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Berlin – Ihr Namensschild klebt noch am Klingelknopf. Doch Annette S. (73) darf nicht mehr zurück in ihre Wohnung. 40 Jahre lebte sie in dem Charlottenburger Altbau. Vergangenen Mittwoch (18.2.) wurde sie obdachlos – drei Tage, nachdem sie von einer Krebs-Operation aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

„Ziehen Sie sich ihre Strümpfe und Schuhe an und verlassen Sie diese Wohnung, sagte die Gerichtsvollzieherin zu mir“, erzählt Annette S. Ein paar Kleidungsstücke, einige Medikamente und ihren Schmuck packte sie hastig zusammen. Bis zum Schluss hatte sie auf ein Wunder gehofft. „Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich denke, ich stecke in einem schlechten Traum fest.“

Hinterhaus, 1. Stock, zwei Zimmer: Annette S. (73) bekam die Kündigung, nachdem sie die Mieterhöhung vergessen hatte zu überweisen

Hinterhaus, 1. Stock, zwei Zimmer: Annette S. (73) bekam die Kündigung, nachdem sie die Mieterhöhung vergessen hatte zu überweisen

Foto: Christian Lohse/Bild

Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit Annette S., die früher als Krankenschwester gearbeitet hat. 2015 wurde der Altbau in der Friedbergstraße 15 saniert, das Dachgeschoss ausgebaut. Sie wohnte im 4. Stock. „Dieser Umbau hat mir sehr zugesetzt. Und dann krachte auch noch die Decke runter“, sagt sie. 2016 hatte sie einen Herzinfarkt, danach bekam sie schwere Depressionen und erholte sich nur langsam.

Sie hatte vergessen, die Mieterhöhung zu zahlen

Sie konnte in den 2. Stock umziehen: Zwei Zimmer, 60 Quadratmeter, 403 Euro warm. 2019 wurde ihre Wohnung an eine Österreicherin verkauft. „Es kam zu zwei Kontowechseln und die Miete wurde erhöht“, sagt Annette. Doch sie machte einen fatalen Fehler: Sie überwies die Miete auf das falsche Konto und vergaß, die Mieterhöhung von 140,08 Euro aufzuschlagen.

Deshalb kündigte ihr 2020 die Eigentümerin – u. a. auch, weil sie den falschen Kellerraum genutzt hatte. Die Rentnerin nahm sich einen Rechtsanwalt, es kam zu einem Vergleich. Sie durfte bleiben, aber sollte bis zum 31. Dezember 2025 ausziehen.

40 Jahre lebte Annette S. (73) in der Friedbergstraße 15. Am Freitag wurde sie geräumt

40 Jahre lebte Annette S. in Berlin-Charlottenburg

Foto: Christian Lohse/Bild

Ihre Depressionen verschlimmerten sich. „Ich habe keine bezahlbare Wohnung gefunden.“ Dann der Schock: Im Dezember 2025 wurde bei ihr aggressiver Unterleibskrebs diagnostiziert. Kurze Zeit später verstarb ihr Hund, der seit 15 Jahren ihr treuer Begleiter gewesen war. „Der einzige Grund, noch vor die Tür zu gehen.“

Anfang Januar wurde sie operiert. Die Ankündigung des Räumungstermins kam per Bote – als sie im Krankenhaus lag. Im Februar musste sie erneut operiert werden.

Drei Tage nachdem sie aus der Klinik in ihre Wohnung zurückgekehrt war, wurde sie geräumt. Ihre Möbel und Sachen wurden eingelagert. Sie wohnt vorübergehend bei einer Freundin. „Aber da kann ich nicht bleiben“, sagt Annette S. „Sie ist an Demenz erkrankt und ein Pflegefall.“

Sie hatte der Vermieterin ein Attest vorgelegt

Am Montag (23. Februar) begann die Rentnerin ihre Chemotherapie – ein Jahr lang bekommt sie Infusionen. Sie hat mithilfe eines Nachbarn die Vermieterin am 11. Dezember über die Krebs-OP informiert. Es wurde ein ärztliches Attest vorgelegt, dass Annette S. zur Genesung ein stabiles Umfeld benötigt. Die Besitzerin der Wohnung hat daraufhin einen Anwalt eingeschaltet.

Dieser antwortete auf B.Z.-Anfrage: „Von einem Krankenhausaufenthalt, zumal wenige Tage zuvor, war/ist uns nichts bekannt.“

Über den Verein Amos wurde Annette eine 1-Zimmer-Wohnung zur Verfügung gestellt. „Aber da kann ich nur kurze Zeit bleiben“, sagt Annette S. „Ich suche nun dringend eine Bleibe, die ich für den Rest meines Lebens mein Zuhause nennen kann.“

Im letzten Jahr wurden in Berlin rund 2200 Wohnungen zwangsgeräumt, hauptsächlich wegen Mietrückständen.