Dresden. Wieder versammeln sie sich am 24. Februar auf dem Dresdner Neumarkt. Seit vier Jahren schon. Auch an diesem Dienstagnachmittag strömen die Menschen vor die Frauenkirche. Zunächst stehen sie etwas verloren da, doch dann werden es mehr und mehr. Schließlich sind es knapp tausend Dresdner und Ukrainer, die gemeinsam an den Jahrestag des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine erinnern.

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Viele tragen Gelb und Blau, die Nationalfarben der Ukraine. Sie haben sich Fahnen um die Schulter gelegt oder um die Hüfte gebunden. Auf Transparenten steht „Stand with Ukraine“ oder „Menschen sind der Schlüssel“. Sie machen Selfies, liegen sich in den Armen, manche weinen.

„Freiheit braucht Solidarität“

Natalija Bock begrüßt die Demonstranten auf einem Lkw und betont, dass sich die Ukraine nicht erst seit vier Jahren gegen russische Aggressionen verteidigt, es seien bereits zwölf. Die gebürtige Ukrainerin ist unter anderem Mitbegründerin des Ukrainischen Hauses und Vorsitzende von Plattform Dresden e.V. und sagt: „Freiheit braucht Solidarität für die Zukunft Europas.“ Das sei das Motto dieser Demo. Freiheit bedeute, „dass Menschen füreinander einstehen und nicht wegsehen“.

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Die Grünen-Landtagsabgeordnete Katja Meier greift Bocks Solidaritätsgedanken auf. Sie betont die „unglaubliche Tapferkeit der Ukrainer, ihre Widerstandskraft, ihre Kreativität und ihre Innovationen, um zu überleben, indem sie aus Not Gemeinschaft machen“. Die Menschen kämpften um ein selbstbestimmtes Leben, ihre Resilienz sei „zutiefst beeindruckend“. Die Ukrainer ergäben sich nicht ihrem Schicksal, sondern hielten fest an ihrem Leben, ihrer Würde und ihrer Zukunft.

Solidarität verlangt Haltung, Mut und Menschlichkeit. Wir stehen alle an der Seite der Ukraine für Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung.

Martin Modschiedler, CDU-Abgeordneter und Sächsischer Integrationsbeauftragter.

Später bittet Natalija Bock ihre Zuhörer, eine Minute lang ihre Schlüssel zu schütteln. Das gedämpfte Klirren soll mahnen, dass Russland 19.000 Kinder verschleppt habe und ukrainische Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft auch oft gefoltert würden. Mit der Schlüsselperformance würden Menschen in vielen Großstädten an russische Kriegsverbrechen erinnern. Dresden sei jetzt eine von ihnen, bemerkt Bock.

Ein Leben davor – und eines danach

Eine junge Frau aus Odessa, die vor knapp vier Jahren nach Dresden geflohen ist, berichtet von den ersten Kriegstagen. Die Bürger in Odessa hätten sich am Strand getroffen, Schützengräben ausgehoben, Sandsäcke gefüllt und Molotow-Cocktails hergestellt. Notgedrungen habe sie ihre Heimat dennoch verlassen. Für sie gebe es jetzt nur noch „ein Leben davor“ und ein „Leben danach“, sagt sie. Es gebe nichts Schrecklicheres, als ein Leben unter russischer Herrschaft.

Martin Modschiedler – der CDU-Landtagsabgeordnete ist Sächsischer Integrationsbeauftragter – sagt: „Solidarität verlangt Haltung, Mut und Menschlichkeit. Wir stehen alle an der Seite der Ukraine für Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung.“ Weiter sagt er, Geflüchtete aus der Ukraine, die in Sachsen leben, „sehnen sich danach, in ihre Heimat zurückzukehren – und dennoch wollen sie sich hier integrieren“. Integration sei die „erste politische Aufgabe, ein Ausdruck der Menschlichkeit“.

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„Selbstsüchtige Geschäftsinteressen“

Mehrere Redner wie der SPD-Abgeordnete Martin Dulig oder der Dresdner FDP-Chef Holger Hase betonen das Auftreten von US-Präsident Donald Trump gegenüber dem russischen Machthaber Wladimir Putin: „Ein KGB-Offizier steht einem Businessman gegenüber“, sagt Dulig, „auf einmal ist der Aggressor ein Geschäftspartner – das kann doch nicht sein!“

Hase erinnert an die Nürnberger Prozesse vor 80 Jahren, als die Alliierten über Nazi-Deutschland zu Gericht saßen, und sagt, heute würden „Deals“ der US-Administration eine regelbasierte Weltordnung ablösen. Die Vereinten Nationen oder die Nato etwa drohten, von selbstsüchtigen Geschäftsinteressen Trumps verdrängt zu werden.

Einen kleinen Unterschied zu früheren Jahrestagen gibt es, als die Demo loszieht. Die knapp 1000 Menschen sind etwas leiser auf ihrer Runde durch die City. Aber sie stehen zusammen.

SZ