für Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen.

Natascha Korff ist Professorin für inklusive Pädagogik an der Universität Bremen und Mitorganisatorin der Jahrestagung Inklusionsforschung. Rechtlich steht Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen die Teilhabe an einem inklusiven Bildungssystem zu. Die Praxis sieht anders aus. Der Bremer Zentralelternbeirat berichtet von dutzenden Kindern, die durch fehlende Schulbegleitungen Unterricht oder Klassenfahrten verpassen oder teilweise separiert unterrichtet werden, damit andere Schüler nicht gestört werden.

Zu große Klassen gibt es, überlastete Lehrkräfte, die neben Kindern mit Migrationshintergrund auch Kinder mit Förderbedarf mitversorgen müssen.

Aktivistin kritisiert Stand der Inklusion in Bremen

Ich würde es nicht als Inklusion bezeichnen, was bei uns in den Bremer Schulen aktuell stattfindet.

Die Schülerin Janne Schmidmann mit Brille und Zahnspange lächelt in die Kamera.

Janne Schmidmann, Bremer Schülerin und Aktivistin

Die Bremer Schülerin Janne Schmidmann, die selbst eine Behinderung hat, sieht die Situation in Bremer Schulen kritisch. „Ich würde es nicht als Inklusion bezeichnen, was bei uns in den Bremer Schulen aktuell stattfindet. Ich würde sagen, wir sind immer wieder im Bereich zwischen der Integration und Separation“, sagt Janne Schmidmann. „Ich glaube es gibt einige Paradebeispiele, die super laufen, wie die Kinderschule zum Beispiel, wo man sagen kann: Ja, da wird wirklich Inklusion gelebt, aber in den meisten Schulen ist meiner Meinung nach keine Inklusion vorhanden.“

Bildungsbehörde setzt auf systemische Schulassistenzen

Die Lücke, die zwischen dem Idealbild einer gelingenden Inklusion und der Realität im deutschen Bildungssystem klafft – sie ist auch auf der Fachtagung Inklusionsforschung Thema. Für Wissenschaftlerin Natascha Korff ist Inklusion an Bremer Schulen nicht gescheitert. Damit sie gelingt, brauche es aber einige Zutaten: Neben engagiertem Fachpersonal auch eine Haltung, eine passende Schulkultur.

Die Bremer Bildungsbehörde versucht aktuell, Inklusion über einen neuen Ansatz zu stärken. In Ergänzung zu Schulassistenzen, die einzelne Schüler und Schülerinnen begleiten, sollen verstärkt Schulassistenzen eingestellt werden, die die ganze Klasse im Blick haben.

„Wir versuchen umzustellen auf eine intelligentere Art der Unterstützung: die sogenannten systemischen Assistenzen. Das sind über 100 Fachkräfte. Es ist ein Pilot, den wir gerade machen, um zu gucken, ob statt einer Einzelzuweisung eine Gruppenzuweisung sinnvoll sein kann, damit die Person die ganze Klasse mitbearbeiten kann. Das läuft eigentlich ganz gut und da haben wir fast alle Stellen besetzt“, sagt Bremens Bildungssenator Mark Rackles.

Grundschulen in Bremen haben die systemische Unterstützung bereits getestet, nach und nach sollen auch Oberschulen mitziehen.

Eltern rechnen weiter mit verkürzten Schultagen

Elternteil Bex Bermeitinger begrüßt das: „Es ist kein Ersatz für eine persönliche Assistenz, aber kann zumindest etwas abfedern.“ Die Pflegekraft hofft, dass die Oberschule des eigenen Sohnes bald mit dabei sein wird. Bis dahin wird Bex Bermeitinger wohl noch einige Male einen Anruf von der Schule bekommen und den Sohn abholen müssen.

Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
Bremen Zwei, Der Morgen, 19. Februar 2026, 7:02 Uhr