Dresden. Überraschungen beim Walzerkönig? Kaum möglich! Scheinen doch die Melodien von Johann Baptist Strauss (1825–1899), der zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen Vater als Johann Strauss (Sohn) bezeichnet wird, in Kaffeehäusern, bei Bällen und Neujahrskonzerten zu oft gespielt.

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Einer für alle, alle für einen: die Cappella Musica Dresden.

Und doch ist es möglich: Denn der Wiener Star, der noch berühmter wurde als sein Vater, hat immerhin eine Oper, 15 Operetten, ein Ballett sowie rund 500 Walzer, Polkas, Märsche und Quadrillen komponiert. Entsprechend zogen Kollegen vor ihm den Hut: „Er ist der Einzige, den ich beneide – er trieft von Musik, ihm fällt immer etwas ein“, lobte der große Sinfoniker Johannes Brahms, und Opernpapst Giuseppe Verdi meinte: „Ich verehre ihn als einen meiner genialsten Kollegen.“

Helmut Branny ist als Musiker, Entdecker und Organisator etwa der Reihe „Meisterinterpreten“ vielseitig unterwegs. Regelmäßig legt er mit Mitstreitern Aufnahmen ganz unterschiedlicher Ausrichtung vor.

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Tatsächlich Neues bietet eine Einspielung der Cappella Musica Dresden um den langjährigen Staatskapellen-Musiker Helmut Branny für das ARS-Label.

Die fünf Musiker haben zwölf Walzer, Märsche und Polkas auf die ungewöhnliche Besetzung für Streichquartett und Kontrabass reduziert. So ganz ohne orchestralen, durchaus kitschigen Schmelz wirken die zwei- bis zehnminütigen Kompositionen frisch und ungehört.

Aufnahmen entstanden in den Parksälen von Dippoldiswalde

In den Parksälen von Dippoldiswalde entstanden die reizvollen Miniaturen von Strauss, ergänzt um einen Marsch seines späteren Arbeitgebers Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha.

Die nunmehr ins Rampenlicht gerückten Stücke offenbaren einmal mehr: Der Walzerkönig ist dank seiner musikalischen Raffinessen ein großer Unterhaltungskünstler.

Die Ideen, die Melodien- und Gestaltungsvielfalt in höchster Kunstform beeindruckten uns in Strauss’ Musik ähnlich wie bei Bach und Mozart.

Helmut Branny

Musiker

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„Das musikalische Ideenspektrum, die Melodien- und Gestaltungsvielfalt in höchster Kunstform beeindruckten uns in dieser Musik ähnlich wie bei Bach und Mozart“, sagt Helmut Branny. Ebenso hätte die Strauss’sche Verbindung zu Deutschland – er war seit 1887 Bürger von Sachsen-Coburg-Gotha – und speziell zu Dresden die Musiker thematisch nicht losgelassen.

Strauss weilte gern in Dresden. 27-jährig bezeichnete er beispielsweise 1852 den Aufenthalt in der Stadt als „die schönste Zeit meines Lebens“. Wenn das kein Ansporn sei, so Branny, gerade diese für Dresden oder in Erinnerung an Dresden komponierten Stücke zu spielen!

Dresdens Ex-OB Roßberg als profunder Strauss-Experte

Wichtig für das Entstehen der Aufnahme: Dresdens früherer Oberbürgermeister Ingolf Roßberg ist der 1. Vorsitzende der Deutschen Johann-Strauss-Gesellschaft. Aus der Verbindung mit diesem glühenden Verehrer Strauss’scher Musik entstand die Idee, Stücke erstmals aufzunehmen, die für deutsche Ohren oder unter dem Eindruck von Erlebnissen in Deutschland geschrieben wurden. Und Roßberg steuerte zudem einen profunden Booklet-Text bei.

Zur Auswahl der Stücke: Es sollten die im Wiener Musikleben eher weniger gespielten Werke in den Fokus genommen werden. Eine besondere Rolle spielte Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, ein kunstsinniger und selbst komponierender Mensch. Er ermöglichte Strauss die Hochzeit mit seiner dritten Frau Adele, wodurch dieser danach Zeit seines Lebens deutscher Bürger blieb. Mit dem Marsch nach Motiven der Oper „Casilda“, heiter und beschwingt, voll Eleganz und Lebensfreude, darf der Herzog deshalb als einzige Ausnahme auf der CD erklingen.

Für die Liebe wurde der Walzerkönig Deutscher

Die kurz nach der Hochzeit in Coburg komponierte Polka „Neues Leben“ ist quasi der Strauss’sche Startpunkt seines musikalischen Schaffens als Deutscher – der weiterhin in Wien lebte. Auch der „Grillenbanner“-Walzer entstand im Coburger Zusammenhang. In Berlin wurde die Polka-Mazurka „Annina“ innerhalb der Operette „Eine Nacht in Venedig“ uraufgeführt, und die „Neue Pizzicato“-Polka schickte Johann nach Hamburg zu Bruder Eduard. Sie entfaltet einen mitreißenden, pointierten Schwung.

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Die in Dresden entstandenen Miniaturen basieren alle auf Erlebnissen mit Natur und Menschen vor Ort. Ein Beispiel ist die witzig-energische „Zehner“-Polka, die er in Dresden komponierte und einer „aus zehn Personen bestehenden Gesellschaft in Dresden“ widmete. Zu hohem Anlass schuf er den emotional bewegten „Vermählungstoaste“-Walzer: zur Hochzeit des Kronprinzen und späteren Königs Albert von Sachsen mit Prinzessin Carola von Wasa.

Rätsel um den letzten Walzer „An der Elbe“

Die Schönheit der sächsischen Natur spiegelt sich in dem gut neunminütigen Walzer „An der Elbe“ in zarten Anflügen melancholischer Tiefe wider, wenn die Violine in höchsten Tönen über dem kammermusikalischen Ganzen schwebt. Experte Roßberg merkt zum „Elb“-Walzer an, dass dieser Rätsel aufgebe. Warum sei der Walzerkönig, weltweit bekannt und finanziell auf nichts mehr angewiesen, der Bitte eines winzigen Verlages aus der Dresdner Neustadt nachgekommen, für ihn zu komponieren? Zum 50. Verlagsjubiläum 1897 schrieb Strauss den grandiosen Walzer – es „sollte der letzte Walzer sein, den er zu Lebzeiten veröffentlichte“.

Interessant ist auch der sächsische Aspekt bei dem knapp dreiminütigen „Klipp-Klapp-Galopp“ und dem „Es war so wunderschön“-Marsch aus der Operette „Waldmeister“. Die ebenfalls eingespielte „Waldmeister“-Ouvertüre greift Motive der Operette vorweg, erklingt mal innig und zart, fast nachdenklich, dann wieder schwungvoll und intensiv.

Und dann die „Waldmeister“-Operette aus dem Tharandter Wald

Letztere, 1895 als „meine schönste Altersoperette“ uraufgeführt, ist die einzige von Strauss, die in Deutschland spielt – in der Nähe von Dresden, im Tharandter Wald. Akteure sind eine Sängerin an der Dresdner Oper, ein Professor der Botanik und ein Direktor der Forstakademie.

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Die Geschichte: Der Waldmeister ist ja ein fester Bestandteil für eine gute Maibowle, und die setzte den Akteuren nach üppigem Genuss zu, bis sie sich schließlich doch als Paare fanden. Allein der regionale Bezug legt nahe, dass „Waldmeister“ eine Wiederentdeckung in Dresdens spezialisiertem Operettentheater wert wäre.

Es lohnt also, die Aufnahme zu hören. Die fünf Dresdner Musiker haben sich mit den Feinheiten, dem Charakter der Tempi, der Traurigkeit, Sehnsucht, Melancholie und Fröhlichkeit befasst. Gut, dass sie mit der Streicherkultur der Sächsischen Staatskapelle vertraut sind, die an Weichheit und Klangsinn dem Wienerischen sehr nah ist.

Dresdner mit natürlicher Leichtigkeit und unaufdringlichem Charme

Eines wird man in Wien nicht gern hören, ist aber Fakt: Es ist erstaunlich, was für Entdeckungen möglich sind, wenn Experten sich nicht nur mit Johann Strauss’ (Sohn) klingenden österreichischen Bezügen, sondern seinen deutschen Anknüpfungspunkten beschäftigen. Zumal die Dresdner Musiker eine natürliche Leichtigkeit und unaufdringlichen Charme haben, die die Kompositionen mit Klangsinn und Feinheit adeln.

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Information: „Johann Strauss“, Cappella Musica Dresden, ARS

SZ