Sie gelten als einer der Hoffnungsträger des deutschen Buchmarkts: So gute Wachstumszahlen wie Manga hatte in den vergangenen fünf Jahren kaum ein anderes Segment im Buchhandel vorzuweisen. Auch auf der Leipziger Buchmesse, die in diesem Jahr am 19. März startet, wurde Comics aus Fernost in jüngster Zeit immer mehr Platz eingeräumt. Namhafte japanische Zeichnerinnen und Zeichner sind die Stargäste der parallel zur Buchmesse stattfindenden Manga Comic Con.

Doch nun überrascht einer der größten deutschen Manga-Verlage mit einer Botschaft, die nach Trendwende klingt: Die Manga-Verkäufe im deutschsprachigen Mangamarkt seien aktuell „deutlich zurückgegangen“, meldete vergangene Woche der Hamburger Tokyopop-Verlag, der für Erfolgsreihen wie „Death Note“ bekannt ist. Daher müsse man die Preise für die vor allem von jüngeren Leserinnen und Lesern gekauften Taschenbücher anheben.

Der Manga-Boom ist schon seit einer Weile vorbei.

 Benedict Reichelt, Marketing-Chef der Tokyopop GmbH

Zeichnet sich hier möglicherweise ein Ende des Manga-Booms ab?

Für Benedict Reichelt, Marketing-Chef der Tokyopop GmbH, ist die Antwort eindeutig: „Der Manga-Boom ist tatsächlich schon seit einer Weile vorbei!“ Ein entscheidender Grund dafür sei das inzwischen zu große Angebot an neuen Titeln, die von einer wachsenden Zahl an Verlagen jeden Monat an den Handel ausgeliefert würden, erklärt er auf Anfrage des Tagesspiegels. Das passe nicht zu den gleichbleibenden Verkaufsflächen, sowie dem Budget der Leserinnen und Leser. Letzteres sei nicht mit dem Angebot gewachsen, sondern im Zweifel eher geschrumpft.

Es ist nach wie vor möglich, Leser in einem ähnlichen Maße für neue Titel zu begeistern wie in den Jahren in und nach der Pandemie.

Cécile Béran, Marketingdirektorin beim Verlag Cross Cult

Bei anderen deutschen Verlagen provoziert die Stellungnahme von Tokyopop allerdings deutlichen Widerspruch.

„Ein Ende des Manga-Booms sehen wir nicht“, sagt Cécile Béran, Marketingdirektorin beim Ludwigsburger Verlag Cross Cult. Der hat seit 2018 unter dem Label Manga Cult auch Comics aus Japan im Programm, darunter Bestseller-Serien wie „Demon Slayer“ oder „Mein Schulgeist Hanako“. „Es ist nach wie vor möglich, Leser in einem ähnlichen Maße für neue Titel zu begeistern wie in den Jahren in und nach der Pandemie.“

Leipzig, Sachsen. Die Leipziger Buchmesse findet vom 27. bis 30. April 2023 auf dem Messegelände statt. Im Rahmen der Buchmesse erleben Besucher das grösste europäische Lesefest Leipzig liest, das einen Austausch zwischen Autoren und Lesern schaffen soll. Teil der Messe sind die Manga-Comic-Convention sowie die Leipziger Antiquariatsmesse. Foto: Demon Slayer - Manga *** Leipzig, Saxony The Leipzig Book Fair will take place from 27 to 30 April 2023 at the fairgrounds As part of the book fair, visitors will experience the largest European reading festival Leipzig reads, which aims to create an exchange between authors and readers Part of the fair are the Manga Comic Convention and the Leipzig Antiquarian Book Fair Photo Demon Slayer Mang Die Reihe „Demon Slayer“ gehört zu den erfolgreichsten Mangaserien der vergangenen Jahre.

© imago/Manfred Segerer

In den Jahren ab 2020 haben die Verkaufszahlen für Manga in Deutschland besonders stark zugenommen. „Die Mindestabsatzmenge, mit der wir Manga-Verlage querbeet über alle Reihen hinweg rechnen können, ist allerdings etwas gesunken“, ergänzt Béran einschränkend. Das liege vor allem am rapide gewachsenen Angebot: Während im Pandemie-Jahr 2020 hierzulande noch 1234 neue Titel in der Warengruppe Manga und Manhwa erschienen sind, waren es 2025 schon 2204 Titel. Das habe dazu geführt, dass „Manga-Fans nicht mehr alles lesen können, was sie interessiert“.

Die Verkäufe sind steigend und der Marktanteil unseres Programms wächst kontinuierlich.

Steffen Volkmer, leitender Redakteur bei Panini Comics

„Zumindest für unser Programm sehen wir aktuell kein Ende des Manga-Booms“, sagt auch Steffen Volkmer, Pressesprecher und leitender Redakteur bei Panini Comics. Der Stuttgarter Verlag, der lange vor allem für amerikanische Superheldencomics bekannt war, hat in den vergangenen Jahren sein Manga-Segment ausgebaut und veröffentlicht unter anderem die erfolgreiche „Berserk“-Reihe.

LEIPZIG, GERMANY - MARCH 16, 2018: The Manga-Comic-Convention at the book fair Leipziger Buchmesse 2018 in Leipzig, Germany Ab dem 19. März präsentiert die Leipziger Buchmesse mit der Manga Comic Con wieder viele Neuerscheinungen, hier ein Foto aus dem Jahr 2018.

© imago images/Val Thoermer

„Bei Panini Manga sind die Verkäufe steigend und der Marktanteil unseres Programms wächst kontinuierlich“, sagt Volkmer. „Im Vergleich zu 2023 haben wir ihn verdoppelt.“ Andere, westliche Comic-Titel täten sich im Handel dagegen „aktuell eher schwer“, ergänzt Volkmer – „wobei das keine neue Entwicklung ist.“

Der Markt liegt rund 150 Prozent über dem Niveau des Jahres 2019.

Kai-Steffen Schwarz, Redaktionsleiter Comic, Manga und Webtoons beim Carlsen-Verlag

Auch Kai-Steffen Schwarz vom Hamburger Carlsen-Verlag, beantwortet die Frage, ob der Manga-Boom hierzulande vorbei sei, mit einem klaren Nein. „Das ist für mich eine Frage der Perspektive und der Erwartungshaltung“, sagt Schwarz, der als Redaktionsleiter Comic, Manga und Webtoons auch für südkoreanische Digital-Comics zuständig ist, deren gedruckte Ausgaben hierzulande zunehmend populär sind.

100

Millionen Euro Umsatz haben Comics aus Japan und Südkorea 2025 im deutschsprachigen Raum an Umsatz erzielt.

Carlsen gilt als  Marktführer im deutschsprachigen Manga-Bereich und hat unter anderem die Klassiker-Reihen „One Piece“ und „Naruto“ sowie zahlreiche aktuelle Bestseller wie „Tokyo Revengers“ im Programm. Außerdem ist der Verlag für westliche Comic-Klassiker wie „Tim und Struppi“ und „Gaston“ sowie aktuelle Graphic Novels bekannt.

Aus dem Manga "One Piece" von Eiichiro Oda „One Piece“ von Eiichiro Oda ist eine der weltweit populärsten Mangaserien, die deutsche Ausgabe erscheint beim Carlsen-Verlag.,

© Carlsen

Die Warengruppe Manga und Manhwa – so werden gedruckte Manga aus Südkorea genannt – „hat nach den uns vorliegenden Daten 2025 im deutschsprachigen Raum über 100 Millionen Euro Umsatz erzielt“, sagt Schwarz. „Der Markt liegt damit rund 150 Prozent über dem Niveau des Jahres 2019.“ Noch vor sieben bis acht Jahren habe man „das heutige Marktniveau nicht für möglich gehalten“.

Allerdings hat auch Carlsen im vergangenen Jahr leichte Rückgänge erlebt, wie Schwarz ergänzt – die jedoch durch Zuwächse in anderen Bereichen ausgeglichen worden seien: „In unseren Manga- und Webtoon-Labels Carlsen Manga!, Hayabusa und C Lines haben wir 2025 insgesamt unter Vorjahr abgeschlossen – bei Carlsen Comics konnten wir dagegen den Jahresumsatz, verglichen mit 2024, steigern.“ Das Gesamtbild sei also gemischt, wobei je nach Bereich einzelne Top-Titel den Ausschlag gegeben haben.

Wir haben zweistellig zugelegt und konnten uns weitere Marktanteile sichern, trotz stetig wachsender Konkurrenz.

Sonja Lesch, Manga-Programmleiterin bei Egmont Ehapa

„Wir blicken auf das erfolgreichste Jahr unserer Comicgeschichte zurück“, bilanziert auch Sonja Lesch, Manga-Programmleiterin bei Egmont Ehapa. Der Berliner Verlag hat neben den deutschen Lizenzen für Disney-Comics und europäische Klassiker wie Asterix auch einen stetig wachsenden Manga-Bereich, zu dem unter anderem die Reihen „Chainsaw Man“ und „Sailor Moon“ gehören. Im Manga-Bereich „haben wir zweistellig zugelegt und konnten uns weitere Marktanteile sichern, trotz stetig wachsender Konkurrenz“, sagt Lesch.

Fabcaro und Didier Conrad: „Asterix in Lusitanien“, ÜBersetzung Klaus Jöken, Egmont Ehapa Media 48 Seiten, 7,99 Euro (Softcover) oder 13,50 Euro (Hardcover). Dieser Comic ließ 2025 alle anderen Bestseller hinter sich: „Asterix in Lusitanien“.

© LES ÉDITIONS ALBERT RENÉ

Der größte wirtschaftliche Comic-Erfolg des vergangenen Jahres bei Egmont und verlagsübergreifend ist allerdings einem aus Frankreich stammenden Bestseller zu verdanken: „Das 41. Asterix-Album ‚Asterix in Lusitanien‘ hat erneut alle Rekorde gebrochen“, sagt Lesch.

1,5

Millionen Exemplare der deutschen Ausgabe von „Asterix in Lusitanien“ wurden nach Verlagsangaben bislang verkauft.

Nach Angaben von Till Reischl, Pressesprecher der Egmont Ehapa Media GmbH, hat sich die deutsche Ausgabe des im vergangenen Herbst veröffentlichten neuen Abenteuers der schlagkräftigen Gallier inzwischen insgesamt 1,5 Millionen Mal verkauft. „Und es ist auch weiterhin sowohl im Soft- als auch im Hardcover sehr gefragt.“ 

Der Manga-Markt als Ganzes ist nun 30 Jahre lang recht stetig gewachsen, mal etwas schneller und mal langsamer.

Joachim Kaps, Geschäftsführer des Hamburger Altraverse-Verlags

„Ich halte es für eine recht steile These, pauschal zu behaupten, dass die Verkäufe von Manga und Webtoon in Deutschland zurückgehen“, erklärt auch Joachim Kaps, Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Altraverse-Verlags. „Wir sind mit unseren Ergebnissen des Jahres 2025 aktuell eigentlich ganz zufrieden.“

Der 1964 geborene Kaps hat vor der Gründung von Altraverse seit den 1990er Jahren als Verlagsleiter bei Carlsen und Geschäftsführer bei Tokyopop den Siegeszug des Manga in Deutschland begleitet. Altraverse hat sich in den vergangenen Jahren neben Import-Titeln aus Japan mit Veröffentlichungen wie dem Webtoon-Hit „Solo Leveling“ sowie deutschen und europäischen Eigenproduktionen wie dem Sachbuch „Einfach Japanisch“ profiliert.

Buch "Einfach Japanisch" von David Füleki und Hirofumi Yamada, das zum diesjährigen Manga-Day erscheint
Foto: altraverse-Verlag Eine Szene aus dem Buch „Einfach Japanisch“ von David Füleki und Hirofumi Yamada.

© altraverse-Verlag

Der Hype während der Pandemie habe ab dem Jahr 2020 eine Blase aufgebaut, analysiert Kaps, „die nun ein wenig Luft ablässt, weil die Menschen wieder aus dem Haus dürfen und nicht mehr 24 Stunden am Tag lesen.“ Das Niveau der Manga-Verkaufszahlen im deutschsprachigen Raum sei aber insgesamt noch immer deutlich höher als vor dem Boom.

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„Ich mache Manga ja nicht erst seit gestern und staune, dass nun schon wieder manche Leute das Ende des Booms herbeireden wollen“, sagt Kaps. „Der Manga-Markt als Ganzes ist im Grunde nun 30 Jahre lang recht stetig gewachsen, mal etwas schneller und mal langsamer.“ Generell sei damit zu rechnen, dass auch dieses Mal die Dinge auf längere Sicht nicht so negativ aussehen, wie es die Momentaufnahme eines Verlages nahelegt.