Der russische Machthaber Wladimir Putin habe den dritten Weltkrieg bereits begonnen. Diese deutlichen Worte fand der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj am Wochenende in einem Interview mit dem britischen Sender BBC in Kiew.

Die Frage sei ihm zufolge, wie viel Land Putin einnehmen werde und wie man ihn stoppen könne. „Putin wird nicht mit der Ukraine aufhören“, so Selenskyj. „Russland will der Welt eine andere Lebensweise aufzwingen und das Leben der Menschen, für welches sie sich selbst entschieden haben, verändern.“ Den Krieg zu gewinnen, sei ein Gewinn für die ganze Welt.

Selenskyj gab das Interview laut „BBC“ am Wochenende in einem streng gesicherten Raum in der Regierungszentrale in Kiew. Der ukrainische Staatschef beantwortete die Fragen des Reporters Jeremy Bowen auf Ukrainisch. Anschließend veröffentlichte die „BBC“ eine schriftliche Zusammenfassung mit Zitaten auf Englisch und einem kurzen Videoausschnitt des Gesprächs.

„Es geht nicht nur um Präsident Trump“

Darin wurde er auch gefragt, ob er US-Präsident Donald Trump trauen könne und Versprechen des US-Präsidenten etwa zu Sicherheitsgarantien verlässlich wären. Selenskyj antwortet: „Es geht nicht nur um Präsident Trump, wir reden von Amerika.“

Der Ukrainer setzt auf verlässliche Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten für sein Land, die nicht allein vom Willen des US-Präsidenten abhängen. „Aus guten Gründen wird der Kongress über sie (die Sicherheitsgarantien) abstimmen“, sagte Selenskyj. „Präsidenten kommen und gehen, aber Institutionen bleiben.“

„Wir alle sind für eine angemessene Zeit Präsidenten. Wir (als Ukrainer) wollen beispielsweise Garantien für 30 Jahre. Die politischen Eliten werden künftig andere sein, die Anführer werden andere sein.“ Trumps zweite und damit gemäß der US-Verfassung letzte Amtszeit endet in knapp drei Jahren. 

Der „BBC“-Journalist, der das Interview mit Selenskyj führte, fasste den Tenor der Aussagen des Präsidenten wie folgt zusammen: „Donald Trump mag unzuverlässig sein, aber er wird nicht für immer da sein.“ 

Selenskyj: Komplette Rückeroberung bloß eine „Frage der Zeit“

Eine Abtretung weiterer Landstriche in den Gebieten Donezk, Cherson und Saporischschja, die Russland bislang nicht vollständig erobern konnte, lehnte Selenskyj erneut kategorisch ab – auch wenn es zu einem Waffenstillstand mit Russland führen würde.

„Ich betrachte das nicht einfach als Land. Für mich würde das Aufgeben bedeuten – eine Schwächung unserer Positionen, mit der wir Hunderttausende unserer Mitmenschen im Stich lassen würden, die dort leben. So sehe ich das. Und ich bin sicher, dass dieser ‚Rückzug‘ unsere Gesellschaft spalten würde.“

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Ob man das nicht in Kauf nehmen könne, wenn es Putin zufriedenstelle, fragte der „BBC“-Journalist. Es würde ihn nur so lange zufriedenstellen, bis er sich erholt hat, entgegnet Selenskyj. „Wohin würde er als Nächstes gehen? Wir wissen es nicht, aber dass er weitermachen will mit dem Krieg, ist eine Tatsache.“

Langfristig wolle man das gesamte besetzte Gebiet zurückerobern und zu den im Unabhängigkeitsjahr 1991 festgelegten Grenzen der Ukraine zurückkehren, sagte Selenskyj weiter. Das sei nur eine Frage der Zeit, momentan aber bislang nicht möglich. Die russische Armee sei zu mächtig, und der Verlust von Menschenleben – Selenskyj sprach von Millionen Toten, die zu befürchten wären – wäre zu groß. Die Ukraine habe nicht genügend Waffen für entsprechende Erfolge auf dem Schlachtfeld, so Selenskyj.

In dem Interview ließ Selenskyj offen, ob er bei etwaigen Neuwahlen nochmals als Präsident kandidieren würde. In jedem Fall brauche es vor einer solchen Abstimmung verlässliche Sicherheitsgarantien, um eine Manipulation der Wahl zu verhindern und die Ukraine dauerhaft vor russischen Annexionsgelüsten zu schützen, sagte Selenskyj. (dpa, Tsp)