Bisher hat Russland für seinen Angriffskrieg einen unerschöpflich scheinenden Nachschub an Soldaten, die mit viel Geld in den Krieg gelockt werden. Doch im Januar verlor die russische Armee laut Medienberichten 9000 Soldaten mehr, als sie rekrutieren konnte. Sollte das der Start eines langfristigen Trends sein, bekommt die russische Invasionsarmee in der Ukraine ein Problem.
Doch womöglich hat der Kreml längst Maßnahmen eingeleitet, um den Nachschub zu sichern.
Im Dezember vergangenen Jahres unterzeichnete Machthaber Wladimir Putin ein Dekret zur Einberufung von Reservisten zur Militärausbildung. Es geht um Männer mit militärischen Erfahrungen aus der Vergangenheit, die meisten von ihnen sind ehemalige Wehrdienstleistende. Es ist nicht bekannt, wie viele Männer bis dato einberufen wurden.
Doch klar ist: Einberufungen sind eine in Russland unpopuläre Entscheidung – besonders, wenn die Betroffenen nach der Auffrischung ihrer Kenntnisse tatsächlich in die Ukraine geschickt werden.
Womöglich genau deswegen hat Putin sein Land kürzlich auf größere Entbehrungen eingeschworen.
Zwei Putin-Reden liefern Hinweise auf Vorbereitung von Zwangsrekrutierungen
Am 23. Februar richtete sich der Kreml-Chef in zwei Reden an die russische Bevölkerung und explizit auch an die Armee. Anlass war der „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“, ein von Lenin eingeführter Feiertag zu Ehren der Streitkräfte. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) sieht die Äußerungen Putins als kommunikative Vorbereitung für die kommenden Zumutungen.
So hätten die Soldaten Russlands in Putins Worten eine „enorme Verantwortung für die Menschen“ und „für unsere gemeinsame Sache“. Das Wort „Verantwortung“ fällt mehrfach. Putin bezeichnet diese Soldateneigenschaft an einer Stelle sogar als das Wichtigste. Dem ISW zufolge handelt es sich hier „wahrscheinlich um den Versuch, dem russischen Volk ein Gefühl der staatsbürgerlichen Pflicht zu vermitteln“.
Nach Interpretation der US-Experten will Putin durch seine Appelle mögliche Gegenreaktionen auf eine neue Mobilisierung mildern. Der Kreml-Herrscher dürfte nicht vergessen haben, was das letzte Mal passierte, als Russen in den Krieg gezwungen wurden.
Die jüngste und bisher einzige russische Zwangsrekrutierung im Invasionskrieg fand im September 2022 statt. Anschließend gab es Proteste in Russland und es bildeten sich lange Autoschlangen an den Landesgrenzen. Seitdem jedoch ist es ruhig geblieben. Die russische Regierung dürfte ein Interesse daran haben, dass es so bleibt, selbst wenn demnächst doch wieder Reservisten an die Front geschickt werden.
Nach Finnland anstatt in den Krieg: Russen stehen im September 2022 an der Grenze.
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Ebenfalls auffällig: Putin hat sich am 23. Februar auch mit den Witwen gefallener Soldaten getroffen. Dabei sicherte er den Frauen die fortbleibende staatliche Unterstützung zu. Das ISW sieht auch in diesem Treffen eine Botschaft an die russische Bevölkerung: Die Regierung werde weiterhin für ihre Soldaten sorgen, auch im Falle weiterer Zwangsrekrutierungen.
Das ISW schreibt: „Putins Bemühungen, mit Witwen zu sprechen, sind bemerkenswert, da unzufriedene Ehefrauen und Mütter von Veteranen bereits große sowjetische und russische Bewegungen anführen konnten“.
Medwedew spricht vom „Preis des Sieges“
Auch bei Dmitri Medwedew beobachtete das ISW den Versuch, einen neuen Ton zu setzen. Der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats traf sich am 23. Februar ebenfalls mit Soldaten. Dabei trug er eine Uniform – obwohl er kein Mitglied des Militärs und nicht mehr der Oberbefehlshaber ist.
Medwedew behauptete vor den Soldaten, dass „der Preis des Sieges bedeutsam ist“. Das ISW hält die ausdrückliche Aussage über den „Preis“ für bemerkenswert. Sie drücke eine Akzeptanz der sozialen Kosten des Kriegs aus.
Weiterhin habe Medwedew angedeutet, dass die russischen Behörden sich um alle unfreiwillig mobilisierten Soldaten „kümmern“ würden, anstatt sie in den Tod zu schicken. Hier versucht Medwedew offenbar, einer begründeten Sorge entgegenzuwirken: Bisher besteht die russische Kriegstaktik nämlich im Verheizen der eigenen Männer. Aktuelle Schätzungen gehen von 220.000 bis 325.000 getöteten Soldaten aus, so viele wie in keinem anderen Krieg unter russischer Beteiligung seit 1945.
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Allerdings scheint sich der Kreml bei der Vorbereitung einer neuen Mobilisierung nicht auf die Appelle und Beschwichtigungen seines Spitzenpersonals zu verlassen. Die Experten des ISW erinnern in diesem Zusammenhang an die jüngsten Zensurbemühungen Russlands im Internet. Diese Maßnahme könnte ebenfalls darauf abzielen, künftige Proteste gegen Zwangsrekrutierungen zu verhindern.