Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hat angesichts massiv zugenommener Schießereien vor voreiligen Schlüssen gewarnt. „Wir haben keine konkreten Hinweise auf einen Bandenkrieg in dieser Stadt wie in Chicago in den 30er-Jahren“, sagte die Polizeipräsidentin am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. Sie kritisierte die Medien und warf diesen vor, vieles zu vermischen und zu übertreiben.
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Es gebe laut Slowik Meisel auch keine Hinweise darauf, dass in Berlin die Geschäftsfelder von kriminellen Milieus neu verteilt werden, „auch wenn sie von großen Nachrichtensendungen in den Raum gestellt werden“.
Die Aussagen überraschen. Denn vor einem Monat äußerte sich die Polizeipräsidentin mit Blick auf die Rolle der Organisierten Kriminalität noch ganz anders. Sie hatte von Revierkämpfen rivalisierender Banden gesprochen. Auch Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) hatte beklagt, die Schusswaffengewalt insbesondere durch Banden habe in Berlin eine „neue Dimension erreicht“.
Streitigkeiten, die früher mit Fäusten ausgetragen wurden, werden heute mit Schusswaffen geführt.
Barbara Slowik Meisel, Polizeipräsidentin
Jetzt versuchte Slowik Meisel die Lage weniger scharf und gefährlich darzustellen. Dabei gibt es deutliche Hinweise und Recherchen verschiedener Medien – darunter der Tagesspiegel – darauf, dass türkische Mafiabanden in Deutschland aktiv und für Schüsse in Berlin verantwortlich sind. Nach Tagesspiegel-Recherchen stammen mit Blick auf die letzten Monate sowohl viele Verdächtige als auch ihre Opfer überwiegend aus der Türkei.
Das Problem sei vor allem „die hohe Verfügbarkeit von Schusswaffen in kriminellen Milieus“, sagte Slowik Meisel nun. „Das ist auch eine große Herausforderung, aber setzt ganz andere Maßnahmen als bei einem Bandenkrieg voraus“, sagte sie. „Die Herausforderung ist, die Zahl der Schusswaffen zu begrenzen. Streitigkeiten, die früher mit Fäusten ausgetragen wurden, werden heute mit Schusswaffen geführt. Das ist unser Kernthema.“
Seit Anfang 2025 ist die Zahl der Schüsse in Berlin massiv gestiegen. Meist werden Schüsse auf Lokale und Geschäfte abgegeben, auch Handgranaten kamen schon zum Einsatz. Menschen wurden ebenfalls durch solche Angriffe getötet.
Es seien einzelne Täter in Berlin aktiv, die insbesondere im Ausland in organisierten Strukturen eingebunden seien. Sie seien aber nur für eine Minderheit der Schussabgaben verantwortlich, sagte Slowik Meisel. Dabei gehe es meist um Erpressung von Geschäftsleuten „durch ausländische Täter“, die versuchten, in Berlin Fuß zu fassen.
Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel.
© IMAGO/Jochen Eckel
Es gebe aber auch Täter, die keine Verbindung zu organisierten Strukturen haben. Die Polizeipräsidentin sprach von sogenannten Nachahmertaten. „Man schmückt sich mit bestimmten Namen, manchmal sehr unzutreffend, von Strukturen, die gut klingen und vielleicht auch dann noch der Erpressung mehr Nachdruck verleihen“, sagte die Polizeichefin.
Der Modus Operandi sei, dass vorwiegend mit Schüssen auf Gebäude der Erpressung von Gewerbetreibenden Nachdruck verliehen werden solle. „Dieser Modus Operandi nimmt gerade zu, der hat aber ganz unterschiedliche Hintergründe“, sagte Slowik Meisel. Auch treffe das nur für die Hälfte der Schussabgaben zu. Es gehe auch nicht um Schutzgelderpressung, denn die Täter wollten keinen Schutz gewähren. Die Opfer sollten Geld zahlen, um nicht weiter Gewalt und Angriffen ausgesetzt zu sein.
Familienstreite und spontane Auseinandersetzungen
Es gebe „differenzierte Hintergründe, verschiedene Tatmotivationen und unterschiedliche Täterzielrichtungen“. Das reiche von „Familienstreitigkeiten über alte bilaterale Streitigkeiten bis zu spontanen Streitigkeiten“, etwa wenn jemand eines Lokals verwiesen werde und dann mit einer Schusswaffe zurückkehre.
Die seit Mitte November tätige Soko „Ferrum“, also Eisen wie Schießeisen, ermittle dann bei jeder Tat, ob es Bezüge zur organisierten Kriminalität gibt oder nicht. Eine genaue Zahl der sogenannten Strukturermittlungsverfahren konnte die Polizeipräsidentin nicht nennen. „Die Lage ist sehr dynamisch“, sagte Slowik Meisel. Zu Jahresbeginn habe die Polizei 65 Strafverfahren geführt, jetzt seien es 105.
Bilanz der Ermittler
Die Soko „Ferrum“ hat in den vergangenen drei Monaten den Kontrolldruck massiv verstärkt. Bei 5000 Personen ist die Identität festgestellt und überprüft worden, 3000 Fahrzeuge und 800 Lokale wurden kontrolliert.
Insgesamt wurden seit Mitte November 18 scharfe Schusswaffen mit über 190 Schuss Munition, zehn Schreckschusswaffen und 50 sonstige Waffen, darunter Messer, Baseballschläger und Elektroimpulsgeräte, beschlagnahmt. Zudem seien 260 Strafanzeigen gestellt und 13 Haftbefehle erwirkt worden.
Noch Mitte Januar hatte Slowik erklärt, dass für die Schießereien in Berlin die Täter teils aus dem Ausland eingeflogen werden. „Dafür werden gezielt auch junge Männer im Ausland rekrutiert“, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel. „Sie reisen kurzfristig mit einem Touristenvisum ein und begehen dann hier Straftaten, für die sie Aufträge erhalten haben.“
Beamte finden Maschinenpistole in einem Auto
Teils sprächen die Täter kaum Deutsch und reisten dann nach der Tat schnell wieder aus. „Die Auftraggeber sitzen entweder im Ausland und wollen Raum gewinnen oder die Aufträge werden von Teilen der hier ansässigen OK-Strukturen erteilt“, hatte Slowik Meisel gesagt.
Die Polizei habe 2025 zunehmend gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden erkannt. Es gehe zum einen um Revierkämpfe im Bereich der Drogenkriminalität. Und zum anderen um die sogenannten Schutzgelderpressungen. Es gehe „um die lukrativsten Einnahmequellen für die organisierte Kriminalität“.
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Auch Justizsenatorin Badenberg hatte kürzlich gesagt, bewaffnete, oft aus dem Ausland stammende Banden, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, verübten systematisch Straftaten in Berlin. Ihre Aktivitäten hätten „eine neue Dimension erreicht“. Sie sprach von einer „quantitativ als auch qualitativ“ neuen Bedrohungslage. „Wir sehen inzwischen rivalisierende Banden, die auf Berlins Straßen sichtbar Gewalt einsetzen, sei es durch Handgranatenwürfe auf Lokale, sei es durch Schüsse auf Menschen, Fahrzeuge und auch Gebäude.“
Erst Mitte vergangener Woche fanden Ferrum-Beamte bei einer Kontrolle mehrerer Lokale in der Wollankstraße in Gesundbrunnen fünf scharfe Schusswaffen, drei davon konnten konkreten Personen zugeordnet werden. Sie wurden festgenommen. In einem Mercedes fanden die Beamten sogar eine Maschinenpistole.