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Visa, Mastercard, PayPal: Europas Bezahlen läuft fast nur über US-Schienen. Die EZB warnt vor gefährlicher Abhängigkeit – als Beweis gilt ein Sanktionsfall eines EU-Bürgers.

Brüssel – Im indischen Neu-Delhi ist derzeit die weltweit führende KI-Elite zu Gast: Premierminister Modi hat zum mehrtägigen AI Impact Summit geladen, darunter die US-Dominatoren um OpenAI, Google und Anthropic. Mittendrin ist auch die Bundesregierung – allerdings nicht mit Kanzler Friedrich Merz, sondern mit Digitalminister Karsten Wildberger (beide CDU). Noch vor dem Ende des Events verkündete Wildberger einen ersten Erfolg: Zur Stärkung der europäischen Souveränität haben Deutschland und Indien einen KI-Pakt vereinbart.

Europas Zahlungsverkehr am US-Haken: Warum die Abhängigkeit im Trump-Zeitalter so gefährlich ist

Doch bei einem anderen Hebel kann Indien vorerst nicht helfen. Konkret betrifft das das europäische Zahlungssystem, oder eher: das nicht vorhandene europäische Zahlungssystem. Unter einem launischen und teils schwer berechenbaren US-Präsidenten wie Donald Trump wird die Abhängigkeit in diesem Bereich besonders brisant. Nicht nur, dass Trump unlängst unverhohlen mit der Annexion Grönlands drohte, auch richten sich seine US-Sanktionen längst gegen ganze Staatenbünde, Institutionen und Einzelpersonen.

US-Präsident Donald Trump, wütendHat die Europäer in vielen Bereichen am Haken: US-Präsident Donald Trump © Mark Schiefelbein/picture alliance/dpa/AP

Die Logik des Druckmittels könnte sich perspektivisch auch über private Zahlungsnetze bis in den europäischen Alltag durchschlagen. Und genau daran krankt die europäische Souveränität: Die EU hat bis heute kein eigenes grenzüberschreitendes digitales Zahlungsmittel, das überall funktioniert. Wer also etwa als Deutscher im europäischen Ausland im Restaurant bezahlen möchte, kommt um den Einsatz der US-Zahlungsdienste Visa oder Mastercard nicht herum. In Onlineshops dominiert zudem PayPal.

Bequem, aber gefährlich: Wie Visa, Mastercard und PayPal Europas Bezahlen faktisch dominieren

Was auf den ersten Blick nach perfektem Komfort klingt, ist strategisch ein Risiko. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnt seit Jahren vor der strukturellen Abhängigkeit – und beziffert sie inzwischen sehr konkret: Fast zwei Drittel der kartengestützten Transaktionen im Euroraum werden demnach von nicht-europäischen Unternehmen abgewickelt. 13 Euro-Länder seien sogar noch immer vollständig auf internationale Kartensysteme angewiesen.

Das erläuterte Piero Cipollone, Mitglied des Executive Boards der Europäischen Zentralbank, unlängst in einer Rede zum digitalen Euro. Bereits früher monierte die EZB, dass zwei Drittel der Euroländer keine eigene Kartenlösung hätten und bei Zahlungen in andere Euroländer auf internationale Schemes angewiesen seien – während im Onlinehandel ohnehin nicht-europäische Lösungen wie Paypal dominierten.

EZB schlägt Alarm: Zwei Drittel der Kartentransaktionen laufen über nicht-europäische Anbieter

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Versäumnisse: Europas Banken haben nationale Systeme wie Girocard nie zu einem europäischen Netz verbunden. Frühere Anläufe für ein gemeinsames europäisches Kartensystem scheiterten laut der EZB vor allem an der Bereitschaft der Banken – zu wenig tragfähig war ihnen der Business Case. Auch eine Einigung auf gemeinsame Investitionen und Rahmenbedingungen gestaltete sich als schwierig.

Auf politischer Ebene behandelte die EU das Thema lange als Industrieprojekt und setzte vor allem Regeln statt einer klaren Infrastruktur. Erst mit der Retail-Payments-Strategie im Jahr 2020 formulierte die EU-Kommission explizit das Ziel, ein integriertes europäisches Zahlungssystem – besonders über Instant Payments – voranzutreiben.

Europäische Banken zögern zu lange: Kein Business Case, keine Einigung – und Europa blieb kleinteilig

Doch die US-Anbieter bauten in den vergangenen Jahren ihren Vorsprung mit einem massiven Netzwerkeffekt fast uneinholbar aus. Parallel schluckte Mastercard den ersten zaghaften Versuch einer europäischen Variante: Das Pilotprojekt der Eurocard, das sich in den 1980er Jahren im europäischen Wirtschaftsraum zunehmend als Alternative etabliert hatte, kaufte der US-Riese auf.  

Und selbst dort, wo europäische Karten eigentlich national sind, hängen sie für Auslandszahlungen oft an ihrem US-Unterbau. Das sogenannte Co-Badging mit Maestro oder Visa macht auch solche Karten anfällig, wenn geopolitischer Druck über Zahlungsnetze ausgespielt wird. Dass diese Szenarien nicht nur bloße Planspiele sind, bewies Trump im Rahmen der Strafzölle. In Brüssel kursierte laut dem Handelsblatt das Gerücht, dass Trump diese Karte ausspielen könnte, wenn die Europäer sich in den Verhandlungen nicht bewegen würden.

Europas Antwort Wero steckt noch in den Kinderschuhen – Kluft zwischen Nord- und Südeuropa

Zwar arbeiten Banken seit 2020 an der European Payments Initiative und dem eigenen Zahlungsdienst Wero. Doch auch der startet nicht als fertiges europäisches Gegenstück zu Visa und Mastercard. Die EPI-Banken brachten Wero als Wallet zunächst für Handy-zu-Handy-Zahlungen auf den Markt. Seit Sommer 2024 sind solche sogenannten P2P-Transfers möglich, seit Ende 2025 sogar auch erste Online-Zahlungen. Allerdings findet Wero bisher wenig Anklang bei großen Händlern.

Zumal der Dienst ohnehin von west- und nordeuropäischen Mitgliedsstaaten initiiert wurde – in Ländern wie Spanien sind mit Bizum teilweise eigene Varianten etabliert. Und der Markt hinter den Zahlungsabwicklungen in der EU ist enorm – und lukrativ: Der Europäische Rechnungshof hielt Anfang 2025 fest, dass digitale Zahlungen für Einzelhandelsumsätze in der EU allein 2023 die Marke von mehr als einer Billion Euro überschritten hätten.

Digitaler Euro als Notausgang: 2027 Pilot, 2029 möglich – doch Kosten und Datenschutz bremsen

Parallel zu Wero soll der digitale Euro als staatlich garantierte, europäische Zahlungsoption auf eigener Infrastruktur helfen. Mit genau dem Ziel, dass digitale Zahlungen nicht von Drittländern oder privaten Gatekeepern willkürlich abgeschaltet werden können. Dass Europa dabei zugleich versucht, die Basisinfrastruktur zu modernisieren, zeigt auch die Instant-Payments-Regulierung der EU: Sie verpflichtet Zahlungsdienstleister schrittweise dazu, Euro-Sofortüberweisungen breit verfügbar zu machen. Dennoch laufen die bürokratischen Mühlen in der EU bekanntermaßen langsam. Eine erste potenzielle Ausgabe des digitalen Euros soll im Jahr 2029 erfolgen – doch dafür muss die Verordnung zum Digitalen Euro im Laufe 2026 erstmal das Europäische Parlament und den Rat der Europäischen Union passieren.

Erste Pilotprojekte mit ausgewählten Partnern erhofft sich die EU-Kommission dennoch bereits ab 2027. Widerstand kommt hier teilweise von den Banken, denen laut Reuters die Implementierungskosten von vier bis sechs Milliarden Euro über vier Jahre zu hoch sind. Verbraucherschützer sind zudem wegen der hohen Anforderungen an den Datenschutz besorgt. Kurzum: Die Hürden sind also enorm.

Der Fall Guillou als Warnsignal: Wie Sanktionen aus einem Richter plötzlich einen Offline-Kunden machen

Wie gefährlich das ist, zeigte in den vergangenen Tagen das Beispiel von Nicolas Guillou. Der französische Richter steht seit Sommer 2025 mit zehn anderen Mitarbeitern des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) auf der US-Sanktionsliste. Die US-Regierung begründet den Schritt damals damit, dass der Gerichtshof aus ihrer Sicht „unzulässig“ gegen Amerikaner und Israelis vorgehe. Kurz vorher hatte der ICC einen internationalen Haftbefehl gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu erlassen.

Von heute auf morgen war Guillou also vom internationalen Zahlungssystem abgeschnitten – und noch mehr. Quasi über Nacht wurden auch seine Benutzerkonten bei US-Diensten wie Amazon, Netflix und Airbnb geschlossen, erklärte er bei einer Pressekonferenz in Brüssel. (Quellen: Reuters, Handelsblatt, EZB, Europäischer Rechnungshof, EU-Kommission) (msw)