In der City West werden erneut spektakuläre Hochhausideen diskutiert. Doch weder der „Messeturm“ in Halensee noch der 300-Meter-Turm am Europa-Center oder die Visionen für den Hardenbergplatz haben bislang politische Unterstützung gefunden. Woher rührt diese Zurückhaltung des Berliner Senats?

Am westlichen Stadteingang Berlins könnte ein über 200 Meter hohes Hochhaus entstehen. Im Baukollegium wurde der „Messeturm Berlin“, der unweit des Autobahndreiecks Funkturm errichtet werden soll, erstmals vorgestellt und sorgte sofort für kontroverse Reaktionen zwischen Projektentwicklern, Stadtplanern und Denkmalschützern. / © Visualisierung: REALACE GmbH

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Es wird, wieder einmal, groß geträumt zwischen Funkturm, Gedächtniskirche und Bahnhof Zoo. Denn in der Berliner City West stehen seit dem gestrigen Montag gleich mehrere spektakuläre Hochhausvisionen im Raum – doch bislang hat keine von ihnen über den Status vager Ideen hinaus gefunden.

Während der vor wenigen Tagen öffentlich gewordene „Messeturm“ am Stadteingang West noch komplett in den Startlöchern steckt, ist ein rund 300 Meter hoher Turm am Europa-Center seit Jahren ein wiederkehrender, aber nie konkret verfolgter Entwurf. Hinzu kommt eine dritte Vision: Hochhausplanungen für den Hardenbergplatz, die ebenfalls bislang von der Stadt Berlin kaum aufgegriffen wurden.

Hochhausvisionen für die City West: „Messeturm“, Europa-Center und Hardenbergplatz

Alle drei Ideen zeigen, wie stark der Druck wächst, städtebauliche Profile in der City West neu zu denken; und wie groß die Hürden sind, wenn Denkmalpflege, Sichtachsen und die urbane Identität Berlins im Widerstreit mit spektakulären Bauprojekten stehen.

Erst gestern wurde im Berliner Baukollegium ein neues Hochhausprojekt vorgestellt, das am westlichen Stadteingang in Halensee entstehen könnte: der sogenannte „Messeturm“, oder auch „EXPO-Tower“. Mit einer möglichen Höhe von mehr als 200 Metern wäre der Turm einer der höchsten Neubauten Berlins.

Messeturm am Stadteingang West: Hochhaus-Vision trifft auf Widerstände

Die Initiatoren sehen darin einen städtebaulichen Impulspunkt zwischen Messegelände, Bahninfrastruktur und Autobahn. Doch in Berlins mutmaßlich wichtigstem Fachgremium, dem Baukollegium, stieß die Vision auf deutliche Vorbehalte.

Kritisiert werden vor allem ungelöste Fragen zur Einbindung in den bestehenden Masterplan „Stadteingang West“, eine vermeintlich unzureichende Anbindung an den städtischen Kontext sowie mögliche Konflikte mit denkmalgeschützten Bauwerken wie dem Funkturm Berlin, dem ICC sowie der Avus-Tribüne.

Sichtachsen und die städtebauliche Dominanz dieser historischen Bauwerke werden von Denkmalschützern als wesentlich für den Charakter der City West hervorgehoben. Durch ein 200-Meter-Gebäude sieht das Baukollegium diese Gebäude in ihrer Wirkung stark beeinträchtigt. Im Ergebnis bleibt der „Messeturm“ bislang also eine hochambitionierte Idee, weit entfernt von einem konkreten Bebauungs- oder Wettbewerbsverfahren.

So könnte ein 200-Meter-Turm am Autobahndreieck Funkturm aussehen, doch das Berliner Baukollegium hat deutliche Vorbehalte gegen das Projekt. / © Visualisierung: REALACE GmbH

Europa-Center-Turm mit 300 Metern: Immer wieder im Gespräch, keine konkrete Planung

Noch spektakulärer als der „Messeturm“ ist eine Vision, die in der City West seit mehreren Jahren diskutiert wird: ein Hochhaus mit rund 300 Metern Höhe am Europa-Center, unweit des Breitscheidplatzes.

Im Gegensatz zum „Messeturm“ handelt es sich hierbei um keine neue Idee, sondern um ein wiederkehrendes Thema, das seit Jahren in unterschiedlichsten Variationen öffentlich debattiert worden ist.

Hochhaus am Breitscheidplatz: Gedächtniskirche und Europa-Center würden deutlich überragt

Auch hier stehen monumentale Höhen im Konflikt mit einem historisch gewachsenen Stadtraum: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, das Europa-Center selbst und weitere stadtbildprägende Bauten wären unmittelbar von der Präsenz eines solchen Turms betroffen, die von einem privaten Investor vorangetrieben wird.

Seitens der Politik und der Senatsverwaltung ist eine derartige Entwicklung bislang nicht mitgetragen worden. Sichtachsen, Denkmalpflege und das sensible urbane Gefüge um den Breitscheidplatz gelten als gewichtige Argumente gegen einen Solitär in dieser Dimension. Konkrete Planungsprozesse sind daher nicht in Gang gekommen.

So stellt sich Christoph Langhof den umgestalteten Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo vor. / © Visualisierung: LANGHOF GmbH

Hardenbergplatz: Mobilität, Stadtgrün und Hochhausideen

Eine dritte, bisher ebenfalls unbeantwortete Hochhausvision betrifft den Hardenbergplatz, einen zentralen Knotenpunkt zwischen Bahnhof Zoologischer Garten, Gedächtniskirche und Tauentzien.

Im Rahmen von Überlegungen zur Neuordnung dieses urbanen Raums wurde auch der Gedanke geäußert, dort neue Hochpunkte zuzulassen, um Mobilität, Stadtgrün und Stadtraumentwicklung zu verbinden. Einen konkreten Vorschlag dazu hatte der Architekt Christoph Langhof veröffentlicht, in ganz unterschiedlichen Ausführungen; mal mit mehreren, kleineren Hochhäusern, mal mit einem Gebäude von rund 200 Metern Größe.

Christoph Langhof will den Hardenbergplatz neu ordnen – und Hochhäuser errichten

Die städtebauliche Studie sieht vor, den Platz als multifunktionalen Raum neu zu denken und dabei auch vertikale Akzente zu setzen. Doch bislang blieb dieser Vorschlag in der politischen Debatte weitgehend unbeachtet. So fehlen auch hier konkrete Schritte zu einer Umsetzung.

Der Berliner Senat verfolgt an dieser Stelle nach eigener Auskunft das Ziel, den Hardenbergplatz zu einem multifunktionalen Verkehrsknotenpunkt umzugestalten, mit besonders langer zeitlicher Perspektive. Wirklich konkret sind diese Pläne bislang aber nicht.

Die Idee illustriert jedoch die wachsende Suche nach Antworten auf urbane Herausforderungen: Wie können Verkehrsräume neu gestaltet, Grünflächen etabliert und gleichzeitig neue Gebäudetypologien entwickelt werden? Der Senat zeigt sich von der Idee Langhofs bislang offenbar unbeeindruckt.

Zwischen Vision und Realpolitik: Stadtentwicklung in der City West

Alle drei Hochhausvisionen – „Messeturm“, Europa-Center und Hardenbergplatz – zeigen ein gemeinsames Grundmuster: große Ambition, unklare Planungsgrundlagen, hohe städtebauliche Reibungspunkte.

Zwar verfügt Berlin mittlerweile über ein aktualisiertes Hochhausleitbild, das punktuelle Hochpunkte unter bestimmten Bedingungen ermöglichen soll. In der City West treffen diese Leitplanken jedoch auf historische Bauwerke, sensible Sichtachsen und stark frequentierte zentrale Orte, die eine besondere städtebauliche Qualität erfordern.

Ob und in welcher Form eine dieser Visionen jemals reale Architektur wird, bleibt offen. Vor einer konkreten Planungsinitiative stehen politische Abwägungen, denkmalpflegerische Prüfungen und eine breite öffentliche Debatte, kurz: die Realität einer Hauptstadtplanung, die zwischen Verdichtung, Tradition und urbaner Identität vermitteln will. Dass dies ein mühsamer Prozess ist, dürfte hinlänglich bekannt sein.

 

Quellen: Ketano Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit, REALACE GmbH, Berliner Baukollegium, Max Dudler, C.F. Møller Architects, AG City, Europa Center, Der Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Deutsches Architektur Forum, Architektur Urbanistik Berlin, LANGHOF GmbH