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Hamburg – Sie ist die Ikone im Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Frauen. Und sie gibt vielen eine Stimme, die bislang aus Scham geschwiegen haben. Am Dienstagabend trat Gisèle Pelicot (73) im ausverkauften kleinen Saal der Hamburger Laeiszhalle auf, um ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ (256 S., 25 Euro, Piper) vorzustellen. Neben ihr auf der Bühne: Schauspielerin und Aktivistin Maria Furtwängler (59, „Tatort“), die Passagen aus dem Buch las.
Gisèle Pelicot wurde jahrelang von ihrem Ehemann betäubt, vergewaltigt, der Vergewaltigung durch andere Männer ausgesetzt und dabei fotografiert und gefilmt. Dominique Pelicot wurde schließlich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, seine Mitangeklagten ebenfalls zu mehrjährigen Haftstrafen.

Dominique Pelicot wurde für seine Taten zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt
Foto: picture alliance/dpa/France Bleu Vaucluse
So geht es Gisèle Pelicot heute
Als Gisèle Pelicot um kurz nach 19:30 Uhr die Bühne betritt (es ist ihr erster Auftritt in Deutschland), lächelt sie. Sie trägt eine weiße Hose, eine dunkle Bluse, eine Weste und braune Stiefeletten aus Wildleder und wird mit minutenlangem Applaus begrüßt.
Die 73-Jährige holt sichtbar tief Luft, fasst sich ans Herz. Pelicot ist aus London nach Deutschland gereist. In London traf sie zuvor Queen Camilla (78).

Gisèle Pelicot (l.) stellte bei einer Lesung in der Laeiszhalle die deutsche Ausgabe ihrer Memoiren vor. Schauspielerin Maria Furtwängler (59) las Passagen aus dem Buch
Foto: Christian Charisius/dpa
Wie geht es Gisèle Pelicot heute? „Natürlich geht es mir heute sehr viel besser“, erzählt sie. „Ich habe mein Leben wieder in die Hand genommen. Nach 50 Jahren, die ich mit Herrn Pelicot verbracht habe, war das natürlich nicht so einfach.“
Gisèle Pelicot blickt immer wieder direkt in die Augen des Publikums, sie spricht Französisch. Zwei Dolmetscherinnen übersetzen.

Am Montag traf Gisèle Pelicot (r.) in London auf Königin Camilla (78)
Foto: ddp/Aaron Chown/Avalon
Auf der Bühne erinnert sie sich auch an die erste Konfrontation mit ihrer Geschichte. „Als ich zur Polizeiwache ging, habe ich nicht einen Moment geahnt, was mich da erwartet.“
Die Beamten wollten wissen, „ob wir Freunde empfingen, ob wir Swinger sind.“ Diese Art der Befragung habe sie zunächst gewundert und auch empört. Der Polizist habe ihr dann schließlich angekündigt, dass Pelicot das, was er ihr zeigen werde, nicht gefallen werde: Bilder und Videos der Taten. Pelicot sieht diese Bilder und Videos an. Ihre Reaktion: „Das bin ich nicht! Ich habe meine Brille aufgesetzt, mein Schlafzimmer erkannt, aber nicht die Frau, die wie tot da lag. Mein Gehirn hat auf Stop gedrückt. Das war wie ein Tsunami, ein ICE, der mich überrollt hat. Ich habe dort erfahren, dass 53 Männer mich bei mir zu Hause vergewaltigt haben. Es war eine absolute Explosion.“ Und weiter: „Es war für mich unfassbar, dass dieser Mann, mit dem ich 50 Jahre verbracht habe, mich derart betrügen konnte.“
Mehr zum Thema„Nicht das Opfer sollte sich schämen, sondern die Beschuldigten“
Wie kam es zu der Entscheidung, ihren Prozess für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen? „Die Entscheidung habe ich nicht sofort getroffen. Wenn man ein Vergewaltigungsopfer ist, neigt man eher dazu, sich zu isolieren. Man hat die Kraft nicht. Aber nicht das Opfer sollte sich schämen, sondern die Beschuldigten. Ich möchte Ihnen heute Abend sagen, dass ich diese Entscheidung nie bereut habe.“
Hätte Gisèle Pelicot die Öffentlichkeit ausgeschlossen, wäre sie ganz allein gewesen.
Genau das wollte sie nicht. „Ich habe diesen Männern die Stirn geboten während drei Monaten Prozess.“ Ihre Botschaft an diesem Abend in Hamburg und überhaupt ist deshalb sehr klar:„Ich möchte den Menschen sagen: Wenn Sie Opfer sind, schämen Sie sich nie. Zweifeln Sie nicht. Ich hatte diese Kraft, und Sie haben sie auch.“

Gisèle Pelicots Buch „Eine Hymne an das Leben“ (256 S., 25 Euro, Piper) ist seit dem 17. Februar im Handel erhältlich
Foto: IMAGO/snowfieldphotography
Sie möchte ihren Mann im Gefängnis treffen: „Ich bin heute stark“
Gisèle Pelicot berichtet in Hamburg auch von ihrem Plan, ihren Mann im Gefängnis zu besuchen. „Ich konnte mich während des Verfahrens mit Monsieur Pelicot nicht austauschen. Ich hoffe, dass er den Mut hat, mich zu treffen. Denn ich bin heute stark.“
Und deswegen will Gisèle Pelicot nicht auf die Rolle des Opfers reduziert werden. „Ich habe den Opferstatus fünf Jahre getragen. Ich bin aus meiner Asche aufgestiegen. Ich bin geheilt. Ich habe mich neu aufgestellt auf diesem Trümmerfeld. Und ich habe sogar das Glück gehabt, mich neu zu verlieben, obwohl ich mir das nicht vorstellen konnte. Wenn man glaubt, dass einem nichts Gutes mehr passieren kann, sage ich: Doch, doch, das ist möglich.“
Zum Ende liest Gisèle Pelicot einen Abschnitt aus ihrem Buch selbst, auf französisch. Sie entschuldigt sich im Voraus dafür, dass sie vielleicht weinen müsse, weil ihr die Passage immer noch sehr nahe geht. Sie weint nicht.
Als Gisèle Pelicot entschied, den Massenvergewaltigungsprozess 2024 in Avignon öffentlich zu machen, wurde sie von der ganzen Welt für ihren Mut gefeiert. Am Dienstagabend feierten die sonst so zurückhaltenden Hanseaten sie nach anderthalb Stunden mit minutenlangen Applaus. Sie wischt sich am Ende dann doch eine Träne aus dem Augenwinkel.