Für viele Menschen bedeutete dies einen tiefen Einschnitt. Über Jahrzehnte galt Russland nicht nur als politischer Partner, sondern auch als kultureller und wirtschaftlicher Bezugspunkt – oft verbunden mit familiären Beziehungen. Heute ist die Präsenz ukrainischer Geflüchteter Teil des Alltags. Zwar wanderte die Mehrheit im ersten Kriegsjahr weiter in EU-Staaten, doch viele blieben.
Ukrainische Cafés, Geschäfte und Dienstleistungen gehören inzwischen selbstverständlich zum Stadtbild, insbesondere in Chișinău. Die Hauptstadt entwickelte sich zudem zu einem wichtigen Drehkreuz für Menschen aus der Südukraine, vor allem für Flugreisen nach Westeuropa.
Für die moldauische Regierung markierte die Invasion einen tiefgreifenden Wendepunkt. Die Führung in Chișinău hatte zwar bereits zuvor eine Annäherung an die Europäische Union verfolgt, zugleich jedoch eine pragmatische Russlandpolitik betrieben: militärische Neutralität, zurückhaltende Außenpolitik und der Versuch, günstige Energielieferungen zu sichern, um innenpolitische Reformen voranzutreiben.
Dieser Balanceakt wurde mit dem 24. Februar 2022 hinfällig. Russlands imperialer Anspruch auf die Ukraine, die aggressive Rhetorik und die Missachtung territorialer Integrität trafen Moldau ins Mark. Das Land kennt die Folgen russischer Einflussnahme aus eigener Erfahrung. Der Transnistrien-Konflikt der frühen 1990er-Jahre – von Moskau politisch befeuert und militärisch unterstützt – hinterließ einen bis heute ungelösten Territorialkonflikt. Der fortgesetzte Verbleib russischer Truppen bleibt ein dauerhaftes Hindernis für Moldaus europäische Ambitionen.
Historisch teilt Moldau zentrale Erfahrungen mit der Ukraine. Jahrzehnte russischer und sowjetischer Dominanz haben politische Kultur, Identität und gesellschaftliche Debatten geprägt. Die moldauische Gesellschaft bleibt in außenpolitischen Fragen gespalten. Umfragen zufolge unterstützen etwa 60 Prozent einen EU-Kurs, rund 40 Prozent orientieren sich stärker an Russland oder bevorzugen eine neutrale Zwischenposition.
Doch gerade diese Neutralität erweist sich zunehmend als fragil. Für einen kleinen Staat ohne belastbare Sicherheitsgarantien ist sie weniger Schutzschild als Risikofaktor. Präsidentin Maia Sandu setzt daher auf eine klare strategische Ausrichtung: Moldaus Zukunft liegt in der Europäischen Union.
Ihr politischer Erfolg zeigt, dass eine positive Vision mobilisieren kann – trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten, steigender Lebenshaltungskosten, gesellschaftlicher Polarisierung und massiver Desinformationskampagnen. Die jüngsten Wahlen machten deutlich, dass russische Einflussversuche weder zwangsläufig erfolgreich noch politisch allmächtig sind.