Vera macht kein Hehl daraus, was sie von ihrer Schwester hält. „Manchmal hab‘ ich Lust, dich an die Mauer zu fahren“, sagt sie zu Clara, die nach einem Bombenanschlag im Rollstuhl sitzt. Das ist gut so, meint Vera. Denn so kann sie mit ihr tun und lassen, was sie mag, ihr sogar die Haare scheren und sie in KZ-Kleidung stecken.

Und das wollen Vera und ihr Bruder Rudolf auch heute wieder tun – auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses in „Vor dem Ruhestand“. Das Stück des österreichischen Autors Thomas Bernhard leuchtet schonungslos das Wesen zweier Alt-Nazis aus. Bernhard schrieb es 1979 als Reaktion auf die Filbinger-Affäre. Der ehemalige Ministerpräsident hatte im Krieg Todesurteile gesprochen. Nun hat sich der Regisseur Martin Kušej daran gemacht, „Vor dem Ruhestand“ in die Gegenwart zu verlegen, in der die AfD auf dem Vormarsch ist. Auch die Todesstrafe wurde wieder eingeführt, was Rudolf als Gerichtspräsident willkommen ist. „Ich wende sie natürlich auch an“, sagt er und hätte am liebsten auch mit den Buben kurzen Prozess gemacht, die ihn angerempelt haben, „Judenbuben“.

Imposantes Bühnenbild

Im Schauspielhaus blickt man in einen minimalistischen Designer-Bungalow. Hier leben die Geschwister mit dem Geist des Vaters, einem „Judenhasser“ und Tyrannen, der Vera und Rudolf zu strammen Nazis erzog. Sie teilen sich das Ehebett – „wegen der Reinheit der Kinder“ und wollen heute Himmlers Geburtstag feiern. Nur Clara ist als Sozialistin aus der Art geschlagen. Die Geschwister würden „den Krüppel“ am liebsten „in die Anstalt“ abschieben, aber brauchen sie als Feindbild, um sich ihrer eigenen Weltsicht versichern zu können. „Wir werden siegen, die Feinde vernichten“, poltert Rudolf.

Dieses ewige Schwadronieren und Schimpfen ist das wichtigste Merkmal der Literatur von Thomas Bernhard. Doch statt den Tiraden mit einem beiläufigen Sprachduktus Schärfe zu verleihen, müssen Katharina Hauter als Vera und Therese Dörr als Clara sie künstlich deklamieren, sodass man ihren Figuren die Worte nur schwer abnimmt. Aber der Regisseur Martin Kušej ist weniger an der mörderischen Gesinnung der Figuren interessiert als an ästhetischen Bildern.

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Und imposant ist die Bühne von Annette Murschetz zweifellos. Anstelle der klaustrophobischen Enge der Wohnstube, in die Bernhard seine Figuren zwängte, eröffnen sich im Schauspielhaus immer neue elegante Räume – eine weitläufige Küche, die stylishe Terrasse, das nackte Schlafzimmer der Kinder. Kušej will durch die ständigen Ortswechsel deutlich machen, dass die Außenwelt in das „geschlossene System“ eindringe. So richtig gelingt das nicht. Im Gegenteil schwächt die Weitläufigkeit des Wohnhauses diesen hochexplosiven, inzestuösen Clinch, in den die drei Geschwister sich wie Hunde verbissen haben.

Wenn die AfD gewinnt

Zäh zieht sich der hölzern deklamierte Text in der ersten Hälfte des Abends in die Breite, was unterstützt wird durch die ständigen Umbaupausen. Erst mit dem Auftritt von Matthias Leja verwandelt sich die lähmende Tristesse in diesem unterkühlten Eigenheim in eine brodelnde Hölle. Er ist stark als Rudolf, der seine Schwestern im Champagner-Rausch mit der Pistole bedroht, aber auch mit seiner Unzulänglichkeit tyrannisch gefügig macht. Wieder und wieder muss Vera ihn aufbauen und betont, wie „unbeugsam, willensstark und hart“ er sei, ganz wie der Vater – und willfährig facht sie seine sexuelle Lust an mit Gerede von Eisernen Kreuzen, Orden und Uniformen. „Die Mehrheit denkt wie wir.“

Am Ende bekommen sie Recht. Im Radio wird das Wahlergebnis verkündet: Die AfD hat gewonnen. Vera und Rudolf erleben es nicht mehr. Anders als im Original werden sie von ihren Kindern erschossen. So richtig mag man diese optimistische Botschaft nicht glauben, dass die nachfolgende Generation den aktuellen faschistischen Umtrieben einen Riegel vorschieben wird. Schließlich stimmte im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel der Wähler unter 25 Jahren für die AfD.

Weitere Vorstellungen: 5., 13., 19., 29. März, 3., 11. 13. April, jeweils 19.30 Uhr. Karten auf: www.schauspiel-stuttgart.de