Dem beliebtesten Mädchen der Klasse 6a, Marie, wurden die Pausenbrote gestohlen. Schnell scheint klar, dass nur einer als Täter in Betracht kommt: Konrad, der neu in der Klasse ist und noch keine Freunde gefunden hat. Um Schuld und Unschuld, Mobbing und vorschnelles Urteilen dreht sich der Kinderroman „Das war’s“, den zwei Juristinnen geschrieben haben: Elisa Hoven und Juli Zeh.
Dieses „besondere Buch über Gerechtigkeit“ stellt Luisa Wilkening am Montagmorgen in der Albert-Vigoleis-Thelen-Stadbibliothek in Viersen vor. Die Sechstklässlerin des Gymnasiums Thomaeum in Kempen nimmt am Regionalentscheid des 67. Vorlesewettbewerbs des Deutschen Buchhandels teil. Sie gehört zu den „Besten der Besten“, wie es Uta Krüger, stellvertretende Leiterin der Bibliothek, formuliert. Denn Luisa hat sich bereits, wie die übrigen zehn Leseratten, im Vorentscheid an ihrer Schule als sehr gute Vorleserin entpuppt. Die Schulsieger der weiterführenden Schulen aus Grefrath, Kempen, Tönisvorst und Willich treten in der Bibliothek nun beim Regionalentscheid Viersen-Nordost an.
Zehn Mädchen und ein Junge sind gekommen, Eltern und Großeltern sind zur Verstärkung dabei. Die Texte, die sie vorlesen, haben die Kinder selbst ausgewählt. Es sind Vielleser und Gernleser, die heute Morgen hier sind, das spürt man gleich. Zu den Büchern, aus denen sie eine Passage vortragen, können sie rasch etwas erzählen, um die Zuhörer mitzunehmen in die Geschichte. Dann erfährt das Publikum, wie die Kinder auf Konrad, den sie für den Pausenbrot-Dieb halten, einschlagen, während die Lehrerin mit hoher Fistelstimme, die Luisa ihr schenkt, von Integration und Inklusion faselt.
Jedes Kind hat drei Minuten Zeit zum Vorlesen. Emma Evers von der Robert-Schuman-Europaschule in Willich liest aus „Ein Mädchen namens Willow“ von Sabine Bohlmann. Sie erzählt von der Frau, die sich wie eine Schlingpflanze um Willows Vater schlingt, und das sorgt schon für Schmunzeln im Publikum. Aurelia Heyes von der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule in Willich entführt ihre Zuhörer mit „Keeper of the lost Cities“ von Shannon Messenger in eine Elfenwelt, und wer nach diesen drei Minuten Feuer gefangen hat und weiterlesen möchte, dem verrät Aurelia: „Es wird auf jeden Fall sehr spannend, aber es gibt ein gutes Ende.“
Fenja Loppe vom Michael-Ende-Gymnasium in Tönisvorst hat sich für „Das Geheimnis der Schokomagie“ von Mareike Allnoch entschieden, Johanna Morjan vom Lise-Meitner-Gymnasium in Willich liest aus „Die drei !!! – Teuflisches Handy“ von Henriette Wich, Carolina Steiff vom St.-Bernhard-Gymnasium in Willich aus „Die Suche nach Paulie Fink“ von Ali Benjamin. Bei Jule Donath von der Rupert-Neudeck-Gesamtschule in Tönisvorst werden in der „Schule der magischen Tiere“ von Margit Auer Weihnachtsplätzchen gebacken, Madita Plewka von der Gesamtschule Kempen stellt „Alea Aquarius – Der Ruf des Wassers“ von Tanya Stewner vor, Fero Fahrenholz von der Sekundarschule Grefrath liest aus „Für immer Alaska“ von Anna Woltz. Viktoria Bülow vom Luise-von-Duesberg-Gymnasium in Kempen hat sich für „Today I’ll steal his heart“ von Bianca Wege entschieden, Ira Meyer-Wülfing von der Liebfrauenschule Mülhausen in Grefrath für „Der kleine Hobbit“ von J. R. R. Tolkien. Sie lässt zum Schluss die Zwerge singend aufräumen und spülen, dass es eine wahre Freude ist.
Unterdessen machen sich die vier Juroren Notizen. Dabei sind Monika Effkemann, verantwortlich für den Bereich der Kinder- und Jugendliteratur in der Stadtbibliothek, Nicola Nilles, Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Viersen, Autor Markus Fegers sowie Lesepatin Marlis Spiegelhoff. Bei der Bewertung müssen sie auf viele Punkte achten: Wurde sicher und flüssig gelesen? War die Aussprache deutlich? War das Lesetempo angemessen, gab es Pausen? Gelingt es, beim Vorlesen die Stimmung zu vermitteln, die die Geschichte erzählt? Wird passend betont? So ganz perfekt muss das Vorlesen übrigens nicht sein: Versprecher werden nicht bewertet.
Die Kinder lesen sich wacker durch ihre Texte. Mal temporeich, mal ruhiger, mal rufend oder schimpfend, mal flüsternd, mal kichernd. Oft geben sie den handelnden Personen unterschiedliche Stimmen, das macht das Zuhören lebendiger. „Man sollte sich in die Person hineinfinden“, lautet Luisas Tipp für alle, die auch gern vorlesen möchten, „und das Atmen nicht vergessen“. Das rät auch Fero für den Start: „Tief einatmen und loslesen.“ Warum sich Ira für „Der kleine Hobbit“ entschieden hat? „Ich mag das Buch sehr, es ist sehr lebendig geschrieben, und ich kann mich gut in den Hobbit hineinversetzen“, sagt sie. Dass das von ihr ausgewählte Buch passend für den Wettbewerb war, spürte Carolina nach den ersten Seiten: „Es hat mich sofort gefesselt, ich konnte nicht aufhören, es zu lesen“, sagt sie. Damit hat die Tante, die es ihr schenkte, einen Volltreffer gelandet.
Nach der ersten Runde zieht sich die Jury zurück. Was macht einen guten Vorleser aus? Die Mimik, die Gestik, die Stimme? Effkemann gefällt es, „wenn Spannung da ist, die passende Stimmung vermittelt wird, man sich in die Geschichte hineinfallen lassen kann“. Es sei sehr interessant, wie die Kinder ihre Texte gestalteten, fügt Fegers an. Schwierig, hier einen Sieger auszuwählen, sagt Nilles, „sie sind alle ganz toll“.
In der zweiten Runde bekommen die Kinder ein Buch vorgelegt, das sie (wahrscheinlich) noch nicht kennen. Effkemann hat es ausgewählt, „Game of Noctis – Spiel um dein Leben“ heißt es, geschrieben von Deva Fagan. Eine unbekannte Welt entblättert sich vor den jungen Lesern, die für jeweils zwei Minuten Passage um Passage vorlesen. Die einen finden sich rascher in die Geschichte ein, die anderen brauchen dafür ein bisschen länger, doch auch hier wird überwiegend flüssig gelesen, mitunter – trotz unbekannter Geschichte – auch mit verstellter Stimme. Dann muss die Jury eine Entscheidung fällen. Als Siegerin geht schließlich Luisa Wilkeing aus dem Regionalentscheid Viersen-Nordost hervor. Doch Applaus gibt es für alle jungen Teilnehmer, eine Urkunde – und natürlich ein Buch: Mit „Rocky Winterfeld“ von Marie Hüttner ist für die nächsten gemütlichen Lesestunden schon gesorgt.