Jolin ist früh aufgestanden. Und das, obwohl sie am Wochenende nicht in die Schule muss. Und doch ist ihr Ziel an diesem Tag die Dieter-Forte-Gesamtschule in Eller. Denn Jolin will zur Comic- und Manga-Convention (CMC), die in der Mensa der Gesamtschule veranstaltet wird.

Als Cosplayer ist es für die Abiturientin fast schon eine moralische Verpflichtung, den Weg in ihr Schulgebäude anzutreten. „Ich habe mich so gefreut, als ich gehört habe, dass die CMC hierher kommt“, sagt Jolin. „Ich wusste sofort, da gehe ich mit meinen Freunden hin.“ Als Cosplayer kann sie die Karnevalssession auf 365 Tage im Jahr ausweiten und damit der Aufforderung im Sessionshit der Swinging Funfares „Nie mehr Aschermittwoch“ Folge leisten. „Ich habe auch Karneval gefeiert, war da allerdings ein Pokemon“, meint Jolin und lächelt.

Damit bei der CMC auch alles stilecht ist und sie ihre Zeit richtig genießen kann, verwandelte sie sich im Vorfeld in „Heimarbeit“ in Rosie Hellaverse, Hotelbesitzerin, mächtige Sünderin und eine der Höllenherscherinnen der Zeichentrickserie Hazbin Hotel. „Es hat mehr als zwei Stunden gedauert, bis ich geschminkt und entsprechend angezogen war“, erzählt die junge Frau.

Perfekt gestylt schlendert sie an diesem Samstag in Begleitung zweier Freunde und zusammen mit mehreren Hundert völlig unterschiedlich kostümierten Cosplayern durch die Mensa. Dort sind in mehreren Reihen 90 Stände aufgebaut, an denen Künstler, Zeichnerinnen und Kreative aus den verschiedensten Genres wie Manga, Graphic Novels, Cartoons, Comic-Kunst und Independent Comics ihre Werke feilbieten und auf Wunsch auch signieren. Nebenan ist eine Karaoke-Station aufgebaut, an der den ganzen Tag über gesungen und getanzt wird.

Wer selber wissen will, wie man Animes und Mangas zeichnet, ist bei Maya Wendler goldrichtig. Die studierte Kunst- und Deutschlehrerin bietet mehrere Workshops an, in denen ganz herkömmlich mit Buntstiften und Papier die Welt der asiatisch geprägten Zeichentrick-Figuren entsteht. Wer will, kann beim Cosplay Big Picture Teil eines großen Gruppenbildes sein und einzeln seine Alias-Identität beim Cosplay Walk präsentieren.

Dabei achten die Organisatoren darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. So werden beispielsweise Zeichnungen mit Inhalten, die sich an das Ü18-Publikum wenden, konsequent aussortiert. „Kinder und Jugendliche werden früh genug mit der Ambivalenz der menschlichen Psyche konfrontiert. Das Verlangen jenseits moralischer Abwägungen Geld zu verdienen ist groß“, erläutert CMC-Mitorganisator Udo Godewind. Alle Produkte müssten den deutschen Gesetzen unterliegen. „Wir achten auf eine familiäre Atmosphäre und möchten ein kleines Puzzleteil mit pädagogischen Zielen sein.“ So achtet Godewind in seinem Team auch darauf, dass die Kunstwerke – anders kann man das Angebot bei der CMC nicht bezeichnen – der menschlichen Phantasie entstammen, per Hand gezeichnet und auch nur in Kleinserie produziert wurden. „Leute, die Massenware aus Asien mitbringen wollen, erhalten bei uns keinen Tisch“, betont der CMC-Macher. „Unsere Künstler müssen traditionelle Grafik- und Zeichentechniken nutzen.“ Dabei herrsche allerdings keine totale Digital-Phobie vor, einige der Zeichner nutzten auch Tabletts mit Zeichenprogrammen. Die ausschließliche Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI), die ohne menschliches Zutun nahezu perfekte Manga-Zeichnungen erstellt, wird jedoch abgelehnt.

„Nicht die Existenz der KI ist das Problem, sondern wie Leute die Technik verwenden“, meint Illustrator KD Chen. Der Wuppertaler gehört auf der CMC zu den bekannteren Vertretern, hat er doch in den Sozialen Medien etwa 334.000 Follower. „Das ist eine schöne Zahl, mehr aber auch nicht. Social Media reflektiert nicht die Realität“, meint Chen. Ohnehin sei der Markt sehr kompetitiv. Der Mann, der an der Düsseldorfer Fachhochschule Kommunikationsdesign studierte, muss es wissen, ist er doch seit zehn Jahren als freiberuflicher Illustrator, Zeichner, Künstler unterwegs.

Mit seinen 36 Jahren gehört Chen zu den erfahrenen CMC-Teilnehmern. Melissa Kreuter hingegen ist noch neu in dem Geschäft. „Seit Ende 2025 habe ich einen eigenen Stand“, verrät die 15-Jährige Neusserin. „Ich habe schon immer gerne gezeichnet und kann mein Hobby jetzt auch vielen zugänglich machen.“ Mit ihren 15 Jahren gehört sie zu den großen Zeichen-Talenten.

Der Eindruck der meisten Besucher vor Ort: Die CMC in Eller ist ein großes Vergnügen, mitsamt Eintauchen in eine knallbunte Phantasie-Welt, in der man die Realität für einige Stunden ausblenden kann.

„Für mich waren es bestens investierte sieben Euro Eintrittsgeld“, urteilt Jolin. „Es war alles sehr schön, alle waren so lieb.“