Was machen andere Länder anders?

Die Gründe dafür, dass in allen anderen EU-Ländern viel mehr Menschen in eigenen Wohnungen und Häusern leben, sind vielfältig. In den Ländern Osteuropas, wo die Eigentumsquote über 90 Prozent liegt – wie Rumänien, Slowenien oder Kroatien – war es der Zusammenbruch des Kommunismus, der dazu führte, dass massenweise Wohnungen privatisiert wurden. Die damaligen Mieter konnten ihre Wohnungen oft zu sehr günstigen Preisen kaufen – wenn auch mit erheblichem Sanierungsbedarf.

In Norwegen unterstützt die Regierung den Immobilienerwerb aktiv durch Steuererleichterungen und zinsgünstige Kredite.

In Ländern wie Spanien ist es vor allem eine kulturelle Frage, in den eigenen vier Wänden zu wohnen: Wohneigentum gilt als Familientradition und Sicherung des Wohlstands. Viele Immobilien werden über Generationen hinweg weitergegeben, was die Eigentumsquote stabil hält.

Wohnungsmarkt als „Prüfstein für soziale Gerechtigkeit“

Das ist in Deutschland ähnlich – allerdings mit einem großen Unterschied: Es gilt nur für bestimmte soziale Schichten. „Wer heute in Deutschland ein Eigenheim besitzt, verdankt das häufig nicht der eigenen Arbeit, sondern den Eltern“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Kinder von Immobilieneigentümern hätten eine höhere Chance, selbst einmal Eigentum zu haben. „Wer aus einer Mieterfamilie stammt, hat diese Chance kaum.“ Der Wohnungsmarkt, so Fratzscher, sei also nicht nur eine Frage des Einkommens, sondern der Herkunft.

„Der Wohnungsmarkt ist ein Prüfstein für die soziale und generationelle Gerechtigkeit in unserem Land.“
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

In einer Studie hat das DIW Ende vergangenen Jahres dargestellt, wie auch beim Wohneigentum die „Aufstiegschancen der Nicht-Privilegierten stagnieren“: Wohlhabende Eltern vererben nicht nur öfter Eigentum, sie helfen auch oft beim Immobilienkauf – indem sie für Kredite bürgen, zinslose Darlehen vergeben oder das nötige Eigenkapital beisteuern. „In Summe wächst die Ungleichheit zwischen jenen, die Immobilien besitzen, und jenen, die dauerhaft Mieter bleiben.“

Für junge Menschen ohne familiäres Vermögen sei der Traum vom Eigenheim oft nur noch eine Illusion, sagt Fratzscher. „Für die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen ist Wohneigentum in den Städten nahezu unerreichbar geworden, selbst mit gutem Einkommen.“

Vor- und Nachteile von Wohneigentum

Für viele Menschen, insbesondere junge Berufstätige oder Familien, bietet das Mieten mehr Flexibilität. Ein Umzug in eine andere Stadt scheint einfacher, wenn man nicht an ein Eigentum gebunden ist. Für viele ist die Option, im Zweifel zu vermieten, ein Schreckenszenario.

Andererseits: Wohneigentum kann eine Altersvorsorge sein. Man hat später ein Dach über dem Kopf – ohne Angst vor steigenden Mieten. Oder man hat regelmäßige Zusatzeinnahmen durch Vermietung.

Bei sozialer Schieflage droht Verlust der Wohnung

Wen das Schicksal allerdings zum Bürgergeldempfänger macht, dem ist diese Altersvorsorge nicht mehr sicher. In dem Fall darf eine selbst genutzte Eigentumswohnung für vier Personen nicht größer als 130 Quadratmeter sein. Beim Eigenheim liegt die Grenze bei 140 Quadratmetern. Andernfalls zählt sie als Vermögen und wird entsprechend auf das Bürgergeld angerechnet. Diese Gesetzgebung wird seit Langem von verschiedenen politischen Parteien kritisiert.

Das DIW hat aus seiner Studie Forderungen an die Politik abgeleitet: Die dürfe „nicht länger so tun, als sei das Eigentum allein eine Frage der persönlichen Leistung“. Statt teurer Subventionen – wie der früheren Eigenheimzulage – brauche es „gezielte Instrumente für Haushalte mit mittleren und unteren Einkommen: staatliche Bürgschaften, Zuschüsse zum Eigenkapital oder zinsvergünstigte Kredite für Erstkäufer ohne familiäre Hilfe“.