Der in Dresden geborene Lyriker und Essayist Durs Grünbein ist am Dienstag in Leipzig mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet worden. Wie die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig mitteilte, erhielt er eine Sonderausgabe der Auszeichnung im Andenken an den Leipziger Schriftsteller Loest (1926–2013) an dessen 100. Geburtstag. Die Laudatio auf Grünbein hielt der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck.
Die Jury hatte zur Begründung mitgeteilt, der 1962 geborene Grünbein behandle in seiner Prosa (auto-)biografische Themen vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Geschichte. Als Beispiel nannte sie Grünbeins Werke „Die Jahre im Zoo“ (2017), „Jenseits der Literatur“ (2020) und „Der Komet“ (2023). Grünbein erkunde „das Zusammenspiel von Sprache, Fotografien, Gedächtnis und Fiktionen, bezogen auf das Trauma der Zerstörung seiner Geburtsstadt Dresden sowie auf die Mechanismen totalitärer Herrschaft und Gewaltgeschichte im 20. Jahrhundert“.
Vielleicht bin ich ja gar nicht der Richtige.
Durs Grünbein über seine Auszeichnung mit dem Erich-Loest-Preis
Grünbein sieht Parallelen zum Schaffen von Loest
Grünbein sagte vor der Preisverleihung dem MDR, als er erfahren habe, dass er die Auszeichnung bekommen solle, habe er zunächst gedacht: „Vielleicht bin ich ja gar nicht der Richtige.“ Denn mit dem Namen Loest verbinde sich literarisch die DDR-Geschichte: „Und in diesem Feld bin ich ja bisher gar nicht so sehr aufgefallen. Mein Werk besteht im Wesentlichen aus Gedichten.“ Außerdem sei er „kein Stück DDR-Geschichte – höchstens ansatzweise“, da sein erster Band aus dem Jahr 1988 „Momentaufnahmen aus der letzten Phase“ der DDR-Gesellschaft festhalte.
Dennoch sieht Grünbein in seinem Schaffen Anknüpfungspunkte zur Literatur Loests. Als Beispiel nannte er sein Buch „Der Komet“ (2023). Darin erzählt Grünbein das Schicksal seiner Großmutter, die als junge Frau die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg erlebte. Er erklärte: „Das Thema war mir früh aufgegeben als jemand, der in Dresden geboren ist.“ Er habe versucht, in dem Buch einen Teil seiner Familiengeschichte zu erzählen.
Auch Loest habe in seiner Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“ (1981) seine eigene Karriere als Jugendlicher in der Hitlerjugend erzählt, und zwar „ganz unsentimental und unbeschönigt“. Loest schreibe dabei auch aus heutiger Sicht „sehr kühne Stellen, wenn man vergleicht, wie schwer es vielen fällt, in ihrem eigenen Leben an diese Punkte heranzukommen“. Deshalb sei es für ihn „eine große Ehre“, in Zusammenhang mit Loest gebracht zu werden.
Erich Loest als Zeuge zweier Diktaturen
Persönlich begegnet sei er Loest nur einmal, und davon sei ihm dessen Physiognomie in Erinnerung geblieben: „Diese leicht traurigen Augenlider. Ein wirklich faszinierendes Gesicht eines Menschen, der das 20. Jahrhundert durch und durch erlebt hat.“
Erich Loest wurde 1926 in Mittweida (Sachsen) geboren. Im April 1944 stellte er den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP und nahm gegen Kriegsende noch am Zweiten Weltkrieg teil. Ab 1950 lebte er als Schriftsteller in Leipzig. Als zunächst überzeugtes SED-Mitglied erschütterte der Aufstand vom 17. Juni 1953 sein Weltbild. Wegen seiner Kritik an der SED-Führung kam er sieben Jahre in Haft in Bautzen. 1981 reiste er in den Westen aus. Nach der Friedlichen Revolution kehrte er 1990 nach Leipzig zurück. 2013 nahm er sich dort im Alter von 87 Jahren das Leben.
In Erinnerung an ihn hat die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig 2016 den mit 10.000 Euro dotierten Erich-Loest-Preis ins Leben gerufen. Er wird seit 2017 alle zwei Jahre vergeben und zeichnet nach Angaben der Stiftung Autorinnen und Autoren aus, „die mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten“ und dem mitteldeutschen Raum verbunden sind.
Quelle: MDR SACHSEN (Andreas Berger), Medienstiftung der Sparkasse Leipzig; redaktionelle Bearbeitung: hki