Die Bücher haben in etwa das Format eines schmalen Aktenordners, ein blasses Blau ist die Farbe des Einbands und nur ein dezenter Schriftzug ziert die Titelseite: Georg Friedrich Händel. Wer genauer wissen will, um welchen Band der Händel-Ausgabe es sich handelt, der blickt auf den Buchrücken: „Serie III/14“ steht da geschrieben und die englischen Titel der Werke, die dieser 100. Band versammelt: „Anthem on the Peace“ und „Foundling Hospital Anthem“.

Jubiläumsausgabe zeigt Händel auch als Wohltäter

Das „Anthem on the Peace“ komponierte Händel anlässlich eines Dankgottesdienstes nach dem Frieden von Aachen 1749. Im gleichen Jahr schuf er eine Komposition für das von ihm mitbegründete Waisenhaus. Die Aufführung sollte Geld einwerben für dieses „Findlingshaus“ in London. Zwei würdige Werke also, die Händel als Wohltäter zeigen und die den Band 100 der Händel-Ausgabe besonders glänzen lassen. Das findet zumindest der Musikwissenschaftler Dennis Ried, Junior-Professor der an der Universität in Halle. Er erklärt im Gespräch mit MDR KULTUR, dass Gesamtausgaben naturgemäß über mehrere Jahrzehnte hinweg erscheinen. „Mit einem Ausmaß, wie wir es bei der Händel-Ausgabe zu tun haben, kann man schon stolz sein, dass man überhaupt die 100 schafft“, so der Forscher.

Die Hallische Händel-Ausgabe (HHA) versteht sich als Kritische Gesamtausgabe auf Grundlage aller bekannten Quellen. Das ist der Unterschied zu vorherigen Editionen, deren bekannteste die von Friedrich Chrysander sein dürfte. Zwischen 1858 und 1894 gab der Hamburger Pionier der Musikkritik quasi im Alleingang die Werke Händels heraus. Auch er betrieb schon systematische Quellenforschung, reiste nach London, um sich Handschriften Händels anzusehen und erwarb zahlreiche originale Dirigierpartituren, die von Händel bei seinen Aufführungen verwendet wurden. Mit allen Eintragungen des Meisters, etwa bei Sängerwechseln oder wenn Arien gestrichen oder Zwischenstücke eingefügt worden sind.

Musikalische Detektivarbeit

„Chrysander hat eine sehr fehlerfreie Notenausgabe gemacht, man kann zuverlässig nach dem Material spielen“, lobt der HHA-Redakteur Hendrik Wilken. „Aber die Fassung, die Chrysander bietet in den Bänden, entspricht häufig nicht dem, was Händel bei seiner Erstaufführung wirklich dem Publikum vorgestellt hat“, erklärt er weiter. Die Noten spiegeln also nicht das Stück wider, das „Händel ganz am Anfang beabsichtigt hatte.“

Dazu kommt: Die Quellenlage habe sich entschieden verändert, sagt Teresa Ramer-Wünsche und verweist auf zeitgenössische Abschriften von Notenblättern, die aus dem Umkreis der Gönner und Verehrer rund um Händel immer wieder auftauchen. In den letzten 30 Jahren, sagt die Musikwissenschaftlerin, seien durch Digitalisierung und die Zunahme des weltweiten Informationsflusses viele solcher teils verschollen geglaubter Abschriften für die Wissenschaft zugänglich geworden, die beispielsweise in Japan oder in den USA liegen. „Da haben die heutigen Editoren und Wissenschaftler mehr Möglichkeiten, solches Material aufzufinden, Vergleichsabschriften zu haben und dadurch den Befund in der Dirigierpartitur oder auch im Autograf zeitlich besser verorten zu können“, erklärt Teresa Ramer-Wünsche.

Händel-Tradition in Halle

Die Hallische Händel-Ausgabe ist heute ein Forschungsvorhaben der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Sie wird im Rahmen des von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordinierten Akademienprogramms von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Sachsen-Anhalt gefördert. Begonnen hat es bereits 1955 unter dem Händel-Forscher Max Schneider (1875-1967). Sein Verdienst war es, trotz der widrigen Umstände mit Reiseverboten und deutscher Teilung die Händel-Forschung in Halle international zu halten – denn schließlich liegen die meisten der Quellen in London und Hamburg. Das Klavier Max Schneiders dient den Forschenden in Halle bis heute als Arbeitsinstrument – Hendrik Wilken nutzt es immer wieder, um kritische Stellen der Notenschrift auf ihre Plausibilität zu prüfen, also ob sie vernünftig klingen.

Gerade arbeitet die Redaktion der Hallischen Händel-Ausgabe an einem Sonderband. Es ist ein Revisionsband zu Händels wohl berühmtestem Werk „Messiah“. Denn inzwischen, so erläutert Teresa Ramer-Wünsche, sei sehr klar: „In der ersten Hallischen Händel-Ausgabe von 1965 ist ein Werkbild abgebildet, was so unter Händel niemals zur Aufführung gekommen ist. Und weil es weltweit das am meisten aufgeführte Werk Händels ist, ist es wichtig, das neu herauszugeben.“

Die größten Herausforderungen für die Forschung

16 Fassungen des Werkes sind zu Händels Lebzeiten zur Aufführung gekommen. Dank der inzwischen genauer möglichen Zuordnung und Datierung einzelner Fragmente, Streichungen und Ergänzungen sei es bald möglich, ein gültiges Notenwerk herauszugeben. „Wenn dann ein Dirigent sagt, ich möchte die Erstaufführungsfassung aus London aufführen von 1743“, erklärt Mitherausgeberin Teresa Ramer-Wünsche, „die wird dann eben auch rekonstruiert sein und wird angeboten werden können!“

Die Kritische Neuausgabe des „Messiah“ ist für 2028 geplant. Bis 2031 ist das Editionsprojekt finanziert. Allerdings, so sagt Hendrik Wilken, wird das noch zu bewältigende Pensum für die geplanten insgesamt 116 Bände wohl kaum bis dahin zu bearbeiten sein. Denn für die letzten Bände stünden die „ganz besonders schwierigen, großen Werke noch bevor“, so Hendrik Wilken: schwierige Opern, schwierige Oratorien „Man muss alle Quellen gesehen haben, man muss bis in die letzten Kathedralarchive vorgedrungen sein, um noch Abschriften zu finden, die im Gesamtbild einfach interessant und relevant sind“, erklärt der Musikwissenschaftler. Nun aber gelte es, den Band 100 zu feiern. Und statt in die Noten zu schauen, doch lieber einmal mehr die Musik zu hören.

Quellen: MDR KULTUR (Tobias Barth)
redaktionelle Bearbeitung: tsa