Nahansicht einer Brillenblattnasen-Fledermaus

AUDIO: Marschbahn: Fledermaus-Kartierung läuft (1 Min)

Stand: 25.02.2026 11:46 Uhr

Die Marschbahn zwischen Itzehoe und Sylt soll künftig elektrisch fahren. Bevor die Deutsche Bahn mit dem Ausbau beginnen kann, müssen Quartiere für Fledermäuse gesucht werden. So gehen die Ingenieure mit dem Umweltschutz um.

von Theresa Ehrl

Annelie Otten ist auf Fledermaussuche in Heide (Kreis Dithmarschen). Mit einer Endoskopkamera und einer Taschenlampe stochert sie gerade in einem Baum herum. Sie versucht zu entscheiden, ob sich dort Fledermäuse wohlfühlen könnten. Ihr Fazit: nein! Zu viele Pilze, zu wenig Platz. Der Baum am Heider Bahnhof ist bei Weitem nicht der einzige Baum, der von der Gesellschaft für Freiland, Ökologie und Naturschutzplanung (GFN) geprüft wird.

Marschbahn nach Westerland auf Sylt

Zwei Personen in einem Steiger bei Baumarbeiten

Annelie Otten überprüft, ob in Bäumen Fledermäuse leben könnten.

Entlang der gesamten Marschbahn von Itzehoe (Kreis Steinburg) nach Westerland auf Sylt (Kreis Nordfriesland) untersuchen Fledermaus-Expertinnen und -Experten Bäume und Brücken, denn wo ein Quartier gefunden wird, dürfen die Ingenieurinnen und Ingenieure nicht einfach bauen. Neue technische Infrastruktur ist entlang der Strecke aber nötig, um die Marschbahn zu elektrifizieren.

Klima- oder Umweltschutz: Was kostet die Vereinbarkeit

Insgesamt 117 Brücken und Tausende Bäume müssen erst von Fledermausexpertinnen und -experten untersucht werden, bis der Marschbahn-Ausbau fertig geplant werden kann. Um das zu bezahlen, geht das Land Schleswig-Holstein in Vorleistung. Einen mittleren einstelligen Millionenbetrag lässt es sich das kosten. Das sind ungefähr 10 bis 15 Prozent der Vorplanungskosten. Ein Betrag, den die Fledermäuse laut Matthias Göttsche vom NABU durchaus wert sind. Solche Maßnahmen sind nicht ohne Grund notwendig.

Fledermäuse besonders anfällig für Eingriffe des Menschen

Eine Zwergfledermaus, festgehalten zwischen Fingern.

Unter anderem die Zwergfledermaus ist in Schleswig-Holstein verbreitet.

Nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern in ganz Europa zählen alle Fledermausarten zu den geschützten Tieren. Fledermäuse sind nämlich – anders als der Name vermuten lässt – keine Mäuse, sondern eine eigene Säugetierart. Und deshalb teilen sie auch nicht die schnelle Reproduktionsrate mit den Nagetieren.

Laut Göttsche bekommen sie nur ein einziges Jungtier pro Jahr. Deshalb ist die Population der Tiere besonders anfällig für Eingriffe des Menschen – wie zum Beispiel beim Ausbau der Marschbahn.

Zusätzlich sind sie klein, leicht zu übersehen und haben spezielle Lebensansprüche. „Da kann man sich schnell vorstellen, dass man, wenn man auf diese Tiere nicht achtet, sie uns schnell verloren gehen können“, erklärt Göttsche.

Wir bringen sie zum Aussterben, um das mal so deutlich zu sagen.

Matthias Göttsche, Fledermausexperte beim NABU

Ausbau der Marschbahn: Darum ist Fledermausmonitoring kompliziert

Ein Untersucht ein Mauerwerk nach Spuren von Fledermäusen.

Matthias Göttsche ist Fledermausexperte beim NABU.

Für Großprojekte sind Fledermäuse oft ein Problem, umgekehrt sind die Großprojekte für Fledermäuse häufig tödlich. Wenn Bäume gefällt werden zum Beispiel oder nicht lang genug nach Quartieren gesucht wird. Manche Fledermäuse leben nämlich nicht in Gebäuden, sondern in Baumhöhlen, erklärt Matthias Göttsche vom NABU.

Gerade im Winter werden die vermehrt gefällt, um brütende Vögel nicht zu gefährden. Dass Fledermäuse in den Bäumen schlafen könnten, werde häufig nicht bedacht, sagt Göttsche. Und das ist nicht das Einzige, was beachtet werden muss.

Gleich mehrere Lebensräume müssen geschützt werden

Das Fledermausmonitoring ist eine komplizierte Angelegenheit – und zwar egal, ob das in der Vorplanung für Großprojekte geschieht oder zu allgemeinen Studien zur Biodiversität. Der Grund: Je nach Art bevorzugen sie unterschiedliche Wohnräume.

Eine Fledermaus fliegt in einen Bunker.

Diese Fledermaus – ein braunes Langohr – hat ihr Quartier in einem Bunker.

Sie leben zum Beispiel unterirdisch in Wohnhäusern, unter Brücken oder eben in Bäumen – und diese Präferenzen ändern sich je nach Jahreszeit. „Das heißt also, sie leben im Sommer ganz woanders als im Winter“, erklärt Göttsche. Das heißt, gleich mehrere Lebensräume müssen geschützt werden. Deshalb fordert die Umweltplanung im Zeitplan des Marschbahnausbaus einen großen Platz ein.

Eine Fledermaus ("Graues Langohr") im Flug.

Fledermäuse sind gefährdet, da ihnen nötige Lebensräume und auch Nahrung fehlen – dabei sind sie wichtig für das ökologische Gleichgewicht.

Umweltprüfung noch bis September

Entlang der Marschbahn-Strecke zwischen Itzehoe und Heide übernimmt Annkatrin Weber-Gerlach die aufwendige Umweltplanung. Bevor die nötige technische Infrastruktur geplant werden kann, müssen Fledermausexpertinnen und -experten dort 42 Brücken überprüfen und alle Bäume, die sich in einem Bereich von 25 Metern rechts und links von der Strecke befinden, so Weber-Gerlach.

Eine Frau blickt frontal in die Kamera, es ist Frau Dr. Weber-Gerlach projektleitende Ingenieurin der Umweltplanung von DB Engineering & Consulting GmbH.

Annkatrin Weber-Gerlach arbeitet an der Umweltplanung des Projekts Marschbahnausbau zwischen Itzehoe und Heide.

Noch bis September haben sie dafür Zeit, damit nicht nur Winter- sondern auch Sommerquartiere kartiert werden können. Wird ein mögliches Quartier oder sogar ein bewohntes gefunden, könne ein geplanter Bau an der Stelle jetzt noch umgeplant werden, erklärt Weber-Gerlach.

Sollte das nicht gehen, müssten neue Quartiere geschaffen und die Fledermäuse umgesiedelt werden. Ein aufwendiges Projekt, das viel Manpower erfordere, sagt Weber-Gerlach weiter. Momentan lägen sie mit den Untersuchungen aber sehr gut in der Zeit.

Eine Luftaufnahme von der Baustelle der Autobahn A20 nahe Bad Segeberg

Die Landesregierung und Umweltorganisationen hatten seit Monaten verhandelt. Es ging um den Schutz für Fledermäuse.

Die Marschbahn steht in einem Bahnhof

Davon geht das Bundesverkehrsministerium aus. Grund sind nach eigenen Angaben zu erwartende Baukostensteigerungen.

Nahansicht einer Brillenblattnasen-Fledermaus

Die Kalkberghöhle dient Fledermäusen als Winterquartier. Nebenan informiert die Ausstellung Noctalis über die scheuen Tiere.

Eine Fledermaus blickt frontal in die Kamera

Winterzählungen zeigen mehr Fledermäuse und mehr Arten in den Landesforsten. Naturnahe Waldwirtschaft wirkt.

Eine Ratte geht vor dem Eingang eine Höhle auf Jagd nach Fledermäusen

Einem Forscherteam ist es erstmals gelungen, Ratten dabei zu filmen, wie sie in Bad Segeberg gezielt auf Fledermaus-Jagd gehen.